Wahlkampf in der Ukraine Video-Ping-Pong und Drogentests - was kommt als nächstes?

Die Ukrainer wählen einen neuen Präsidenten, und was machen die Kandidaten der Stichwahl, Amtsinhaber Poroschenko und Herausforderer Selensky? Sie liefern sich Fernduelle - inklusive Aderlass vor laufender Kamera.

Petro Poroschenko und Wolodymyr Selensky - Konkurrenten in der Stichwahl in der Ukraine
Mikhail Palinchak/ PoolPresidential Press Service/ DPA, Efrem Lukatsky/ AP/ DPA

Petro Poroschenko und Wolodymyr Selensky - Konkurrenten in der Stichwahl in der Ukraine

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Die Ukrainer haben schon einiges gesehen: einen in Ungnade gefallenen Ex-Gouverneur (Michail Saakaschwili), der auf der Flucht vor dem Geheimdienst SBU auf das Dach seines Hauses klettert und droht sich in den Tod zu stürzen; einen Kreml-kritischen russischen Journalisten (Arkadi Babtschenko), der für Tod erklärt wird und dann am nächsten Tag quicklebendig auf einer SBU-Pressekonferenz auftaucht.

Nun verfolgen sie, wie ein Comedian, der Präsident werden will, und ein amtierender Staatschef sich auf Facebook Video-Botschaften zuschicken, in denen sie sich gegenseitig Bedingungen für ein TV-Duell stellen. Darin eingeschlossen medizinische Tests, die belegen sollen, dass beide weder Alkohol noch Spuren von Drogen im Blut haben.

Wolodymyr Selensky beim Blutabnehmen
AFP

Wolodymyr Selensky beim Blutabnehmen

Am Freitag war es soweit. Allerdings traten Comedian Wolodymyr Selensky und Präsident Petro Poroschenko getrennt auf. Es erinnerte alles ein bisschen an zwei Boxer, die vor dem Kampf ihre körperliche Fitness zur Schau stellen - nur dass sich eben zwei Politiker präsentierten, die im Rennen um das Staatsamt vor der Stichwahl am 21. April die größte Show abzuliefern versuchen.

Bluttests vor Kameras

Den Anfang machte Selensky: Er ließ sich in eine Kiewer Privatklinik in den Arm stechen, live gestreamt von seinem Wahlteam auf Facebook. Eineinhalb Stunden später krempelte dann Poroschenko im größten Stadion des Landes, dem NSC Olimpiyskyj in Kiew, vor Kameras den Arms seines weißen Hemdes hoch, um sich Blut abnehmen zu lassen. Mediziner gleich zweier staatlicher plus zweier privater Kliniken betreuten die Tests. Ein Arzt verkündete bereits erste Ergebnisse: Alles in Ordnung beim Staatschef, keine Anzeichen für Drogen im Blut gefunden. Noch am Abend zog Selensky nach und veröffentlichte seine negativen Ergebnisse bei Facebook.

Die Tests waren am Freitag die Topnachricht des Landes. Man kann sich fragen, ob dies alles eigentlich noch eines Präsidentschaftswahlkampfes würdig ist. Schließlich gibt es doch viel zu besprechen: Die Ukraine befindet sich nach fünf Jahren immer noch im Donbass im Krieg gegen von Moskau unterstützte Kämpfer, das Land sucht immer noch seinen Weg aus der wirtschaftlichen Misere, die Krim ist immer noch von Russland annektiert.

Fernduell um Aufmerksamkeit

Doch ob Selensky und Poroschenko dies je vor laufenden Kameras bei einem Duell besprechen werden, ist unklar. Letztendlich geht es den beiden auch gar nicht um die Debatte, sondern darum sich in diesem Zweikampf zu profilieren und die Oberhand bei diesem Fernduell um Aufmerksamkeit zu behalten.

Selensky kann Show, das hat er hinlänglich bewiesen. Er gibt seit Jahren Comedy-Abende mit seiner Mannschaft von Kwartal 95 - und die Ukrainer lieben diese Art der Unterhaltung, die an die "heute-show" in Deutschland erinnert, aber oftmals doch vom Niveau der Witze abrutscht, etwa wenn gleich minutenlang über die Intelligenz des ehemaligen Profiboxers und heutigen Kiewer Bürgermeisters Vitali Klitschko hergezogen wird.

