Umfrage Kriegseuphorie lässt nach

In den USA wächst die Kritik an den Angriffen auf Afghanistan und an der Bekämpfung des Terrorismus im eigenen Lande. Laut einer Umfrage glauben mittlerweile nur noch 28 Prozent der Befragten daran, dass die USA den Top-Terroristen Osama Bin Laden finden oder töten werden.


USA starten Luftangriffe auf Afghanistan vom Flugzeugträger "USS Roosevelt"
AP

USA starten Luftangriffe auf Afghanistan vom Flugzeugträger "USS Roosevelt"

New York - US-Bürger stehen offenbar weit weniger hinter den US-Militärschlägen gegen die Taliban in Afghanistan als noch zu Beginn der Angriffe am 7. Oktober. Das ergab eine Umfrage der "New York Times" und des Fernsehsenders CBS, für die mehr als tausend Menschen in der vergangenen Woche telefonisch befragt wurden. Während vor zwei Wochen noch 38 Prozent der Befragten angaben, die USA könnten Osama Bin Laden festnehmen, glaubten daran Ende vergangener Woche nur noch 28 Prozent.

"Osama Bin Laden gleicht einem Gespenst", sagte eine 67-Jährige der "New York Times". "Zunächst hieß es, Bin Ladens Festnahme dauere wenige Wochen, dann hieß es, sie dauere mehrere Monate und nun geht man sogar von Jahren aus", begründete ein 57-jähriger Mann seinen Meinungsumschwung.

In den USA schenkt die Bevölkerung auch der internationalen Allianz gegen den Terrorismus immer weniger Vertrauen. Der Umfrage zufolge glauben nur noch 29 Prozent der Befragten daran, dass die Länder der Anti-Terror-Allianz die militärischen Maßnahmen der USA langfristig unterstützen würden. Vor zwei Wochen hielten noch 46 Prozent die Stabilität des Bündnisses für realistisch. Acht von zehn befragten Personen befürchten den Angaben zufolge außerdem, dass sich der Krieg gegen Afghanistan auch auf benachbarte Länder ausbreiten könnte. Ein langwieriger Krieg scheint vielen wahrscheinlich: "Ich wäre nicht überrascht, wenn der Krieg drei bis fünf Jahre dauern wird", sagte eine 48-jährige Frau der "New York Times".

Gute Noten für Bush

Dennoch sind der Umfrage zufolge 87 Prozent aller Befragten mit der Arbeit von US-Präsident George W. Bush seit dem 11. September zufrieden. Auch die Arbeit der Abgeordneten im US-Kongress wird von 67 Prozent der Befragten positiv bewertet. Solch ein positives Ergebnis hat es der Umfrage zufolge zuletzt in den siebziger Jahren gegeben.

Die Angst in den USA vor terroristischen Anschlägen bleibt dennoch weiterhin bestehen. Mehr als die Hälfte der Befragten (53 Prozent) halten einen erneuten Angriff in Form einer Bio-Attacke für wahrscheinlich. Vor zwei Wochen glaubten daran erst 46 Prozent und vor drei Wochen nur 36 Prozent. In Zusammenhang mit Milzbrand-Briefen äußern viele Befragte Kritik an den zuständigen Behörden. Mehr als die Hälfte werfen ihnen vor, nicht genügend Vorsorgemaßnahmen gegen Angriffe mit biologischen Waffen getroffen zu haben. Über ein Viertel kann nicht verstehen, warum die Gesundheitsbehörden von einer vorsorglichen Einnahme von Ciprobay, einem Antibiotikum gegen Milzbrand, abraten. Sie sind außerdem davon überzeugt, dass die Regierung in Washington Informationen über mögliche Bio-Attacken verschweigt.

In Kabul wird das Ausmaß der Zerstörung durch Bombenangriffe zunehmend sichtbar
AP

In Kabul wird das Ausmaß der Zerstörung durch Bombenangriffe zunehmend sichtbar

Die Angriffe auf Afghanistan werden jedoch nicht nur in den USA zunehmend kritisiert. Auch in Großbritannien, das die USA bei den Luftangriffen auf Afghanistan unterstützt, wächst die Ablehnung in der Bevölkerung. Nach der von der britischen Tageszeitung "The Guardian" veröffentlichten Erhebung sank die Zustimmung für die Angriffe in den vergangenen zwei Wochen von 74 Prozent auf 62 Prozent.

Kritik an den Angriffen entzündet sich nach Angaben von Experten unter anderem an den Folgen für die Zivilbevölkerung. In den vergangenen Wochen hatten die USA mehrfach eingeräumt, zivile Ziele getroffen zu haben. Mehr als die Hälfte der Befragten (54 Prozent) sprachen sich seitdem für eine Unterbrechung der Angriffe aus, damit Hilfsgüter zu der Not leidenden afghanischen Bevölkerung gebracht werden können. Trotz des veränderten Meinungsbildes in der Öffentlichkeit sprach sich der britische Premierminister Tony Blair erneut gegen eine Unterbrechung der Luftangriffe aus.



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