Ultraorthodoxe Juden Mayans Flucht aus dem Mittelalter

Sie bewohnen ein Paralleluniversum, abgeschottet von der Moderne: Die 550.000 ultraorthodoxen Juden Israels führen in eng geknüpften Gemeinschaften ein ganz auf Religion fixiertes Leben. Nur wenige wagen den Ausstieg - wie die 24-jährige Mayan. Sie zahlen einen hohen Preis dafür.
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Ultraorthodoxe Juden: Von der Welt abgeschottet

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Als sie ging, ließ sie alles zurück, selbst ihren Namen. Sie mochte nicht mehr Sarah heißen, wie ihre Eltern sie gerufen hatten. Zu lange hatte sie sich von ihnen eingesperrt gefühlt, fremdbestimmt. Deshalb begann sie ihr neues Leben mit einem neuen Namen: Mayan, hebräisch für "Quelle".

Sieben Jahre ist es nun her, dass Mayan auf dem Planeten Erde landete, wie sie es nennt. Ganz angekommen ist sie bis heute nicht. Sie ist eine moderne, junge Israelin. Doch trotz der Drachentätowierung auf ihrer Schulter, trotz des freizügigen Träger-Tops, unter dem der BH hervorblitzt: Immer wieder gibt es diese Momente, die ihre Vergangenheit verraten. Wenn es in ihrem Freundeskreis um alte Fernsehserien geht, wenn Klassiker der Popmusik oder die ersten Schulhof-Liebschaften diskutiert werden, muss Mayan passen. Bis sie 17 Jahre alt war, lebte die heute 24-Jährige in einer Welt, in der es das alles nicht gab.

Das "Paralleluniversum", aus dem Mayan kommt, hat etwa 550.000 Einwohner: Es ist die Welt der ultraorthodoxen Juden, die mitten in Israel in eng geknüpften Gemeinschaften ein ganz auf ihre Religion fixiertes Leben führen. Die Frommen schirmen sich radikal gegen die Moderne ab: Fernsehen ist genauso verpönt wie nichtreligiöse Musik, Telefone und Internet. Die für die Gemeinschaft wichtigen Nachrichten werden über Wandzeitungen verbreitet. Jungen und Mädchen gehen zur Schule, lernen aber hauptsächlich Religion. "Lesen und Schreiben können alle, aber in Mathe war nach dem Einmaleins Schluss", sagt Mayan. "Als ich von der Schule ging, wusste ich nicht, was New York ist. Ich hatte noch nie einen Hund gesehen, weil es bei uns keine Haustiere gibt."

Es ist vor allem diese mangelhafte Bildung, die es Zweiflern fast unmöglich macht, aus dem Korsett des Glaubens auszubrechen, sagt Irit Paneth von "Hillel - the Right to Choose  ", einer Organisation, die Aussteigern beim Start in ein normales, modernes Leben hilft. "Wir sind nicht gegen die Religion. Aber die Ultra-Orthodoxie ist wie eine Sekte, die Kinder im Namen der Religion geistig verkrüppeln lässt." Der Bruch mit der Gemeinschaft sei für die meist jungen Abtrünnigen ein Sprung ins Leere. "Sie kommen ohne Geld, ohne Bildung im klassischen Sinne, ohne Chance auf Arbeit", sagt Paneth.

Die Ultraorthodoxen sind die am schnellsten wachsende soziale Gruppe innerhalb Israels: 2025 werden 22 Prozent der Schulkinder aus einer der strenggläubigen Gruppierungen kommen, so Schätzungen der Regierung.

Frauen ernähren die Familien und ziehen die Kinder groß

In den 19 Jahren seit Bestehen der Hilfsorganisation haben sich nur etwa 2000 Aussteiger an Hillel gewandt. "Es gibt Zigtausende, die zweifeln, die raus wollen", sagt Paneth. Doch nur die wenigsten seien bereit und in der Lage, die Opfer zu bringen, die den Abtrünnigen abverlangt würden. Die meisten Familien brächen den Kontakt komplett ab. "Einige halten sogar Trauerzeremonien ab. So, als ob die Tochter oder der Sohn gestorben sei", sagt Paneth.

Mayan wuchs in Beitar Illit auf, einer Hochburg der "Litaim". Dort tragen Männer schwarze Anzüge und einen breitkrempigen Hut, die Frauen hochgeschlossene Blusen, lange Röcke und oft ein Kopftuch: Zweck der Kleidung ist allein, Züchtigkeit zu beweisen. Die Männer arbeiten nicht, sie widmen ihr Leben dem Bibelstudium. Die Frauen ernähren die Familien und ziehen zudem bis zu zwölf Kinder groß, die Paare oftmals haben.

Mayans Kindheit war vorbei, als ihre verwitwete Mutter zum zweiten Mal heiratete. Die Siebenjährige musste fortan auch im Sommer mit Socken und einer langen Hose unter dem Nachthemd ins Bett. Der Stiefvater sollte unter keinen Umständen ihre nackte Haut sehen, sollte die Bettdecke einmal hochrutschen. Als nicht-blutsverwandter Mann durfte er sie nicht berühren, redete kaum mit ihr.

Die Pubertät erlebte Mayan als Zeit größter Angst. Als ihre Brüste zu wachsen anfingen, fürchtet sie, Krebs zu haben. So groß war das Tabu um alles Körperliche, dass sie sich lieber zum Arzt schlich, als ihre Mutter zu fragen, was mit ihr los sei. Mit ihrer ersten Periode setzten erneut Panik und Scham ein. Mayan versteckte ihre befleckte Unterwäsche. Als die Mutter sie fand, bekam sie statt einer Erklärung eine Standpauke: Was, wenn der Stiefvater die schmutzigen Höschen gefunden hätte?