Und auch jetzt schafft Selensky die Balance nicht. War seine erste Videobotschaft noch ein Coup, ein smarter Schachzug (Lesen Sie hier die Analyse), in dem er unter anderem eine Debatte im Stadion und Medizinchecks forderte, übertreibt er es nun. Ausgerechnet Julija Tymoschenko solle die Debatte moderieren, forderte er in Clip Nummer zwei. Jene Politikerin, die im dritten Versuch, Staatschefin zu werden, wieder scheiterte.

Selensky braucht Debatte nicht

Dabei hatte Poroschenko in einem Antwortvideo recht souverän signalisiert, auf die Mehrheit der Forderungen von Selensky einzugehen ("Aber wenn es ein Stadion sein muss, dann meinetwegen auch da"). Mit Tymoschenko, mit dem ihn eine lange Rivalität verbindet, kann er sich nicht einverstanden zeigen. Das weiß Selensky, der damit beweist, dass es ihm nicht um das Duell, sondern um seine Wahlshow geht.

Eine Debatte mit dem erfahrenen Poroschenko ist für den Politikneuling Selensky ein Risiko, denn dann müsste er sich inhaltlich konkret äußern, sich mit dem Präsidenten live messen. Auch wenn Poroschenko nicht der große Rhetoriker ist, geübt ist er in solchen politischen Diskussionen. Die Debatte müsse stattfinden, mahnte der Amtsinhaber deshalb am Freitag und schlug gleich drei Runden zu unterschiedlichen Themen vor.

Petro Poroschenko beim Blutabnehmen
Mikhail Palinchak/ Ukrainian Presidential Press Service/ REUTERS

Petro Poroschenko beim Blutabnehmen

Anders als Poroschenko braucht Selensky, der in der ersten Runde der Wahl fast doppelt so viele Stimmen wie der Amtsinhaber bekam, die Diskussion nicht. Er benötigt das Geplänkel drum herum, deshalb wird er das öffentliche Video-Ping-Pong wohl weitertreiben, und den Kandidaten geben, der verspricht, dass alles besser wird in der Ukraine, aber nicht sagt, wie genau. Das sollen weiter seine Berater und Experten erledigen, die Interviews geben.

"Seien sie ein Mann, kommen sie zum TV-Duell"

Der Präsident, der bisher recht gut reagiert hat, wird darauf eingehen, und versuchen als souveräner Amtsinhaber, als Stimme der Vernunft, zu erscheinen, auch wenn es alles andere als präsidial ist, sich nachts auf Facebook Video-Battles zu liefern. Aber Poroschenko hat keine Wahl, schließlich kann er nur so Aufmerksamkeit und mögliche neue Wähler gewinnen - und darauf kommt es nun im Endspurt an. Jene, die seinen patriotischen Kurs als Bewahrer der ukrainischen Sprache, Hüter von Kirche und Armee unterstützen, wählen Poroschenko sehr wahrscheinlich auch in der zweiten Runde.

Im Stadion wandte Poroschenko sich auch an die Anhänger seines Gegners: "Ich behandele diejenigen, die für Selensky gestimmt haben, mit Respekt und werde alles dafür tun, dass sie ihre Entscheidung noch einmal überdenken." Zuvor hatte er nachts in Video Nummer zwei an die Ehre von Selensky appelliert: "Seien sie ein Mann, kommen sie zum TV-Duell. Ich warte."

Bis zur Stichwahl sind es noch 16 Tage. Und in der Ukraine fragt man sich: Was kommt als nächstes?

