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Verhafteter Waffenschmuggler: Der Stolz des ukrainischen Geheimdienstes

Foto: DPA/ Security Service of Ukraine

Verhafteter Terrorist in der Ukraine Waffenschwemme aus dem Osten

Hat der Kiewer Geheimdienst Anschläge bei der Fußball-EM vereitelt? Vermutlich war der in der Ukraine verhaftete Franzose kein Terrorist, sondern einer von vielen Waffenschiebern in Osteuropa.

Es war eine spektakuläre Meldung, die der ukrainische Geheimdienst zu Beginn der Woche verbreitete: Man habe angeblich 15 Anschläge auf die Fußballeuropameisterschaft in Frankreich verhindert. Das klang so aufsehenerregend, dass schnell die ersten Zweifel aufkamen.

Der Geheimdienst hatte in der Ukraine einen Franzosen namens Grégoire M. festgenommen, mit mehr als 130 Kilogramm Sprengstoff im Gepäck. Angeblich habe er Frankreich mit Terror überziehen wollen. Als Grund habe er Hass auf Muslime und Juden und Ärger über die Einwanderungspolitik der Regierung in Paris angegeben.

Frankreichs Behörden reagieren sehr zurückhaltend auf die Angaben der Ukraine. "Dieser junge Mann ist französischen Geheimdiensten unbekannt", sagte Thomas Pison, Staatsanwalt in Nancy, der Nachrichtenagentur Reuters. Man gehe eher von einem Fall illegalen Waffenschmuggels aus. Und tatsächlich hat sich die Ukraine durch den Krieg zu einem Zentrum des illegalen Waffenhandels entwickelt.

Gregoire M. hatte nach Angaben des ukrainischen Geheimdienstes SBU Kontakte zu bewaffneten Verbänden in der Ostukraine aufgebaut und sich nach der Möglichkeit erkundigt, Waffen zu kaufen. Der Franzose soll rechtsextrem sein. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung stießen Ermittler auf selbst gebastelte Sprengsätze und ein T-Shirt der rechten Bewegung "Renouveau français" ("französische Wiedererweckung").

Im Video: Franzose mit Waffen und Sprengstoff festgenommen

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In der Ostukraine kämpfen zahlreiche Freiwilligenverbände gegen von Russland unterstützte und ausgerüstete Separatistenverbände. Mehrere dieser Freiwilligenbataillone gehören dem rechtsextremen Spektrum an. Zum Beispiel die Einheiten des nationalistischen "Rechten Sektors" und des "Regiments Asows" - dessen Wappen zeigt eine Wolfsangel, ein Symbol, das auch bei deutschen Neonazis beliebt ist.

Die französischen Ermittler haben die Behörden in der Ukraine um zusätzliche Informationen zu dem Fall gebeten, nach Angaben von Reuters jedoch bislang noch keine Antwort erhalten.

Täglich Reisende mit Waffen im Gepäck

In der Ukraine floriert das illegale Geschäft mit Waffen. Polizei und Geheimdienst heben fast im Wochentakt illegale Waffenlager aus und stellen Kalaschnikow-Gewehre, Sprengstoff und sogar Raketenwerfer sicher, die offenbar ursprünglich aus dem Kriegsgebiet Ostukraine stammen. Nach Angaben des Kiewer Innenministeriums nimmt die Bahnpolizei in Kiew täglich Reisende aus dem Osten mit Waffen im Gepäck fest. In der Regel handele es sich dabei um Kämpfer aus Freiwilligenbataillonen oder Armeeangehörige.

Bereits zu Beginn dieser Woche meldete die Kiewer Staatsanwaltschaft die Verhaftung mehrerer Männer, die offenbar gezielt im Kriegsgebiet Waffen aufgekauft und in die ukrainische Hauptstadt gebracht hatten. Fotos der Ermittler zeigen Sturmgewehre, zahlreiche Patronen und Handgranaten.

Anfang Juni hatten ukrainische Polizisten in einer Garage in Kiew große Mengen Sprengstoff gefunden, dazu zahlreiche Zünder, Munition unterschiedlichen Kalibers sowie rund 60 Handgranaten. In der südukrainischen Stadt Saporoschje gingen den Behörden im April Schmuggler ins Netz, zu deren Arsenal neben mehreren Kalaschnikow-Gewehren auch ein vollautomatischer Granatwerfer aus der Ostukraine gehörte.

Der bis zur Verhaftung des Franzosen Gregoire M. spektakulärste Fund aber datiert von Februar 2016: Damals stoppte der SBU einen BMP-Schützenpanzer auf der Fahrt von Osten nach Kiew. Die Fracht des Fahrzeugs: 85 Kilo Sprengstoff, 29 Panzerminen, 480 Granaten sowie eine Abschussplattform für Panzerabwehrraketen.

Die Waffenschwemme ist eine Folge des Krieges

Laut der ukrainischen Polizei werden auch bei Verbrechen zunehmend Waffen verwendet, die eigentlich für den Einsatz in der Ostukraine gedacht waren. Als Gründe für die Waffenschwemme nennen die Behörden die unzureichende Kontrolle der bewaffneten Freiwilligenverbände sowie Mängel bei der Disziplin innerhalb der ukrainischen Armee. Bekannt sind Fälle von Militärangehörigen, die ihr Einkommen mit dem Verkauf von Waffen aufbessern wollten. Ein einfacher Soldat verdient im Monat umgerechnet rund 250 Euro, ein Brigade-Kommandeur 570 Euro.

Auch auf der anderen Seite der Front blüht der Waffenschmuggel. Russische Medien nennen das Phänomen "Echo des Krieges". In der selbst ernannten "Volksrepublik Luhansk" sind eigens freiwillige russische Kämpfer unterwegs, die auf Bitten Moskaus verhindern sollen, dass Waffen aus dem Kriegsgebiet nach Russland gelangen. So zitierte die Moskauer Tageszeitung "Kommersant" 2015 den russischen Freischärler Igor Manguschew mit den Worten, regelmäßig tauchten im Kriegsgebiet "Personen auf, die eindeutig nicht zum Kämpfen gekommen sind, sondern wegen der Waffen".

Im russischen Gebiet Rostow nahe der Grenze ist die Zahl von Verbrechen gestiegen, bei denen Schusswaffen zum Einsatz kamen, plus 12,5 Prozent allein im ersten Halbjahr 2015. Die russischen Behörden haben die Kontrollen an mehreren Grenzübergängen verstärkt.


Zusammengefasst: Der Franzose, der in der Ukraine verhaftet wurde, war wohl ein Waffenschmuggler. Das illegale Geschäft floriert seit dem Ausbruch des Krieges in der Ostukraine - nicht zuletzt wegen der vielen Kämpfer der Freiwilligenbataillone, die mit Waffen handeln.

mit Material von Reuters