Ultimatum Dramatischer Hilferuf - Spezialisten analysieren Geiselvideo

Terrorbotschaft aus dem Irak: Die Kidnapper zweier Deutscher verlangen den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan - sie drohen, die Frau und ihren Sohn zu töten. In Berlin arbeitet der Krisenstab auf Hochtouren.

Berlin – Gedemütigt und verzweifelt flehen die beiden deutschen Irak-Geiseln auf dem Videoband die Bundeskanzlerin um Hilfe an: "Ich habe niemanden, der mir helfen kann - nur noch Sie", sagt die Frau unter Tränen und mit gebrochener Stimme. Die Entführer hätten damit gedroht, ihren Sohn vor ihren Augen zu ermorden. "Mit den Leuten ist nicht zu spaßen, die werden meinen Sohn umbringen." Ihre Worte richten sich direkt an Angela Merkel. "Gehen Sie auf die Forderungen ein - irgendwie." Und weiter: "Ich bitte Sie, helfen Sie uns! Wir sind doch auch Deutsche."

Per Internet haben die Entführer heute ihre grausige Botschaft in die Welt getragen:Per Internet haben die Entführer heute ihre grausige Botschaft in die Welt getragen: Ziehe die Bundesregierung die Soldaten aus Afghanistan nicht ab, würden die Deutschen getötet.

Auf dem Video sind drei vermummte, bewaffnete Männer zu sehen, die hinter den Geiseln stehen. Einer verliest eine Erklärung in arabischer Sprache. Darin heißt es: "Wir geben der deutschen Regierung zehn Tage vom Datum der Veröffentlichung dieser Botschaft an, um mit dem Abzug ihrer Truppen aus Afghanistan zu beginnen, danach werden wir keine Verantwortung mehr übernehmen und nicht einmal eine Leiche eines dieser Agenten (die Geiseln) wird gefunden werden. Gott ist groß und die Ehre ist für den Islam und die Muslime." Der Entführer behauptet, die Bundeswehr bombardiere in Afghanistan Zivilisten in ihren Dörfern.

Noch ist völlig unklar, wer die Vermummten mit den markigen Worten sind. Politisch motivierte Terroristen? Oder Kriminelle, die mit einem makabren Akt ihre Chancen auf Lösegeld verbessern wollen? Hinter den Kulissen des politischen Berliner dürften die diplomatischen Drähte heiß laufen: Können jene Kontakte helfen, über die auch die Freilassung der Leipziger Ingenieure René Bräunlich und Thomas Nitzschke vor knapp einem Jahr eingefädelt worden war?

"Wir werden nichts unversucht lassen, die beiden entführten Deutschen wieder gesund zu ihren Familien zu bringen", versprach Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) am Abend in Berlin. Der Krisenstab analysiere die Aufnahme, "ein erschütterndes Dokument". Das war alles, was der Minister den wartenden Journalisten sagte – und zugleich nichts.

Sicherheitsexperten der Bundesregierung werten das Ultimatum als Druckmittel für eine spätere Lösegeldforderung, berichtet die "Bild am Sonntag". Die Zeitung beruft sich auf Berliner Regierungskreise. Offenkundig seien die Entführer im Irak enttäuscht vom bislang geringen öffentlichen Echo ihrer Tat in Deutschland. Deshalb könnten sie das Video angefertigt haben.

Schon kurz nach der Veröffentlichung des Bandes tauchen erste Kommentare von Sympathisanten auf. Ein User namens "Al-Mudschahid al-Tarid" schrieb: " Gepriesen seien die 'Pfeile der Rechtschaffenheit', wahrlich, der eine Muslim ist des anderen Muslim Bruder". Auch Links zur aktuellen Berichterstattung auf SPIEGEL ONLINE wurden verbreitet, versehen mit dem Kommentar: "Auch die deutschen Medien haben schon begonnen, die Nachricht zu bringen!"

Bislang unbekannte Islamistengruppe

Das Video, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, wurde unter anderem in einem einschlägigen arabischsprachigen Internetforum verbreitet, in dem verschiedene Terrororganisationen seit Monaten ihre Bekennerschreiben, Propaganda und Videos ablegen. Die Überschrift lautet: "Eilige Nachricht. Aufruf der Gruppe 'Pfeile der Rechtschaffenheit' an die deutsche Regierung (Mit Video)".

Die Gruppe, die sich selbst "Pfeile der Rechtschaffenheit" nennt, ist nicht einschlägig bekannt. Dutzende Terrorgruppen aus dem Irak melden sich täglich zu Wort, um ihre Attacken kundzutun. Aber die "Pfeile der Rechtschaffenheit" waren bisher nicht dabei.

Das kann vielerlei bedeuten: Dass eine etablierte Gruppe sich eine eigene Einheit zum Zwecke der Entführung zugelegt hat, dass die Gruppe sich erst nach der Entführung einen Namen kreiert hat, oder dass diese Gruppe zum ersten Mal mit einem derartigen Akt in Erscheinung tritt. Seriöse Schlüsse darauf, wie groß deswegen die Gefahr für die beiden Opfer ist, kann man auf dieser Grundlage nicht ziehen.

Die Frau und ihr 20 Jahre alter Sohn waren am 6. Februar in Bagdad verschleppt worden. Beide sollen seit Jahrzehnten im Irak leben. Die 61-Jährige stammt aus dem Großraum Berlin. Das Außenministerium hatte in den vergangenen Wochen immer wieder versichert, der Krisenstab arbeite intensiv daran, eine sichere Rückkehr der beiden Geiseln zu ihren Familien zu erreichen. Einzelheiten wurden zum Schutz der Betroffenen nicht mitgeteilt.

Am Freitag hatte der Bundestag eine Entsendung von Aufklärungs-Tornados nach Afghanistan und damit eine Ausweitung des Engagements beschlossen.Nach Informationen des SPIEGEL werden außer Kampfflugzeugen aber auch unbemannte Drohnen nach Afghanistan verlegt.

yas/stx/rtr/ddp/dpa/AP

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