Antisemitismus Was Selenskyjs Sieg über die Ukraine aussagt

Die Ukraine hat ein Problem mit Antisemitismus, aber in Wolodymyr Selenskyj einen Mann mit jüdischen Wurzeln zum Präsidenten gewählt. Wie passt das zusammen?

Wolodymyr Selenskyj (m.): "Ich habe jüdisches Blut, ich spreche russisch, aber ich bin ein Bürger der Ukraine"
Jakub Kotian/ TASR/ DPA

Wolodymyr Selenskyj (m.): "Ich habe jüdisches Blut, ich spreche russisch, aber ich bin ein Bürger der Ukraine"

Von , Kiew


Als Wolodymyr Selenskyj noch ein TV-Comedian ohne politische Ambitionen war, da scherzte er in seiner Kabarettsendung auch über den Regierungschef der Ukraine. Der hat den jüdischen Nachnamen Hrojsman, und eben darum ging es in dem anspruchslosen Witz. "Hrojsman? Klingt ja wie einer von uns" sagte Selenskyj, der in dem Fernsehsketch einen Juden spielte, der die Stromrechnung seiner Synagoge nicht zahlen will. Strom- und Heizkosten sind zwei der großen Themen der ukrainischen Politik.

Zwei Jahre später hat die Ukraine nicht nur einen jüdischen Regierungschef, sondern auch noch einen jüdischen Präsidenten. Selenskyj wurde am Sonntag mit riesiger Mehrheit zum Staatsoberhaupt gewählt, und wie Hrojsman hat er jüdische Wurzeln.

In Israel hat das Aufsehen erregt. Die Ukraine, so stellte die Tel Aviver Tageszeitung "Haaretz" fest, sei nun das einzige Land außer Israel, das sowohl einen jüdischen Präsidenten wie einen jüdischen Premier habe. Selenskyjs Wahlsieg steht damit im Widerspruch zu einem verbreiteten Stereotyp, wonach der Antisemitismus in der Ukraine besonders ausgeprägt sei - und wonach er nach der Maidan-Revolution von 2014, die von nationalistischen Gruppen mitgetragen wurde, gewissermaßen offiziell propagiert werde. Es ist ein Stereotyp, das auch der Kreml und Wladimir Putin im Konflikt mit der neuen Regierung in Kiew seit 2014 einsetzen.

Selenskyjs jüdische Abstammung war kein Wahlkampfthema

Aber die Wahrheit ist komplizierter. Weder ist der Antisemitismus in der Ukraine vorherrschend, noch ist Selenskyjs Wahlsieg ein Zeichen dafür, dass es ihn nicht gäbe.

Einer Umfrage des Pew Research Center zufolge ist die Ukraine deutlich weniger antisemitisch als ihre osteuropäischen Nachbarländer. Fünf Prozent der Ukrainer geben demnach an, sie würden Juden nicht als ihre Mitbürger akzeptieren. Im Nachbarland Rumänien liegt der entsprechende Anteil bei 22 Prozent, in Polen bei 18 Prozent, und selbst in Russland und Belarus liegt er höher.

Dazu passt, dass Selenskyjs Herkunft zwar bekannt ist, aber im Wahlkampf nie Thema wurde. Es gab viele diffamierende Angriffe gegen den Kandidaten - bis hin zum Vorwurf, er sei drogenabhängig. Er galt als zu russlandfreundlich, zu wenig ukrainisch. Aber als Jude wurde er nicht angegriffen. Nicht einmal Selenskyjs enge Verbindung zum umstrittenen Oligarchen Ihor Kolomojskij - einem der prominentesten Juden der Ukraine, Erbauer des größten jüdischen Kulturzentrums des Landes - konnte daran etwas ändern. Kolomojskij ist Eigentümer des Fernsehkanals 1+1, auf dem Selenskyjs Comedyprogramme laufen.

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DER SPIEGEL

Selenskyj selbst spricht - anders als Kolomojskij - selten von seinen jüdischen Wurzeln. Er tat es etwa 2016, als er gegen ein Sprachengesetz protestierte, das die russische Sprache schlechter stellen sollte. "Ich habe jüdisches Blut, ich spreche russisch, aber ich bin ein Bürger der Ukraine und will nicht Teil eines anderen Landes sein", sagte er damals. Sein Judentum beschränkt sich darauf, dass er Sohn einer jüdischen Mutter ist. Es ist eine typisch post-sowjetische, säkulare Identität, in der das Judentum nicht an erster Stelle steht.

Die Rolle ukrainischer Nationalisten im Holocaust wird unterschlagen

Dafür sind jüdische Scherze fester Bestandteil seines Programms. 2013 spielte er sogar die Hauptrolle in einer Parodie auf den US-Film "300", in der die Handlung ins Heilige Land verlegt wird. Selenskyj spielt darin den König Leonid Abramowitsch, der statt Spartanern ein Häuflein äußerst kampfesunwilliger Israeliten in den Kampf führt und sich nur mit Mühe von seiner übermächtigen jüdischen Mutter verabschiedet.

Auch in seiner Kabarettsendung gehört der geschäftstüchtige Jude zu den festen Stereotypen, die immer wieder auftauchen, genauso wie der korrupte Verkehrspolizist, der untreue Ehemann, der affektierte Schwule, der tumbe Nationalist. Die Ukraine ist nicht das Land der politischen Korrektheit, es wird recht traditionell gescherzt.

Aber aus dem Gesagten zu schließen, der Antisemitismus in der Ukraine sei reine Kreml-Propaganda, ist Unsinn. Gerade die Erinnerungspolitik, die seit der Maidan-Revolution in der Ukraine ganz offiziell betrieben wird, läuft auf eine Missachtung der jüdischen Opfer hinaus. Es ist nicht so, dass der Holocaust geleugnet würde. Aber um die neue ukrainische Identität von der russisch-sowjetischen abzugrenzen, hat man jene radikalen Nationalisten heroisiert, die einst in der Westukraine gegen die Rote Armee kämpften. Dass viele von ihnen am Holocaust beteiligt waren, den die Deutschen auf ukrainischem Boden vollzogen, wird dabei unterschlagen. Es wäre ein großer Fortschritt, sollte die Wahl Selenskyjs daran etwas ändern.

insgesamt 2 Beiträge
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hankc 27.04.2019
1. Interessanter und ausgewogener Artikel
teils bekannte, teils unbekannte Fakten relativ neutral zusammengestellt und objektiv kommentiert. Solche Artikel sind seit Jahren bei Spon immer weniger geworden. Habe Lust bekommen, mal nachzuschauen, was der Autor sonst noch geschrieben hat.
pete1001 27.04.2019
2. Hmm ich dachte immer..
...das der Antisemitismus in der Ukraine kein Thema mehr wäre, nachdem die SS ja besonders auch in der Ukraine bestialisch unter der damals zahlreichen jüdischen Bevölkerung - auch mit tätiger Hilfe der Ukrainer - gewütet hatte. Ein interessanter Artikel.
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