Umkämpftes Afghanistan Nato meldet Erfolge in Taliban-Hochburg

Kandahar gilt als eine der gefährlichsten Regionen Afghanistans, hier waren die Taliban besonders stark. Doch die Nato meldet nun Erfolge gegen die Extremisten, viele von ihnen sollen vertrieben worden sein. Ein Wendepunkt? Westliche Militärs mahnen: Die kritische Phase beginnt erst jetzt.

US-Soldat in der Provinz Kandahar: "Die Initiative liegt jetzt bei uns"
Getty Images

US-Soldat in der Provinz Kandahar: "Die Initiative liegt jetzt bei uns"

Von


Hamburg/Dubai - Aus Kandahar kommen meist Todesmeldungen. Die Taliban verüben im Süden Afghanistans immer wieder Anschläge - häufig sterben Kinder, noch häufiger Sicherheitskräfte. Die Region gilt als wichtiger Stützpunkt der Extremisten, obwohl westliche Truppen bereits seit Jahren dort gegen sie kämpfen.

Die "New York Times" meldet nun Positives aus der Kriegsprovinz: Amerikanische und afghanische Sicherheitskräfte hätten die Taliban aus großen Teilen Kandahars verdrängt. Die Aufständischen hätten wichtige Hochburgen verlassen müssen, zitierte die Zeitung Nato-Kommandeure, lokale afghanische Behörden und Einwohner der Region.

Die Offensive komme wieder in Schwung, lobt auch der Nato-Kommandeur im südlichen Afghanistan, der britische Generalmajor Nick Carter: "Die Initiative liegt jetzt bei uns." Carter hat die Operationen in Kandahar im vergangenen Jahr gesteuert, der "New York Times" zufolge waren 12.000 US- und Nato-Einsatzkräfte und 7000 afghanische Soldaten in der Provinz im Einsatz. Dies zeige nun "zweifellos Wirkung", so Carter.

Der Sprecher der internationalen Schutztruppe Isaf zeigte sich gegenüber SPIEGEL ONLINE allerdings zurückhaltender. Brigadegeneral Josef Blotz in Kabul bestätigte zwar erste Fortschritte rund um die Stadt Kandahar, warnte jedoch zugleich vor zu schnellen Schlüssen. Man habe die Taliban aus einigen Gebieten rund um die Stadt vertreiben können, sagte er: "Nun aber geht es darum, diese zu halten."

Karzai-Besuch soll Zuversicht signalisieren

Vor etwa zwei Wochen hatte Afghanistans Präsident Hamid Karzai der Stadt Arghandab einen symbolischen Besuch abgestattet, begleitet wurde er damals von dem Isaf-Oberkommandierenden David Petraeus. Petraeus selbst hatte Ende August davon gesprochen, militärische Fortschritte seien inzwischen auch im afghanischen Süden erkennbar.

Der gemeinsame Besuch mit Karzai in der Krisenregion sollte nun zeigen, dass man in Sachen Sicherheit Fortschritte erzielt habe, so Nato-Mitarbeiter in Kabul. Dort gibt man sich vorsichtig optimistisch über den Verlauf der Operation. Zum ersten Mal ist zu hören, dass die afghanische Armee vernünftige Leistungen gezeigt habe, bei einigen Teilmissionen sollen die einheimischen Soldaten sogar schon die Führung übernommen haben.

Von einem Wendepunkt im Afghanistan-Krieg mag aber niemand sprechen - auch nicht in Kandahar. In den vergangenen Monaten gab es zahlreiche Attacken der Extremisten. Erst Anfang Oktober explodierten zahlreiche Bomben in der Stadt Kandahar, viele Menschen starben. Den Worten des Präsidentenbruders Ahmed Wali Karzai, es gebe "keine einzige Taliban-Hochburg mehr in Kandahar", glaubt kaum jemand. Ende August starben zwei seiner Mitstreiter aus dem Provinzrat durch Sprengsätze.

"Wir müssen die Gebiete dauerhaft halten"

Ein Nato-General mahnt gegenüber SPIEGEL ONLINE, die entscheidende Phase in der südlichen Region beginne erst jetzt. "Wenn wir die Gebiete dauerhaft halten können und die afghanische Regierung hier wieder einzieht, sind wir einen Schritt vorwärts gegangen", so ein Top-Militär. Bisher sei man nur in einer "ersten Phase".

Die Vorsicht ist begründet. Bereits bei einer vorherigen Großoperation in Südafghanistan hatte das Hauptquartier in Kabul sehr früh gejubelt und den Sieg in Mardscha, ebenfalls in Südafghanistan, verkündet. Schon Wochen später allerdings zeigte sich, dass nach der Militäroperation die zivile Verwaltung bei ihren Aufgaben versagte.

