Ukraine vor der Präsidentschaftswahl Sozialpopulistin gegen Schokokönig gegen Spaßmacher

Wer übernimmt die Macht in der Ukraine? Präsident Petro Poroschenko und dessen ewige Rivalin Julija Tymoschenko überziehen sich mit Betrugsvorwürfen. Am Ende könnte ein Comedian profitieren.

SPIEGEL ONLINE; REUTERS; AFP

Aus Bila Tserkwa und Juschne berichten und (Fotos)


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Blumen in Blau-Gelb hat Anastasia Wydra gekauft - den Nationalfarben der Ukraine. Die wird sie später Wolodymyr Selensky überreichen, aber erst einmal wird die 28-Jährige wie Hunderte im Saal des Kulturhauses in Bila Tserkwa viel lachen. Besonders dann, wenn der Komiker selbst auf der Bühne steht.

"Wieso tritt Poroschenko für eine zweite (Amts-)Zeit an?", fragt Selensky mit seiner tiefen Bass-Stimme. "Damit er nicht eine erste (Haft-)Zeit bekommt." Er spielt mit dem Wort srok, das je nach Kontext viele Bedeutungen haben kann.

Anastasia und Stanislaw Wydra in Bila Tserkwa
Maxim Sergienko/ SPIEGEL ONLINE

Anastasia und Stanislaw Wydra in Bila Tserkwa

Mehrdeutig ist an diesem Abend vieles - allein schon die Tatsache, dass Selensky mit seiner Truppe vom "Studio Kwartal 95" in der 200.000-Einwohner-Stadt eine Autostunde von Kiew entfernt auftritt. Schließlich will der 41-jährige Schauspieler und Fernsehproduzent den bisherigen ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko beerben.

"Das ist hier nicht Teil der Wahlkampagne", behauptet Selensky auf der Bühne. Wieder hat er die Lacher auf seiner Seite. "Sie wissen selbst, was zu tun ist", fügt er hinzu. Der Saal, in dem jüngere Menschen und die örtliche Mittelschicht sitzen, klatscht begeistert.

Reuters/Kvartal95

Selensky: tagsüber Kandidat, abends Komiker?

Selensky, der führende Comedian der Ukraine, tourt durchs Land. Immer mit dabei sind seine Sicherheitsleute, die auch Journalisten im Auge behalten, sowie Kamerateams seiner Firma Kwartal 95. Ausschnitte von Selenskys Auftritten landen später in den sozialen Netzwerken.

Gezeigt wird eine Art "Heute-Show" live: Selensky und seine Mannschaft machen sich über führende Politiker der Ukraine lustig, auch seine Konkurrenten Poroschenko und Julija Tymoschenko werden angegangen, was mal mehr, mal weniger lustig ist.

Nur, dass die beiden eben Politiker sind - und man bei Selensky nicht so recht weiß, woran man eigentlich ist. Ist er nun ein Präsidentschaftskandidat oder ein Comedian, der vor allem den Menschen gefallen will?

Die Stimmung im Land

Die Grenzen zwischen Show und Politik scheinen bei Selensky fließend, und sie sollen es wohl auch sein. Die neue Staffel seiner beliebten TV-Serie "Diener des Volkes", in der er den ehrlichen, fleißigen Staatschef spielt, soll noch vor der Abstimmung am 31. März anlaufen.

Doch all das scheint viele Ukrainer laut Umfragen nicht zu stören. Die Zustimmung für Selensky ist sogar gestiegen: Er liegt mit rund 25 Prozent auf Platz eins der Erhebungen.

"Selensky kritisiert offen die Zustände in unserem Land. Das gefällt mir", sagt Wydra, eine Juristin. "Poroschenko hatte fünf Jahre, um sich zu beweisen. Es reicht." Anders als der Amtsinhaber und die Dauer-Wahlkämpferin Tymoschenko sei Selensky nicht Teil der Machtelite.