Die ersten Zweifel kamen Mayan, als sie auf eine Schule im Zentrum Jerusalems wechselte. Sie sah modisch gekleidete Jugendliche, bemerkte, dass die Jungs "aus der anderen Welt" sie begehrlich anschauten. Als sie 14 war, heckte sie mit anderen neugierigen Schulkameradinnen einen Plan aus. Sie meldeten sich bei ihren Müttern ab: Ein Treffen einer Lerngruppe stünde an. Stattdessen nahmen die Mädchen von ihrem Babysitter-Geld den Bus nach Tel Aviv, zum Luna-Park. Mayan strahlt noch heute, wenn sie von den Lichtern, der Musik erzählt. "Ich habe mich gefühlt wie Cinderella, wie in einem Traum", sagt sie.

"Wenn Gott existiert, kann er das nicht gewollt haben"

Der zweite Ausflug der Freundinnen endete in einem Desaster. Die Mädchen waren an den Strand gefahren, die frische Sommerbräune verriet sie zu Hause. Für Mayan folgte eine dreijährige Odyssee durch diverse ultraorthodoxe Besserungsanstalten und Pflegefamilien. Die Aufmüpfigkeit sollte ihr ausgetrieben werden, notfalls auch durch fromme Lügen. "Uns wurde immer wieder eingebläut, dass die Säkularen nur darauf warten, uns zu Prostituierten oder Arbeitssklaven zu machen. In der modernen Welt warte nichts auf uns außer die Drogensucht."

Mit Hilfe von Hillel schaffte Mayan schließlich den Absprung: Die Organisation finanzierte ihr ein Internat, auf dem sie das Abitur nachholen konnte. Mayan absolvierte den in Israel auch für Frauen obligatorischen Militärdienst und studiert heute Sonderpädagogik. Kontakt zu ihrer Familie hat sie nicht, ahnt aber, dass ihr Ausbruch zumindest ihren Schwestern einen hohen Preis gekostet hat. "Meine Schwestern werden keinen so guten Mann zugewiesen bekommen, wie sie ihn verdient hätten."

"Zu bleiben hätte den Tod bedeutet"

Schimy Levy zahlt den Preis für seine Abkehr von der Religion Woche für Woche. Jedesmal, wenn die zwei Stunden vorbei sind, die die Rabbiner des ultraorthodoxen Scheidungsgerichts ihm wöchentlich mit seinen beiden Kindern zugestanden, spürt er, was ihn seine Freiheit gekostet hat. "Trotzdem war es richtig zu gehen", sagt der 25-Jährige. "Zu bleiben hätte den Tod bedeutet, und ich kann mich nicht meinen Kindern zuliebe umbringen."

Levy wuchs ebenfalls als "Litaim" auf, auch bei ihm keimten erste Zweifel, als er in die Pubertät kam. Die Regeln der Religionsschule, in der er sein ganzes Leben hätte verbringen sollen, irritierten ihn immer öfter. "Mit Hilfe der Bibel kontrollieren sie dort jedes noch so kleine Detail des Alltags", sagt er und zählt auf: Morgens muss erst der rechte Schuh, dann der linke angezogen werden. Dann werden die Schuhe in umgekehrter Reihenfolge gebunden. Am Sabbat darf der Fisch nur so gegessen werden, dass keine Gräte berührt wird. Ein junger Mann darf die für ihn ausgewählte Braut ein, höchstens zwei Mal für eine Stunde zu einem sittsamen Gespräch in treffen. Dann muss er sich entscheiden, ob er sie heiratet.

Levy begehrte auf, indem er sich ein Taschenradio kaufte, mit Kopfhörern. Unter der Bettdecke im Gemeinschaftsschlafsaal der Jeschiva lauschte er nachts den Klängen der Welt da draußen. Auch er flog irgendwann auf, auch er kam in Besserungsanstalten. Mit 20 wurde er verheiratet - ein weiterer Versuch, seinen Freiheitsdrang zu zähmen. Vier Jahre hielt er in der Rolle des strenggläubigen Vaters und Ehemanns durch, bevor er vor einem Jahr zu dem Entschluss kam, so nicht weiter leben zu können. Er beichtete seiner Frau, dass er den Glauben verloren hatte und bat um die Scheidung. Ohne große Gefühlsregung schnitt er sich die Schläfenlocken ab, die er sein Leben lang getragen hatte: "Mir war schon lange klar, dass all diese Rituale leere Hülsen sind."

Die vergangenen zwölf Monate waren für Levy eine einzige Aufholjagd. Wie im Schnellvorlauf entwickelte sich sein Musikgeschmack von Abba zu Techno, wurde er vom Fernseh-Frischling zum I-Phone-Besitzer. Die ersten Turnschuhe, der erste Kinobesuch, das erste Schweineschnitzel: "Jeden Tag hake ich eine Sache ab, die mir bislang vorenthalten wurde", sagt Levy. Sorge bereitet ihm die Indoktrination, der seine Kinder ausgesetzt sind. "Jedes Mal, wenn ich sie sehe, erzählen sie, dass die ganze Familie jeden Tag betet, dass ich zum Glauben zurückfinde."

Irit Paneth von Hillel hört Geschichten wie die von Mayan und Schimy Levi mit gemischten Gefühlen. Natürlich freue sie sich "wie eine Mutter", wenn ihre Schützlinge den Neustart in der modernen Welt meisterten. "Doch was ist mit den vielen anderen, die nicht stark genug sind, sich loszureißen?" Sie müssten sich ein Leben lang verstellen, Frömmigkeit vorschützen, Gesetzen folgen, an die sie nicht glaubten. "Wenn Gott existiert, kann er das nicht gewollt haben", sagt Paneth.

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