Ukraine und die Boykott-Debatte Nazi-Keule aus dem Land der Frustrierten

Kann die EM in der Ukraine noch zur Erfolgsgeschichte werden? Die Stimmung ist in der Debatte um einen möglichen Boykott deutlich gesunken, viele sorgen sich um das Image ihres Landes. Präsident Janukowitsch schweigt, und die Zeitung des reichsten Oligarchen wirft Deutschland Nazi-Methoden vor.
Unterstützung für Timoschenko: Anhänger der Politikerin haben ein Zeltlager aufgebaut

Unterstützung für Timoschenko: Anhänger der Politikerin haben ein Zeltlager aufgebaut

Foto: GLEB GARANICH/ REUTERS

Im Kampf gegen den vermeintlichen Aggressor im Westen kann sich der ukrainische Präsident Wiktor Janukowitsch auf Rückhalt aus seiner Heimat verlassen. Kohle und Stahl prägen den Donbass im Osten des Landes, genauso wie milliardenschwere Industriebarone, die Janukowitschs Partei der Regionen finanzieren. Der mächtigste von ihnen ist Rinat Achmetow, 16 Milliarden Dollar schwer, Sponsor des nagelneuen EM-Stadions Donbass-Arena.

Im Konflikt mit Brüssel und Berlin um einen möglichen EM-Boykott bringt Achmetow sein Medienimperium gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in Stellung. "Wieder will Deutschland seinen Willen ganz Europa diktieren", schreibt Achmetows Zeitung "Segodnja - Heute". "Berlin 2012 unterscheidet sich durch fast nichts vom Berlin des Jahres 1940. Deutschland hat sich in 70 Jahren nicht verändert, nur die Methoden haben sich gewandelt: Damals vernichtete Deutschland Länder durch Armeen, jetzt vernichtet es ihre Wirtschaft", kommentiert Kolumnist Dmitrij Korotkow - und fabuliert weiter, die Europäische Union sei "wertlos, wenn sie uns, wie im Neuen Europa Hitlers, als Untermenschen betrachtet".

Noch 33 Tage. Auf dem Kreschatik, der Flaniermeile im Herzen Kiews, läuft der Countdown bis zur Eröffnung der Fußball-Europameisterschaft Anfang Juni unbarmherzig herunter.

Fast zwei Wochen dauert das diplomatische Pressing auf die ukrainische Führung schon an, bislang aber fehlt jedes Anzeichen für ein Einlenken Kiews im Fall der inhaftierten Oppositionsführerin Julija Timoschenko. Im Gegenteil: Der ukrainische Regierungschef Nikolai Asarow stellt Timoschenko als Simulantin dar, der Europa auf dem Leim gegangen sei. "Jede Information, vor allem wenn es um aufsehenerregende Politik geht, sollte maximal geprüft werden", stichelte er in Richtung Westen.

Janukowitsch meidet die Öffentlichkeit

Und Präsident Wiktor Janukowitsch, der Mann, dem Medien und westliche Politiker die Rolle des Schurken im Konflikt mit Timoschenko zugedacht haben? Er meidet die Öffentlichkeit und schweigt, so wie schon in den vergangenen elf Tagen seit der Reiseabsage von Bundespräsident Joachim Gauck.

Hundert Meter vom EM-Countdown entfernt stehen zerzauste Zelte auf dem Trottoir. Timoschenko-Unterstützer haben sie aufgeschlagen, um gegen die Strafverfolgung der Politikerin zu protestieren. Plakate zeigen sie in frommer Pose und in Ritterrüstung, halb Ikone, halb Jungfrau von Orléans. Die meisten der Zelte aber sind leer. Nur eine Hand voll Getreuer hält schwitzend auf Plastikstühlen Wache. Einige haben sich weiße Bänder um die Stirn gebunden und "Hungerstreik" darauf geschrieben, aus Solidarität mit Timoschenko. "Die ganze Ukraine gegen Janukowitsch" steht auf einem Plakat.

Selten hat ein Staatschef sein Volk innerhalb von nur zwei Jahren so gründlich gegen sich aufgebracht wie Janukowitsch. Er ließ Rivalen nach seinem Wahlsieg ins Gefängnis werfen. Was in den Augen der Bürger aber schwerer wiegt: Er hat die wirtschaftlichen Probleme nicht in den Griff bekommen - die seines eigenen Clans ausgenommen. Sohn Alexander etwa, ehemals Zahnarzt, stieg im Eiltempo zu einem der 100 erfolgreichsten Geschäftsmänner auf.

Das Problem des Timoschenko-Lagers aber besteht darin, dass eine Mehrheit gegen Janukowitsch noch lange keine Mehrheit für Timoschenko ist. Das Image der einstigen Revolutionsheldin ist ähnlich ramponiert wie das Janukowitschs. "Eure Julija hat sich doch genauso wie alle anderen die Taschen vollgestopft", zetert eine vorbeiziehende Rentnerin. Das Beste, was Passanten noch über Timoschenko zu sagen haben, ist, "dass sie ihr Vermögen mit Gasgeschäften wenigstens angehäuft hat, bevor sie in die Politik gegangen ist". Alexander Brygynez, Stadtdeputierter von Timoschenkos Partei und seit zwölf Tagen im Hungerstreik, zuckt mit den Schultern. "Makellose Politiker gibt es nicht", sagt er. "Aber unter den Politikern, die wir haben, müssen wir die besseren auswählen".

"Wir sind so gastfreundlich"

Disko-Beats wummern aus schweren Boxen am nahen Unabhängigkeitsplatz. Kiew feiert nach einem lang Winter den Anfang eines Frühlings, der scheinbar nahtlos in den Sommer übergeht. Der Kreschatik ist an den Maifeiertagen bei sommerlichen 27 Grad für den Autoverkehr gesperrt und verwandelt sich in eine große Partymeile. Wo sich sonst Blechlawinen auf sechs Spuren durch die Innenstadt schieben, treten nun Hockey-Teams gegeneinander an, drehen sich Karussells auf dem Asphalt. Es ist ein Vorgeschmack darauf, was die ausländischen EM-Gäste erwartet, wenn hier Kiews große Fanzone eingerichtet wird.

Der 19-jährige Mathematik-Student Dmitrij steht mit seiner Freundin vor der Bühne. In Leuchtschrift flackert der Slogan der EM über riesige Leinwände: "Gemeinsam Geschichte machen". Ob das Turnier trotz des Timoschenko-Konflikts noch zu einer Erfolgsstory werden kann? Dmitrij sagt, die Ukrainer seien selbst frustriert von der Politik, die Boykottaufrufe gegen Janukowitsch kann er nachvollziehen. "Es wäre aber tragisch, wenn viele Besucher deswegen wegbleiben", sagt er. "Wir sind so gastfreundlich. Die EM war doch mal als Projekt gestartet, um unser Land näher an Europa heranzuführen. Jetzt sieht es so aus, als würde uns das alles nur noch weiter voneinander entfernen."