Ihr Mann Stanislaw nickt. "Entscheidend ist, wie korrumpiert ein Kandidat ist. Wir brauchen da oben einen ehrlichen Menschen, denn wie sagt man: Der Fisch stinkt vom Kopf her." Der 31-jährige Unternehmer spielt damit auf Poroschenkos Hintergrund an: Obwohl er Präsident ist, hat er nie ganz mit dem Geschäft aufgehört, auch wenn sein Roschen-Schokoladenkonzern nun offiziell auf den Namen einer Investitionsfirma läuft. Zudem hat Poroschenko nur zögerlich Reformen, insbesondere gegen Korruption, durchgesetzt.

Der Kampf um Platz zwei

Wahlplakat von Petro Poroschenko in Kiew - "Kandidaten gibt es viele, aber nur einen Präsidenten"
Maxim Sergienko/ SPIEGEL ONLINE

Wahlplakat von Petro Poroschenko in Kiew - "Kandidaten gibt es viele, aber nur einen Präsidenten"

Lange lag der Amtsinhaber in den Umfragen zurück. Nun, drei Wochen vor der Abstimmung, hat er sich auf Platz zwei vorgekämpft, knapp vor Tymoschenko.

Anders als Poroschenko hat sie es geschafft, sich wieder neu zu erfinden - und das schon rein äußerlich. Statt ihres markanten Haarkranzes trägt sie nun Zopf oder Dutt. "Von Poroschenko aber gibt es keine Version 2.0, das ist sein größtes Problem", sagt die ukrainische Politologin Alexandra Reschmedilowa.

Poroschenko hat deshalb seine Patriotismus-Kampagne verstärkt. Der 53-Jährige gibt den Landesverteidiger. Dessen Mission ist es, die Ukraine vor Russland zu beschützen, das die Krim annektiert hat und im Donbass Krieg führt. Seine Losung "Armee, Glaube, Sprache", die ihn als Oberbefehlshaber und Bewahrer der ukrainischen Kirche und Kultur zeigen soll, hat er auf die Formal "Entweder ich oder Putin" zugespitzt. Mit der tingelt er durchs Land, offiziell sind es Arbeitsbesuche.

Skandale, Skandale

Der Wahlkampf ist zuletzt schmutziger geworden. Poroschenko und Tymoschenko kämpfen um den Einzug in die Stichwahl, werfen sich gegenseitig Wahlbetrug und Stimmenkauf vor. Sogenannte Kompromate, belastendes Material, wurden in Umlauf gebracht. Dabei mischen laut Experten die Sicherheitsbehörden mit. Der Geheimdienst SBU und die Generalstaatsanwaltschaft stehen auf der Seite von Poroschenko.

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Zuletzt musste Poroschenko seinen engen Vertrauten Oleh Hladkowski, den Vize-Chef des Sicherheitsrates, entlassen. Dessen Sohn soll nach Recherchen einer Gruppe von Investigativjournalisten Ersatzteile für Rüstungsgüter ausgerechnet in Russland eingekauft und in der Ukraine teuer verkauft haben.

Tymoschenko kündigte an, ein Amtsenthebungsverfahren gegen Poroschenko einzuleiten, wofür sie jedoch nicht die Mehrheit im Parlament hat. Auch sie ist von einem Skandal betroffen. Dieselben Journalisten veröffentlichten, ihre Partei habe von falsch deklarierten Spenden profitiert. Die 58-Jährige nannte die Vorwürfe zunächst eine Provokation des SBU - um später zu erklären, dass sie ihre finanziellen Unterstützer lediglich vor Schikane durch die Ermittlungsbehörden schützen wollte.

