Umgang mit Teheran Irans Bombe birgt Sprengkraft für Obama

Die Welt schaut auf Irak, Afghanistan oder den Terror in Indien. Doch die größte außenpolitische Herausforderung für den neuen US-Präsidenten wird der Umgang mit Iran sein, glauben Außenpolitikexperten. Obama hat einen neuen Ansatz versprochen - doch das Risiko des Scheiterns ist groß.

Von , Washington


Washington - Finanzkrise, Bankrott der US-Autoindustrie, Mumbai-Terroristen. Auf den Fernsehern in Barack Obamas Übergangsbüro in Chicago flimmern in diesen Tagen Bilder vieler Krisenherde. Die Nachricht aus Wien konnte da glatt untergehen. Dabei hatte sie es in sich. Nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde verfügt Iran mittlerweile über 630 Kilogramm niedrig angereichertes Uran, das Land baue immer neue Zentrifugen zur Anreicherung, kooperiere kaum noch mit den Kontrollbehörden. Schon in einem Jahr sei ein erfolgreicher Nukleartest Teherans denkbar, warnten die Atomaufseher.

Clinton, Obama: Internationale Herausforderungen sind gewaltig
AFP

Clinton, Obama: Internationale Herausforderungen sind gewaltig

Bislang hat Obama sich zu den Hiobsbotschaften noch nicht geäußert. Doch viel Zeit bleibt ihm nicht. "Es wird immer dringlicher, einen neuen diplomatischen Zugang zu Iran zu finden", sagt Thomas Pickering, einst US-Botschafter in Israel und nun Vorstand des "American Iranian Council". Bill Clintons ehemaliger Nahost-Vermittler Dennis Ross ergänzt: "Es gibt für die Obama-Regierung keine größere außenpolitische Herausforderung."

Wie die künftige Iran-Strategie aussehen wird, ist eine der meistdiskutierten Fragen in Washington. Acht Jahre lang war der US-Kurs weitgehend klar. Die Beziehungen lagen auf Eis, immer wieder kursierten Gerüchte über einen angeblich geplanten Militärschlag gegen Irans Atomanlagen. Der republikanische Bewerber um die Bush-Nachfolge, John McCain, sang scherzeshalber: "Bomb, bomb, bomb Iran."

Trotzdem machte Iran einfach weiter mit seinen Atomplänen - so effektiv, dass der Erfolg kaum noch aufhaltbar scheint. "Wenn Iran es will, wird es bald eine Nuklearmacht sein, damit hat Bush sich abgefunden", sagt ein Republikaner SPIEGEL ONLINE, der im privaten Kreis den Präsidenten dazu sprechen hörte. Auch ein möglicher israelischer Erstschlag sei derzeit im Weißen Haus kein Thema mehr - obwohl laut "Haaretz" Israels Nationaler Sicherheitsrat im Dezember ein Papier zu Angriffsplänen bezüglich Iran beraten will.

Ein Angriff löst das Problem nicht

Die Israelis scheinen von ihrer harten Linie abzurücken. Vor Obamas Wahl verurteilten führende Politiker des Landes dessen Vorschlag, mit Iran ohne Vorbedingungen zu verhandeln, als "Appeasement". Jetzt sagt der Chef des israelischen Militärgeheimdienstes, Amos Yadlin, eine solche Annäherung sei nicht "unbedingt negativ".

Yadlin weiß: Ein Militärschlag würde die Atomentwicklung vielleicht aufhalten, aber nicht zum Stillstand bringen. Richard Haass, Präsident des "Council on Foreign Relations" in New York sagte "Newsweek": "Ein Angriff bringt uns etwas Zeit, wird aber das Problem nicht lösen. Er würde aber zu iranischen Vergeltungsschlägen gegen US-Einrichtungen im Irak und Afghanistan führen und zu viel höheren Ölpreisen - das letzte, was die Welt braucht in der Finanzkrise."

Nur ist natürlich auch klar: Eine Atommacht Iran könnte den Nahen Osten nicht nur weiter destabilisieren, sondern zudem ein nukleares Wettrüsten in der Region auslösen.

