Kampf um das Präsidentenamt in der Ukraine Selenskys smarter Schachzug

Im TV-Duell gegen den ukrainischen Präsidenten Poroschenko kann der unerfahrene Herausforderer Selensky nur verlieren. Jetzt geht der Comedian vor der Stichwahl in die Offensive - mit einem Ultimatum.

Wolodymyr Selensky vor einem Interviewtermin in Kiew
Brendan Hoffman/ Getty Images

Wolodymyr Selensky vor einem Interviewtermin in Kiew

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Gerade einmal etwas mehr als eine Minute braucht Wolodymyr Selensky für sein Ultimatum. "Ich wende mich an Petro Poroschenko", sagt der Comedian, gepostet als Video unter anderem auf Facebook. "Ich nehme die Herausforderung an." Er fügt wenig später an die Adresse des amtierenden ukrainischen Präsidenten gerichtet hinzu : "Ich warte hier auf Sie, im Stadion NSC Olimpiyskyj."

Die Kiewer Fußballarena soll nach dem Willen von Selensky der Ort sein, an dem er und Poroschenko vor den Fernsehzuschauern aufeinander treffen und ihr Rededuell zur Präsidentschaftswahl austragen. Es ist eine von vier Bedingungen, die der 41-Jährige dem Amtsinhaber stellt. Er tut dies aus einer Position der Stärke heraus: Die erste Abstimmungsrunde hatte er haushoch gewonnen und damit dem Amtsinhaber und dem politischen Establishment einen Denkzettel verpasst. Die entscheidende Stichwahl findet nun am 21. April statt.

Warum eine Debatte für Selensky riskant ist

Es ist ein ungewöhnlicher Schritt, den Selensky gemacht hat. Er ist geschickt gewählt, weil er damit Poroschenko in die Defensive bringt. Und das bei einem Thema, bei dem der Amtsinhaber eigentlich bisher nur gewinnen konnte.

Eine TV-Debatte ist für Selensky ein Risiko. Zu unerfahren ist der Komiker und Schauspieler politisch, als dass er in einer Diskussion imstande wäre, inhaltlich mit einem Profi wie Poroschenko mithalten zu können. Bereits nach Treffen mit westlichen Diplomaten hatte es Berichte gegeben, dass Selensky erschreckend wenig gesagt, und wenn, sich recht oberflächlich geäußert habe.

Videoanalyse zu Wolodymyr Selensky:

REUTERS

Bisher hat der Schauspieler kein einziges Mal eine politische Rede gehalten. Seine Ideen präsentieren andere, Experten und Berater Selenskys treffen sich mit Journalisten, um ihnen ein erstes Programm zu erläutern. Der Politiker Selensky ist vielen bisher weitgehend unbekannt geblieben. Dafür stand der Schauspieler Selensky im Vordergrund, der in der beliebten Fernsehserie "Sluga naroda" ("Diener des Volkes") den fleißigen, unbestechlichen Staatschef spielt.

Zudem spricht der Comedian lieber Russisch - die Sprache, mit der aufgewachsen ist. Spontan reagieren auf Ukrainisch ist nicht gerade seine größte Stärke, sagen auch seine Kollegen in seiner Produktionsfirma Kwartal 95.

Diese Regeln diktiert Selensky

Deshalb, so schien es, werde Selensky versuchen, eine Debatte zu vermeiden - was aber kaum möglich ist. Noch am Sonntag, dem Tag der ersten Wahlrunde, wimmelte einer seiner Berater Fragen nach einem Rededuell mit dem Hinweis ab, dass solche Diskussionen den Menschen nicht unbedingt etwas brächten. Dann wurde am Mittwoch mitgeteilt, der Comedian werde nur teilnehmen, wenn er dazu Zeit neben seiner Arbeit als Leiter von Kwartal 95 fände.

Nun heißt es: "Ich gehe zur Debatte." So lautet der Titel des Videos. Darin läuft Kandidat Selensky im Anzug in den Innenraum des Stadions und diktiert Poroschenko auf Ukrainisch seine weiteren Regeln:

  • Alle Sender sollen die Diskussion übertragen, alle Journalisten dabei sein können - nicht nur den Kandidaten genehme;
  • Die Kandidaten sollen sich medizinisch untersuchen lassen und beweisen, dass sie keine Drogen und Alkohol eingenommen haben - ein Seitenhieb auf die Behauptungen aus dem Poroschenko-Lager, Selensky habe unter Drogen gestanden;
  • Poroschenko solle sich "aus Respekt vor einem Drittel der Ukrainer" entschuldigen und sagen, dass er eine Debatte mit dem Kandidaten Selensky führen werde - und nicht etwa mit einer Puppe des Kreml oder des Oligarchen Ihor Kolomojsky. Das sind Bezeichnungen, die der Präsident selbst und sein Umfeld wählen, um Selensky zu diskreditieren.

Wie immer bei Selensky ist auch dieses Video-Ultimatum perfekt nach Drehbuch in Szene gesetzt, was zeigt, wie er und sein Team politisch arbeiten: Es geht um den großen Effekt. Selensky wird als einer inszeniert, der cool ist, weil er sich nicht an die gängigen Regeln des Politikbetriebs hält - einer, der sein Ding durchzieht, und das nicht nur im Fernsehsender des Oligarchen Kolomojsky, mit dem Kwartal 95 Verträge hat, sondern vor allem über die Social-Media-Kanäle. Dort, wo Poroschenkos Kampagne noch schwach vertreten ist.

