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10. März 2007, 08:45 Uhr

Ultimatum

Irakische Islamisten drohen in Video mit Ermordung deutscher Geiseln

Dramatische Zuspitzung im Fall der im Irak entführten Deutschen: Eine Islamistengruppe hat im Internet ein Video der beiden veröffentlicht. Darin drohen die Kidnapper, die Geiseln zu ermorden, falls Deutschland nicht binnen zehn Tagen seine Truppen aus Afghanistan abzieht.

Dubai - Die bislang kaum bekannte Gruppe namens "Pfeile der Rechtschaffenheit" veröffentlichte Berichten von Nachrichtenagenturen zufolge heute im Internet ein Video, in dem die entführte Frau die Bundesregierung bittet, die Forderungen der Islamisten zu erfüllen. Falls Deutschland nicht seine Truppen aus Afghanistan abziehe, würden die Geiseln in zehn Tagen getötet, heißt es darin weiter. Auch der Reisepass der Frau ist auf den Bildern zu sehen. Auszüge der Video-Botschaft sollen beim arabischen Nachrichtensender al-Arabija zu sehen sein.

Todesdrohung: Der Ausschnitt aus einem Video einer irakischen Islamistengruppe soll die deutschen Geiseln im Irak zeigen
AFP

Todesdrohung: Der Ausschnitt aus einem Video einer irakischen Islamistengruppe soll die deutschen Geiseln im Irak zeigen

Die beiden Deutschen werden seit Februar vermisst. Nach bisherigen Erkenntnissen handelt es sich bei den Entführten um eine mit einem Iraker verheiratete, über 60 Jahre alte Frau und ihren Sohn, der Mitte 20 sei. Dieser soll in dem Video neben seiner Mutter zu sehen sein. Die Bundesregierung hat Angaben zur Identität der Vermissten bislang abgelehnt.

Dem Bericht zufolge wurde das Video auf einer von Islamisten häufig genutzten Website eingestellt. "Wir geben der deutschen Regierung vom Datum dieses Statements an zehn Tage um den Rückzug ihrer Truppen aus Afghanistan anzukündigen und damit zu beginnen. Andernfalls ... werden sie nicht einmal die Körper dieser beiden Agenten zu Gesicht bekommen", zitiert die Nachrichtenagentur Reuters die Forderung der Geiselnehmer. Die Erklärung werde von einem maskierten Mann verlesen.

Der Bundestag hatte erst gestern einer Ausweitung des Afghanistan-mandas zugestimmt. Ab April sollen Tornado-Aufklärungsjets die internationalen Truppen unterstützen. Zudem will die Bundewehr nach SPIEGEL-Informationen eine Drohne an den Hindukusch schicken. Das "Kleinfluggerät Zielortung" (KZO) soll den Flughafen in Masar-i-Scharif im Norden des Landes sichern, wäre jedoch auch für Aufklärungseinsätze im umkämpften Süden wertvoll.

Der Sprecher der Islamistengruppe sagte in dem Video weiter, Deutschland "vernichtet" Muslime in Afghanistan und "belächelt uns im Irak. Wissen die Tyrannen nicht, dass wir eine Nation mit einer Religion sind?" Die entführte Frau bitte in dem Video Bundeskanzlerin Angela Merkel in deutscher Sprache, die Forderungen ihrer Entführer zu erfüllen, um so ihr Leben und das ihres Sohnes zu retten. Die Erklärung der Frau werde ins Arabische übersetzt. Auf den Bildern sei zu sehen, dass beide Geiseln weinten.

Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes in Berlin verwies auf die Arbeit des Krisenstabes. "Dort werden zur Stunde die neuesten Meldungen von Spezialisten ausgewertet." Das Außenministerium in Berlin hatte in den vergangenen Wochen immer wieder erklärt, der Krisenstab arbeite intensiv daran, eine sichere Rückkehr der beiden Deutschen zu ihren Familien zu erreichen. Einzelheiten wurden zum Schutz der Betroffenen nicht mitgeteilt.

Die beiden Deutschen waren Anfang Februar aus ihrem Haus in Bagdad verschleppt worden, als sie und ihr Sohn gerade zur Arbeit gehen wollten. Ein halbes Dutzend Männer war dabei in die Wohnung in einem überwiegend von Sunniten bewohnten Viertel eingedrungen und hatte die Familie in Schach gehalten. Der Krisenstab war zuletzt Hinweisen nachgegangen, denen zufolge die Geiselnehmer aus Kreisen der irakischen Widerstandsbewegung stammen könnten. Nach Informationen des SPIEGEL hatten die Kidnapper laut Zeugen während der Entführung erklärt, sie gehörten zum "Dschaisch al-Islam", zur "Islamischen Armee". Die Untergrundgruppe bekenne sich zu Aktionen gegen US-Soldaten.

In mehreren Telefonaten mit Angehörigen der Familie in Deutschland übermittelten die Entführer später ein Lebenszeichen der Geiseln und stellten politische Forderungen wie einen wirtschaftlichen Boykott des Iraks. Sollten die Forderungen nicht erfüllt werden, drohe der Frau und ihrem Sohn der Tod. Weil entsprechende politische Parolen bislang Bestandteil fast jeder Verschleppung waren, hielt der Krisenstab allerdings weiterhin auch einen rein kriminellen Hintergrund für möglich.

Es ist das dritte Mal, dass Deutsche im Irak in die Hände von Geiselnehmern geraten sind. Im vergangenen Jahr waren die beiden Leipziger René Bräunlich und Thomas Nitzschke im Irak entführt worden. Sie waren als Monteure des sächsischen Unternehmens Cryotec Anlagenbau nach Baidschi gereist. Ihre Geiselhaft dauerte rund drei Monate. Die Archäologin Susanne Osthoff war Ende 2005 mehr als drei Wochen in der Hand irakischer Kidnapper.

phw/Reuters/dpa/AFP

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