Die Ukraine vor der Präsidentschaftswahl "Der Weg zurück ist für uns versperrt"

Erst der Maidan, dann die Krimkrise und der Krieg: Seit fast fünf Jahren wird im Donbass gekämpft. Vor der Präsidentschaftswahl gewähren Ukrainer Einblick in ihr zerrissenes Land. Heute: Olga, die nicht in ihre Heimat zurückkann.

Maxim Sergienko/ SPIEGEL ONLINE

Aus Meschyhirja berichten und (Fotos)


Wenn Olga Belcharojewa ihre Adresse nennt, ist es ein Ort, den die Menschen in der Ukraine das "Museum der Korruption" nennen: Meschyhirja.

Auf dem 137 Hektar großen Gelände im Norden von Kiew ließ sich der ehemalige ukrainische Präsident Wiktor Janukowytsch eine Luxus-Datscha, Pavillons mit Marmorsäulen, Wasserfällen, Saunen, Gewächshäusern, einen Zoo mit Papageien und Straußenvögeln, Golf- und Tennisplätzen sowie Jachthafen und Hubschrauberlandeplatz bauen. Es ist ein Ort, der für die maßlose Selbstbereicherung des Staatschefs und seines Familienclans steht.

Olga Belcharojewa, heute Touristenführerin
Maxim Sergienko/ SPIEGEL ONLINE

Olga Belcharojewa, heute Touristenführerin


DIE UKRAINE VOR DER PRÄSIDENTSCHAFTSWAHL
Vor fünf Jahren demonstrierten Hunderttausende in der Ukraine erst für einen westeuropäischen Kurs ihres Landes, dann gegen die korrupte Regierung. Der Maidan brachte dem Land mehr Freiheit, aber nahm Frieden. Die Ukraine befindet sich im Dauerkonflikt mit dem Nachbarn Russland, der die Krim annektierte und im Donbass Krieg führt. Ende März wählen die Ukrainer einen neuen Präsidenten - Begegnungen in einem zerrissenen Land.

Olga, 47 Jahre, berichtet ruhig und nüchtern über die dekadenten Extras, die sich der Ex-Präsident für viele Millionen Euro auf Staatskosten gönnte. Sie zeigt auf die beheizten Teiche, in denen auch bei Minustemperaturen Enten schwimmen; das Mosaik-Tauchbecken, das Architekten in den Boden des mit Holzschnitzereien verzierten Sauna-Hauses eingelassen haben; die mächtigen Säulen im römischen Stil, die neben der Holz-Datscha oben auf dem Hügel errichtet wurden.

An diesem Februartag ist es neblig. Als Olga auf den Dnipro blickt, verzieht sie dann doch etwas die Mundwinkel. Sie erzählt, wie wichtig Janukowytsch der freie Blick auf das Wasser gewesen sei. "Er ließ eigens Spezialisten mit Hubschraubern kommen, die aus der Luft die Bäume kappten."

Seit mehr als vier Jahren führt Olga Besucher durch das mächtige goldverzierte Tor des Anwesens. Es war ihre Idee, mit anderen Frauen über diesen Ort zu erzählen, der für sie weit mehr ist als Janukowytsch.


Tor in Meschyhirja
Maxim Sergienko/ SPIEGEL ONLINE

Tor in Meschyhirja

Die Muslima, die mit einem Tschetschenen verheiratet ist, stammt aus Donezk. Dort in der Region wurde auch der ehemalige Staatschef geboren. Bis heute halten prorussische Kämpfer sie besetzt, noch immer schlagen Granaten ein, sterben Menschen. Aus den internationalen Schlagzeilen aber ist der Krieg in der Ukraine inzwischen nahezu verschwunden.

SPIEGEL ONLINE

2,8 Millionen Menschen sind nach Angaben des Deutschen Roten Kreuzes vor dem Krieg geflohen: ein Teil nach Russland, wo auch Janukowytsch inzwischen lebt. Er flüchtete nach dem Ende des Maidans mit Dutzenden Toten in der Nacht zum 21. Februar 2014 aus Kiew; 1,6 Millionen Menschen leben heute als Binnenflüchtlinge in anderen Orten der Ukraine.

Wie sie sich entscheiden würde, war für Olga von Anfang an klar. Sie habe selbst gesehen, wie aus Richtung Russland im Frühjahr 2014 erst Männer in Zivil, später Söldner in grünen Uniformen ohne Abzeichen mit Waffen und schwerem Gerät in die Region kamen. Panzer fuhren mit russischen Fahnen durch die Stadt.

An den Verwaltungsgebäuden der Region wurden mehrmals täglich die Flaggen gewechselt: Mal wehte die ukrainische Fahne, mal die der selbst ernannten Volksrepublik Donezk: "Alles hing davon ab, wer anrief, wer vor wem Angst hatte." "Schmerzhaft" nennt sie diese Erinnerungen.

