Ukraine vor der Wahl Die Enttäuschten vom Maidan

Dascha und Roman haben auf dem Maidan mitgekämpft, Steine an die Barrikaden geschleppt. Drei Monate nach der Revolution sind sie ernüchtert: Die Ukraine blutet aus, das junge Paar kämpft um seine Existenz. Nun stehen sie vor ihrem schwersten Schritt.
Roman und Dascha vor dem Maidan: "Glauben weiter an andere Zeiten"

Roman und Dascha vor dem Maidan: "Glauben weiter an andere Zeiten"

Foto: Maxim Dondyuk

Romans und Daschas kleiner Stolz steht in ihrer Kiewer Küche, eine fauchende Espresso-Maschine aus der Schweiz. Das ist der einzige Luxus, den sich der ukrainische Jung-Banker und die Immobilienmaklerin gönnen. Ihre Wohnung besteht aus Küche, Bad und einem Raum, zum Wohnen, Schlafen und Arbeiten. Roman ist 24, sein Englisch makellos, er arbeitet bei einer kleinen Investmentbank in Kiew.

Überall auf der Welt sind Banker wohl die Letzten, die sich an Straßenschlachten beteiligen würden. Doch als die Kämpfe auf dem Maidan eskalierten, ging er nach Dienstschluss auf den Platz, brach Steine aus dem Straßenpflaster und schleppte sie gemeinsam mit Dascha an die Barrikaden.

"Genug war genug", hat Roman bei einem Treffen nach dem Sieg der Revolution im Februar gesagt. Das Land sei über Monate in die Krise gerutscht, Janukowytschs Regierung "hat sich aber weiter Villen gebaut, das konnte niemand mehr ertragen". Er glaube, das im November gescheiterte Assoziierungsabkommen wäre gut für seine Branche gewesen, Investoren in der Ukraine bräuchten endlich Rechtssicherheit. Die Wirtschaft entwickle sich zu langsam, er könne als Barkeeper im Westen leicht mehr verdienen als in seinem Bankjob in Kiew, er wolle aber nicht weg aus der Ukraine.

Das war vor drei Monaten. Inzwischen trifft die Wirtschaftskrise die Ukraine mit voller Wucht, trotz Hilfen von EU, USA und internationalem Währungsfonds (IWF). Der gestürzte Präsident Wiktor Janukowytsch hat den Staat ausgeplündert. Die horrende Energieverschwendung und die Gaskosten lassen das Land ausbluten. Der Kurs der Währung Griwna hat seit Jahresbeginn 60 Prozent verloren. Die Wirtschaft wird in diesem Jahr um fünf Prozent schrumpfen, prognostiziert der IWF.

Im Sommer soll es in die USA gehen

Die Korruption ist nicht verschwunden nach dem Sieg des Maidan. Mitarbeiter der Steuerpolizei legen Unternehmen noch immer Steine in den Weg. Dann bieten sie an, diese Hindernisse aus dem Weg zu räumen, gegen Bestechungsgeld, versteht sich.

Dascha hat ihren Job als Immobilienmaklerin verloren, die Firma hat jeden vierten Beschäftigten entlassen. Ihr Monatsgehalt von umgerechnet 500 Euro fällt weg, Roman verdient 400 Euro. Ihre spartanische Wohnung mit den Wasserflecken an der Decke kostet 250 Euro im Monat. Lange werden sie sich diese nicht mehr leisten können, auch Romans Bank schickt Mitarbeiter in den unbezahlten Urlaub.

Sie sparen jetzt für zwei Tickets in die USA. Die Entscheidung sei ihnen schwergefallen, sagt Roman. Schon bald wollen sie nach Amerika ziehen. Es soll keine Auswanderung werden, mehr ein Überwintern im Sommer. Sie wollen zurück, wenn sich die Lage in der Ukraine bessert, "mit der Auslandserfahrung werden wir es hoffentlich auch leichter haben", sagt Roman.

Lieber Schokolade als Gasgeschäfte

Bei der Präsidentschaftswahl werden sie Petro Poroschenko wählen, den Milliardär, der sein Vermögen vor allem mit dem Verkauf von Pralinen gemacht hat. Er sei zwar Oligarch, aber immerhin habe er sein Vermögen anders als die meisten Magnaten in der Ukraine nicht mit zwielichtigen Gasgeschäften gemacht. Roman hält Poroschenko für einen Wirtschaftsfachmann.

Dascha sieht in ihm schlicht das kleinere Übel. Sie will einen Sieg von Julija Tymoschenko verhindern. Als die Oppositionspolitikerin nach ihrer Freilassung von der Bühne des Maidan sprach, stand Dascha in der Menge und buhte sie aus, Roman pfiff. "Sie ist nicht besser als Janukowytsch", sagt Dascha. "Sie ist eine Diebin, sie sollte zurück ins Gefängnis."

Es gibt viel Streit in diesen Tagen zwischen den beiden und Daschas Eltern, der Konflikt in der Ukraine ist auch einer der Generationen. Der Vater mag Putin, er würde am liebsten nach Russland ziehen. Er schaut viel russisches Fernsehen, NTW zum Beispiel, den zum Gazprom-Imperium gehörenden Sender. Roman und Dascha lesen die ukrainische Ausgabe von "Forbes". Der britische "Guardian" ist ihnen zu oberflächlich, sie ziehen die "New York Times" vor.

Das Paar bereut gar nichts

Daschas Familie kommt aus Tscherkassy, einer Provinzstadt in der Zentralukraine. Dascha ist mit Russisch als Muttersprache aufgewachsen. Mit 18 Jahren zog sie zu Hause aus und nach Kiew, damals hat Dascha beschlossen, nur noch Ukrainisch zu sprechen.

Ihre Eltern machen ihr heute Vorhaltungen: Ohne die Maidan-Revolution würde es dem Land besser gehen. Natürlich habe Janukowytsch sich bereichert, "aber das ist eben, was alle Politiker tun", sagen die Eltern.

Und doch: Roman und Dascha bereuen nichts. Nicht den Einsatz für die Revolution, nicht das Schleppen der Steine zu den Barrikaden. "Wir sind nicht so naiv, wie meine Eltern glauben", sagt Dascha. Ihr sei bewusst gewesen, dass andere Politiker kaum weniger korrupt sind als Janukowytsch.

Man dürfe dennoch nicht resignieren, sagen sie. "Wir glauben weiter an andere Zeiten."

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