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Gefangenenaustausch zwischen Kiew und Moskau Darauf haben sie lange gewartet

Für die Familien der Gefangenen schließt sich - endlich - der Kreis: Russland und die Ukraine haben in großem Stil Gefangene ausgetauscht. Auch der seit 2014 in Russland inhaftierte bekannte Regisseur Oleh Senzow ist frei.

Frauen und Kinder haben ukrainische Fahnen und Blumen mitgebracht, einige singen Lieder, manche weinen. Zwischen den Wartenden steht auch der Präsident der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj. Es sind bewegende Szenen, die sich an diesem Vormittag auf dem Rollfeld des Flughafens Boryspil nahe Kiew abspielten - Szenen, die eine lange Vorgeschichte haben.

Gefangenenaustausch: Russisches Flugzeug auf dem Kiewer Flughafen Boryspil

Gefangenenaustausch: Russisches Flugzeug auf dem Kiewer Flughafen Boryspil

Foto: Gleb Garanich/ REUTERS

Die ukrainische Hauptstadt ist Schauplatz eines historischen Vorgangs: Trotz der extrem belasteten Beziehung zwischen der Ukraine und Russland haben die beiden Nachbarländer nun Dutzende Gefangene ausgetauscht. Darunter befinden sich unter anderem die zwei Dutzend ukrainischen Matrosen, die seit Monaten in Russland festsaßen.

Lauter Jubel brandet auf, als der Regisseur Oleh Senzow über eine kleine Treppe den Flieger verlässt: Mehr als fünf Jahre hat der Filmemacher in russischen Gefängnissen verbracht, seit er im Mai 2014 auf der Krim verhaftet wurde. Die Krim ist Senzows Heimat, doch er widersetzte sich der militärisch ins Werk gesetzten Annexion der Halbinsel. 2015 wurde er in einem von Beobachtern als "Schauprozess" kritisierten Verfahren zu 20 Jahren Lagerhaft verurteilt, wegen "Terrorismus".

Massive internationale Proteste für den auch über die Grenzen der Ukraine bekannten Regisseur blieben damals ergebnislos.

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Ähnliche Szenen spielten sich zeitgleich auch auf russischer Seite ab. Ein Flugzeug mit bislang in der Ukraine gefangenen Russen landete in Moskau.

Moskau und Kiew hatten auf Initiative des ukrainischen Präsidenten Selenskyj seit Ende Juli über den Austausch von Gefangenen zur Entspannung der beiderseitigen Beziehungen verhandelt - Medienberichten zufolge soll es um jeweils 35 Häftlinge gegangen sein.

Der Austausch schien bereits vor einer Woche anzustehen, wurde dann aber wieder verschoben. Bis zuletzt wurde um die Namen auf der Liste gehandelt. Während in der Ukraine einiges bekannt wurde, ist über die russischen Gefangenen, die ausgetauscht werden sollen, bislang wenig bekannt.

Russischer Beamter neben Gefangenentransporter in Moskau: Ein Durchbruch?

Russischer Beamter neben Gefangenentransporter in Moskau: Ein Durchbruch?

Foto: Vasily Maximov/ AFP

Für Aufsehen sorgte der Name Wladimir Tsemach. Der ehemalige Kommandeur einer prorussischen Luftwehreinheit in Donezk war in dieser Woche überraschend von einem Gericht in Kiew freigelassen worden. Er gilt als wichtiger Augenzeuge im Fall des im Juli 2014 abgeschossenen Passagierflugzeugs MH 17. Eine ukrainische Spezialeinheit hatte ihn im Juni im Donbass gekidnappt und nach Kiew gebracht, wo er in Haft saß. Es ist nicht klar, ob er nun auf der Liste der Gefangenen beim Austausch ist.

Zuletzt hatte Staatspräsident Selenskyj mehrere Inhaftierte für die Übergabe an Russland begnadigt. Erst in der vergangenen Woche hatte ein ukrainisches Gericht auch den des Hochverrats beschuldigten russischen Journalisten Kirill Wyschinski aus der Untersuchungshaft entlassen.

Freigelassen: Journalist Kirill Wyschinski

Freigelassen: Journalist Kirill Wyschinski

Foto: Serhii Nuzhnenko/ REUTERS

Wyschinski ist Leiter des Ukraine-Büros einer staatlichen russischen Nachrichtenagentur. Der 52-Jährige war im Mai 2018 vom ukrainischen Geheimdienst festgenommen worden, weil er in Artikeln die russische Annexion der Schwarzmeer-Halbinsel Krim 2014 gerechtfertigt haben soll.

Wyschinski selbst wollte Medienberichten zufolge seine Unschuld beweisen und lehnte daher einen Austausch ab - den hatte zuvor der ukrainische Präsident Selenskyj im Austausch gegen den Filmemacher Senzow in Betracht gezogen.

Bereits am Donnerstag hatte Russlands Staatschef Wladimir Putin sich erstmals öffentlich zu dem Gefangenenaustausch geäußert. Geplant sei ein großangelegter Austausch, der "ein großer Schritt hin zur Normalisierung" der russischen Beziehungen zur Ukraine bedeute.

Das Verhältnis zwischen Kiew und Moskau ist seit der Krimkrise 2014 und dem bewaffneten Konflikt in der Ostukraine extrem angespannt. Putin hatte die Verhaftung Wyschinskis wiederholt verurteilt. 2015 hatte er dem Journalisten per Dekret die russische Staatsangehörigkeit zugebilligt.

mxw/beb/dpa/Reuters