Wie also soll die neue US-Regierung vorgehen? "Wir müssen uns auf direkte Verhandlungen ohne Vorbedingungen mit den Iranern vorbereiten. Es ist weiser, Verhandlungen nicht als eine Belohnung zu sehen, sondern als ein Instrument unserer nationalen Sicherheitspolitik", meint Haas. Selbst die Bush-Regierung hat zwischenzeitlich mit Iran verhandelt. Etwa nach den Anschlägen vom 11. September 2001, als Teheran bei der Vermittlung in Afghanistan behilflich war. Auch erwog Bush am Ende seiner Amtszeit die Wiederaufnahme diplomatischer Kontakte - eine Entscheidung, die nun Obama treffen soll.

Dennoch mochte die Bush-Regierung nie von ihrer Forderung eines Regimewechsels in Teheran abrücken - und blieb fixiert auf den provokanten Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, den viele Iran-Kenner nicht für den wahren Machthaber halten.

Karim Sadjadpour vom "Carnegie Endowment for International Peace" empfiehlt daher im National Public Radio (NPR) dem Obama-Team einen vorsichtigeren Kurs: "Wenn man Iran gleich wieder Ultimaten zur Nuklearfrage und dem Verhältnis zu Israel stellt, kann man kein Vertrauen aufbauen."

Immerhin teilen beide Länder gemeinsame Interessen: Die Hoffnung auf Stabilität im Irak etwa oder die Sorge vor einem Erstarken der Taliban in Afghanistan. Auch sind die Sympathien für Amerika in der iranischen Bevölkerung groß.

Wäre daher ein "grand bargain" zwischen Teheran und Washington denkbar, der im Austausch für einen Stopp der Atompläne Irans Sicherheitsinteressen berücksichtigt? Pickering hat denkbare Bestandteile skizziert: Eine Abkehr Washingtons von der Idee eines Regimesturzes in Iran, die Einbindung Teherans in die regionale Sicherheitsarchitektur, umfangreiche wirtschaftliche Kooperationsangebote.

Europa kann bei neuen Initiativen helfen

Doch eine solche Annäherung dürfte Jahre dauern. Das Vertrauen zwischen den beiden Ländern, die seit 1979 keine diplomatischen Beziehungen mehr unterhalten, ist so gut wie zerstört. Selbst Iran-Experten in Washington rätseln, wer eigentlich für das Regime in Teheran spricht - und ob dieses nicht heimlich die Hoffnung hegt, angesichts US-Schwäche die Region bald beherrschen zu können. Außerdem würde ein solcher Annäherungskurs wohl für Vorbehalte beim engen US-Verbündeten Israel sorgen - die allerdings die designierte Außenministerin Hillary Clinton ausräumen helfen könnte. An deren Unterstützung für Israel besteht kein Zweifel. Im Vorwahlduell mit Obama hat sie dessen Gesprächsbereitschaft mit Iran als naiv verurteilt.

Auch die Europäer könnten bei einer solchen Annäherung helfen. Sie haben im Rahmen der "Sechsergruppe" - bestehend aus den USA, Russland, China, Frankreich, Großbritannien und Deutschland - Iran bereits Kooperationsangebote unterbreitet und smartere Sanktionen auf den Weg gebracht. Freilich blieb deren Umsetzung bislang lückenhaft. "Dennoch ist es wichtig für die Amerikaner, diese Verhandlungen nicht einfach beiseitezuwischen", sagt Laurie Dundon, Ex-Mitarbeiterin von Madeleine Albright und nun bei der Bertelsmann Stiftung, SPIEGEL ONLINE.

Europa so Dundon, könne zudem bei neuen Initiativen helfen. Etwa dem Projekt einer israelisch-syrischen Annäherung. Washington bemüht sich darum seit geraumer Zeit: Condoleezza Rice traf ihren syrischen Amtskollegen. Die Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, reiste nach Damaskus. So ließe sich zumindest langfristig ein Keil in die enge Beziehung zwischen Teheran und Damaskus treiben, hoffen US-Politiker.

Vielleicht auch deshalb scheinen Irans Mächtige derzeit ganz Ohr: Ahmadinedschad hat Obama direkt nach dessen Wahlsieg ein Glückwunschschreiben geschickt. Auf einer "Sonderkonferenz" soll zudem der Triumph des Demokraten und dessen Einfluss auf die Beziehungen zwischen Teheran und Washington erörtert werden, heißt es aus Teheran. Das iranische Außenministerium lässt gar verlauten, es hoffe auf eine grundlegende Änderung der Beziehung - und verweist auf Obamas Wahlkampfslogan "Yes we can".



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