Mitarbeit: Katja Lutska, Kiew

insgesamt 5 Beiträge
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Antonaut 05.04.2019
1. eine einseitige Geschichte
Leider schildert dieser Artikel eine eher einseitige Geschichte über den guten Präsidenten, der in Wirklichkeit sein Land zur völligen Armut geführt hat und selbst im letzten Jahr 100 Mal mehr verdient hat als im vorigen Jahr... Sein patriotischer Kurs spaltet das verarmnte Land mehr als je und lenkt die Aufmerksamkeit von den wichtigen Sachen, wie Korruption ab. Traurig, dass Spiegel solche Artikel publiziert...
fortelkas 05.04.2019
2. Mich interessiert weniger,
....was vor der Stichwahl als nächstes kommt, sondern wer da als nächstes kommt. Nennen wir da mal zunächst Poroschenko, der von 55 Prozent im Jahr 2014 auf etwas mehr als 16 Prozent abgestürzt ist. Mittlerweile verdient er nicht mehr als Unternehmer sein Geld mit Schokolade, sondern er verdient (wahrscheinlich viel viel Geld) an den Rüstungsausgaben seines Staates. Er kann also überhaupt kein Interesse an dem Ende des Krieges und der Einhaltung des Minsker Abkommens haben. Dann wäre da der aussichtsreiche Kandidat Selenskij. Er besitzt eine 15-Zimmer-Villa im toskanischen Küstenort Forte del Marmi, das dar er natürlich, hat er sich sicher hart erarbeitet. Er wohnt dort zwischen den einflussreichsten Oligarchen Abramowitsch, Prochorow und Deripaska. Das darf er in einer Demokratie natürlich auch, aber warum verschweigt er z. B. die Villa in seiner Vermögenserklärung? Ich habe den Eindruck, nach der Stichwahl wird nur der politische Einfluss von Oligarchen ein wenig ausgewechselt, diese Personen stehen nicht wirklich für eine Bekämpfung der Korruption in diesem Land und für einen Neuanfang. In diesem Zustand gehört es weder in die Eropäische Union noch in die NATO. Erwin Fortelka
juba39 05.04.2019
3. Was für ein Artikel!
Mitarbeit: Katja Lutska, Kiew Das sagt schon einiges aus. Sind selbst in Artikeln in Deutschland keine Kiew-kritische Artikel mehr möglich? Deutsche und österreichische Journalisten, die sich kritisch zu Korruption oder der ATO äußern, leben gefährlich, und meiden das Land lieber. Oder reisen eben kurz mal aus Moskau an, scheint gesünder für Leib und Leben dort zu sein. Von Frau Luska hätte ich mir lieber ein paar Sätze dazu gewünscht, wie viele Journalisten in der Ukraine in Haft sitzen, oder einfach so vor ihrer Haustür erschossen wurden. Weil sie z.B. in einer best. Liste im Netz auftauchen, auf der übrigens auch Altkanzler Schröder steht. Selbst dazu gibt es aus Deutschland nur ein verschämtes Du,Du, das macht man aber nicht. Was macht egentlich Poros Korruptionsbekämpfung, nachdem ein Staatsanwalt gefeuert wurde, der der Famile Biden zu nahe kam? Was machen die Untersuchungen der Schüsse auf dem Maidan, und in Odessa? Aber ein Alkotest ist ja wichtiger. In was für einer Welt leben wir eigentlich? Dazu paßt auch der Hype zu "Putins Puppen im Bundestag". Ich empfehle dem SPON, sich das Heute-Journal von eben anzusehen. Da rudert ein Klaus Kleber(!) aber gewaltig in der Wortwahl zurück, wenn es darum geht, Russland, allein aus der Existenz eines Strategiepapiers, eine direkte Einflußnahme zu unterstellen. Aber hauptsache, die Schlagzeilen haben ihren Zweck erreicht. Und schon sind wir wieder in der Ukraine. Nichts ist eben wichtiger, als ein Bluttest der Kandidaten
janine_menges86 06.04.2019
4. Amüsant, Amüsanter.......
Sehr Amüsant:):):) So wie der Rest der Politik :):):) Am Besten, Sie machen noch eine Test ,dass Die kein Roboter sind :):):):)
siryanow 06.04.2019
5. Clowns an die Macht
Lassen wir doch mal die Komiker probieren . Nach all der Dellusion ,Kprruption und Frustration ueber sogenannte Profi-Politiker , besonders aber über Milliardenschwere Unternehmer in der Politik ( was ein Zufall das deren Kippen während ihrer Politik immer voller wurden) Was koennen Komiker schon Schlimmeres anstellen .
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