Für Selensky wäre eine Debatte im Stadion außerdem etwas, das er kennt - mit seinen Shows ist er bis kurz vor der ersten Wahlrunde vor Tausenden Menschen in Arenen aufgetreten. "Denken Sie", ruft Selensky am Ende seines Videos Poroschenko zu - und zitiert damit den Slogan der Kampagne seines Gegners ("Dumaj" - "Denk"), mit der dieser die Ukraine hat zuplakatieren lassen.

Poroschenko musste nicht lange nachdenken, bereits in der Nacht, da war das Ultimatum nicht einmal zehn Stunden alt, ließ er Selensky seine Antwort zukommen - ebenfalls in einem Video auf Facebook.

Er will diese Debatte, da er sicher ist, sie gewinnen zu können - und damit neue Wähler zu gewinnen, die er dringend braucht. Sein Ergebnis der Stichwahl wird maßgeblich davon abhängen, wie viele er von jenen überzeugen kann, die noch in der ersten Runde für andere Kandidaten stimmten, und ob er imstande ist, die Proteststimmung gegen ihn zumindest abzumildern und damit Selenskys Kampagne etwas entgegenhalten zu können.

Petro Poroschenko: Wie wird sich der Politprofi gegen den Comedian schlagen?
Efrem Lukatsky/ DPA

Petro Poroschenko: Wie wird sich der Politprofi gegen den Comedian schlagen?

Deshalb erklärt Poroschenko, ganz Staatsmann mit ruhiger Stimme, in einem mit getragener Musik unterlegtem Video, an Selensky gewandt: "Ein Präsident zu sein, ein Oberkommandierender, ist kein Spiel" und "eine Debatte ist eine ernsthafte Diskussion". Diese müsse natürlich nach dem Gesetz verlaufen, also von den staatlichen Sendern live am Freitag vor der Wahl übertragen werden. Selensky solle das im Wahlgesetz nachlesen."Aber wenn es ein Stadion sein muss, dann meinetwegen auch da. Ich warte auf Sie, Wladimir Alexandrowitsch (Selensky - d. Red.)."

Es ist keine schlechte Reaktion, aber Poroschenko lässt sich damit auf den Austausch von Videobotschaften ein - und erklärt sich zumindest mit einer Forderung seines Herausforderers einverstanden. Der Ball liegt nun wieder bei Selensky.

Mitarbeit: Katja Lutska

insgesamt 8 Beiträge
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michael.krispin 04.04.2019
1. verstehe nicht warum Poroschenko eine Debatte gewinnt
Es sollte doch ein leichtes sein , seine Misserfolge aufzulisten und womoeglich Korruption oder mindestens Vorteilsnahme um die Ohren zu hauen. Der Typ ist auch nur Schokoladenfabrikant und kein Politiker.
W.Selenski 04.04.2019
2. verstehe ich Auch nicht
Poroschenko kann nicht mal ein Interview ohne vorher ausgewählte Fragen und einstudierte Antworten und Reden halten. Und unangenehme Fragen an Ihn gibt es zuhauf. Eine Debatte kann man 90% auswendig Lernen, der Rest ist Improvisation - für einen Schauspieler beides kein Problem.
haarer.15 04.04.2019
3. Anders herum
Eigentlich müsste gerade Poroschenko als haushoher Verlierer mehr Initiative bringen. Wo kann er denn bisher Erfolge für die Ukraine verbuchen ? Hat er wirtschaftlich was vorangebracht und wie sieht es mit der Korruption in seinem Land aus ? Das bewegt doch die Leute und zeigt, dass das genau seine Schwachstellen sind. Clever hingegen der Neuling Selensky. Der punktet allein schon durch seinen kreativen Stil - aber auch durch Druck gegen den verblassten Amtsinhaber. Das Rennen ist im Prinzip wohl gelaufen.
zdophers 04.04.2019
4. Mich würde interessieren,
warum das Video von Selensky sowohl verlinkt als auch eingebettet ist, aus dem Video von Poroschenko hingegen nur zitiert wird?
juba39 04.04.2019
5. Einmal nachdenken
"Zudem spricht der Comedian lieber Russisch - die Sprache, mit der aufgewachsen ist. Spontan reagieren auf Ukrainisch ist nicht gerade seine größte Stärke." 2014 spielte für deutsche Medien gar keine Rolle, daß Poroschenko auch nur rudimentär ukrainisch beherrschte, da zu Hause bei ihm nur Russisch gesprochen wurde (nach seinen Angaben), Kltschko verstand gar nichts von der ukr. Sprache. War alles kein Problem. Jetzt also soll es das? Es wird deutlich, daß sich nicht nur ukrainische, sondern auch deutsche Medien langsam positionieren. Und DAS kann eben nicht die Aufgabe von ausländischen Medien sein. Es reichte doch schon, daß medienübergreifend hierzulande, siehe oben, Poroschenkos Wording übernommen wurde. In einem einzigen Sender in Deutschland wurde so ganz am Schluß erwähnt, daß der Herausforderer nicht nur Komiker/Comedian, Schauspieler und Produzent ist, sondern, aufgepasst, studierter Jurist! Niemand nahm doch auch Anstoß, daß Merkel eben NICHT dem Vorwahlsieger, sondern dem Verlierer gratulierte. Das Unwort Wahleinmschung wird doch schon seit Wochen hierzulande tunlichst verbannt.
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