Flughafen in Donezk im Oktober 2014
AP/ dpa

Flughafen in Donezk im Oktober 2014

Irgendwann wurde dann geschossen, die Einschläge waren bis ins Zentrum zu hören, wo die Familie ein Haus besitzt. Am Flughafen lieferten sich ukrainische Soldaten und prorussische Kämpfer heftige Gefechte. Am 13. Juli packten Olga und einige Verwandte Habseligkeiten ins Auto und verließen die Stadt.

Es war Zufall, dass Olga mit ihrem Mann und zwei Kindern nach Meschyhirja kam. Eine Verwandte war hier untergekommen. Auch Olga bat bei der paramilitärisch organisierten Maidan-Wache um Zuflucht, welche die Residenz bewachte. Seitdem wohnt die Familie im ersten Stock eines schlichten Nebengebäudes, das wohl für Wachpersonal des Geländes erbaut wurde. Vom Flur gehen Zimmer mit kleiner Küche und Bad ab. 20 Familien, alle Binnenflüchtlinge, leben in dem Haus.

Olga
Maxim Sergienko/ SPIEGEL ONLINE

Olga

Hoffnung, bald nach Hause zurückzukönnen, hat Olga nicht. Befreundete Nachbarn passen auf das Haus der Familie auf, aber andere Nachbarn haben sich bereits ein Stück ihres Grundstückes angeeignet, erzählt sie. Die sonst so kontrolliert sprechende Frau klingt das erste Mal bitter.

Olga vermisst das Stadtleben, in Donezk führte sie ein Bauunternehmen. Wenn sie ihren sieben Jahre alten Sohn zur Schule bringt oder zum Sport will, muss sie fünf Kilometer fahren.

Vom Staat hat sie keine Unterstützung erhalten, Freiwillige aus dem Ort versorgten sie mit dem Allernötigsten, mit Besteck, Geschirr, einem Kühlschrank und Winterkleidung, anfangs auch mit Essen und Medikamenten. Präsident Petro Poroschenko hatte eigentlich angekündigt, den Krieg im Donbass zu beenden - ein Versprechen, was er nicht halten konnte, wofür er sich entschuldigte.

Olga vor dem Wohnheim für Binnenflüchtlinge
Maxim Sergienko/ SPIEGEL ONLINE

Olga vor dem Wohnheim für Binnenflüchtlinge

Olga wird ihn trotzdem am 31. März wiederwählen. Den Komiker Wolodymyr Selenskij, der in Umfragen führt, hält sie für einen guten Schauspieler, "mehr aber auch nicht". Poroschenko führe die Ukraine nach Westen, weg von Russland. Für Olga ist das der richtige Weg - "es geht vorwärts, langsam, aber vorwärts", sagt sie. Poroschenko habe die Armee modernisiert, den Kampf gegen die Korruption begonnen - "all das braucht Zeit".

Gern würde Olga in Meschyhirja bleiben. "Solange die ukrainischen Behörden nicht im Donbass zurück sind, ist der Weg für uns versperrt." Es sei bekannt, dass sie offen proukrainisch sei, "das bedeutet Lebensgefahr".

Eingang zum Wohnheim für Binnenflüchtlinge
Maxim Sergienko/ SPIEGEL ONLINE

Eingang zum Wohnheim für Binnenflüchtlinge

Wie lange die Familie in Meschyhirja noch wohnen kann, ist unklar. Das Gelände ist einer Behörde unterstellt, die Vermögen betreut, das durch Korruption erlangt wurde. Derzeit wird per Ausschreibung ein Verwalter für das Anwesen gesucht. Doch allein der Unterhalt kostet jährlich eine Million Euro, das Verfahren wurde verlängert.

600.000 Besucher zählt Meschyhirja im Jahr, Olga würde sich mehr wünschen. Strömten nach Janukowytschs Flucht noch Tausende Neugierige jeden Tag auf das Gelände, hat das Interesse nachgelassen. Dabei sei der Ort weit mehr als nur eine Ansammlung der Extravaganzen von Janukowytsch, sagt Olga.

SPIEGEL-ONLINE-Korrespondentin Christina Hebel im Gespräch mit Olga Belcharojewa
Maxim Sergienko/ SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL-ONLINE-Korrespondentin Christina Hebel im Gespräch mit Olga Belcharojewa

Sie zeigt auf ein grünes Plakat. Ein Kloster ist dort zu sehen, Meschyhirja war einst der Sitz der orthodoxen Kirche, das Gelände stand unter dem Schutz der Kosaken. "Janukowytsch war nur elf Jahre hier. Dies aber ist ein Ort der langen ukrainischen Geschichte, die sollten wir ehren."

Mitarbeit: Olga Vasyltsova



© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.