Tymoschenko: "Alles-wird-gut"-Versprechen

Juschne im Süden der Ukraine. Vor dem Kulturhaus der Kleinstadt mit 32.000 Einwohnern sind junge Leute in weißen Jacken von Tymoschenkos Vaterlandspartei aufmarschiert. "Julija - unsere Präsidentin" steht auf einem Banner. Ihr Wahlkampf läuft gut organisiert. Sie tritt bereits das dritte Mal für das höchste Amt im Land an, ist seit über 20 Jahren in der Politik und verfügt über Regionalbüros.

Julija Tymoschenko in Juschne
Maxim Sergienko/ SPIEGEL ONLINE

Julija Tymoschenko in Juschne

Überall, wo Tymoschenko auftaucht, stehen viele Leute bereit, um sich mit ihr fotografieren zu lassen. Ob das alles echte Anhänger oder bezahlte Wahlkämpfer sind, lässt sich nicht klären. Manche Parole klingt doch arg auswendig gelernt. In Juschne kommt nur in den Saal, wer eine Einladung hat - und selbst jene aus dem Ort, die eine haben, werden nicht alle reingelassen. Aus Odessa hat die Partei Busse mit Unterstützern kommen lassen, die als erstes Platz nehmen dürfen.

Es sind meist ältere Menschen, vor allem Frauen, die an diesem Nachmittag Tymoschenko sehen wollen. Sie verfolgen gebannt, wie die Politikerin über die jetzige Regierung schimpft, "die das Land wie ihr Eigentum betrachtet". Die 78-jährige Ljudmila Wasilewskaja klatscht: "Was für eine starke Frau, sie hat sich durchgekämpft, obwohl sie aus politischen Gründen in Haft saß."

Tymoschenko wettert gegen die Erhöhung der Gaspreise, die sie bereits als "Genozid" brandmarkte, gegen die Gesundheitsreform, die für sie "einen Verrat am ukrainischen Volk" hält, gegen die Wirtschaftspolitik der Regierung, die sie als unfähig abkanzelt. Gleichzeitig gibt sie die kümmernde Politikerin. Eine Frau ruft, ihre schwerbehinderten Angehörigen würden nicht ordentlich versorgt. Tymoschenko nimmt ihre Unterlagen entgegen.

Es ist die klassische Ochsentour. Doch bisher hat sie neben ihrer Stammklientel nicht viele neue Anhänger dazugewinnen können.

Freiwillige in der Wahlzentrale von Selensky
Maxim Sergienko/ SPIEGEL ONLINE

Freiwillige in der Wahlzentrale von Selensky

Immer auf Abstand bleiben

Selensky kann das ganze Spektakel gelassen aus der Ferne betrachten.

Als herauskam, dass sein Unternehmen noch Anteile an einer Firma in Russland hielt, hat ihm dies kaum geschadet. Seine Beziehungen zum Oligarchen Ihor Kolomojsky sind da schon eher ein Problem: Selensky verkündete seine Kandidatur auf dessen Sender 1+1. "Selensky bezahlt seinen Wahlkampf selbst, entscheidet für sich", betont Dimitrij Razumkow, Berater des Kandidaten.

Der versucht, Abstand zu halten. Gern inszeniert er sich bei Treffen mit Fachleuten, Diplomaten und Unterstützern als einer, der zuhört, aber wenig Konkretes sagt. "Er ist wie eine Blackbox, jeder kann in ihm sehen, was er will", sagt Politologin Reschmedilowa. Selenskys Hauptbotschaft ist, dass er das Volk mehr einbeziehen will. So soll es etwa über die Nato-Mitgliedschaft abstimmen. Das kommt bei jungen Ukrainern gut an.

Doch ob sie wirklich wählen gehen, ist eine andere Frage.


Zusammengefasst: Ende März wählt die Ukraine einen neuen Präsidenten - ausgerechnet der Komiker Wolodymyr Selensky führt in den Umfragen. Amtsinhaber Petro Poroschenko und Julija Tymoschenko bleibt nur, um Platz zwei zu kämpfen, damit sie eine Chance haben, in die Stichwahl zu ziehen.

Mitarbeit: Katja Lutska

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