Die Taliban beschrieben ihren jetzigen Rückzug in Kandahar als "taktisch" - ein gängiges Erklärungsmuster. Die Kämpfer hätten sich in die Stadt Kandahar zurückgezogen, um dort Anschläge zu verüben, so die Extremisten. Der "New York Times" zufolge sagten Bewohner der Region aber, die Taliban seien von den schnellen Attacken auf sie überrascht worden. Eine entscheidende Rolle spielte dem Bericht zufolge eine neue Rakete, die sehr akkurat zielen könne und eingesetzt worden sei, um die Verstecke der radikalislamischen Anführer zu finden.

Auch in anderen Teilen Afghanistans jagt die Nato die Taliban-Chefs. Gleichzeitig unterstützt die Allianz offenbar die Friedensgespräche von Präsident Karzai mit den Taliban. Einigen Radikalen soll sie sicheres Geleit nach Kabul gewährt haben, berichtete die Zeitung am Mittwoch.

Karzai verfolgt, unterstützt von der internationalen Gemeinschaft, einen Versöhnungsplan. Das Programm richtet sich an Taliban, die der Gewalt abschwören und an jene, die sich eher aus finanziellen statt aus ideologischen Gründen dem Aufstand angeschlossen haben.



insgesamt 45 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
tomex030 21.10.2010
1. Ein Wendepunkt?
Nein, hört sich für mich nach der üblichen Propaganda an, wer will denn für sich in Anspruch nehmen, dort den Überblick zu haben?
frank_lloyd_right 21.10.2010
2. Wie wäre es,
wenn man Afghanistan so läßt, wie es realistisch betrachtet seite Jahrzehnten (eigentlich Jahrhunderten) ist : Kampfsportplatz der Nationen ! Als die Sowjets da waren, machten sich die Amis Sorgen, daß die russischen Truppen dort Kampferfahrung sammeln würden, die die eigenen Leute nicht hatten - jetzt haben sie diesen gravierenden Nachteil ja zum Glück aufgeholt. Das zerdepperte Material ist der einzige Wachstumsfaktor der desolaten Industrie (in Rußland UND den USA), und ein paar Kollateralhochzeitsgäste bringen uns doch alle bloß zum Gähnen. Also in Zukunft - überall versteckte Kameras und Direktübertragungen, AfPak kann von den TV-Gesellschaften dieser Welt und der Fifa übernommen werden. Obwohl, ob noch jemand so viel Geld hat, daß er die FIFA bezahlen kann ?
ratxi 21.10.2010
3. Oha
Zitat von sysopKandahar gilt als eine der gefährlichsten Regionen Afghanistans, hier waren die Taliban besonders stark. Doch die Nato meldet nun Erfolge gegen die Extremisten, viele von ihnen sollen vertrieben worden sein.*Ein Wendepunkt? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,724373,00.html
Vertrieben? Vermutlich nach Hause, wo sie jetzt friedlich leben wollen. Fürwahr, ein echter Wendepunkt.
Family Man 21.10.2010
4. !
Die Taliban lassen immer den Gegner zuerst kommen. Wenn der glaubt das Land sei erobert, slagen sie wieder zu. Nach und nach werden die Eroberer demoralisiert und zermürbt.
wika 21.10.2010
5. Auch am Versöhnungsplan teilnehmen wollen …
… selbstverständlich gegen Entgelt. Ist denn die Sache nicht schon grotesk genug? Der Krieg dort lässt sich nicht gewinnen, also müssen wir die Leute dort jetzt kaufen. Auch kein Problem, dann werden eben von Amerika noch mehr Dollars gedruckt und dort abgeworfen. Wenn demnächst die Kriege tatsächlich mit Geldabwurf erledigt werden, dann gäbe es sicherlich eine Menge Interessierter auch hierzulande für diese Schlacht registriert zu werden. Bringt wahrscheinlich mehr als Hartz IV. Einfach das Land verlassen - aufhören, dann würde es insgesamt erheblich weniger Tote geben. Zwar wären diese nach unserer Vorstellung ungerechte Opfer der bösen Taliban, aber wenn mit westlicher Hilfe die x-fache Menge an Menschen dort umkommt, dann ist es natürlich für einen gerechten Zweck und für eine gute Sache. Ein Schelm wer Böses dabei denkt. Und wo ist jetzt der Unterschied für die Betroffenen, sprich die Toten? Sehen sie, die merken keinen Unterschied mehr und alles ist in bester Ordnung und sogar unser Weltbild. Wenn sie es noch etwas anschaulicher brauchen wie es um die moderne Kriegsführung bestellt ist, dann viel Vergnügen mit diesem "Augenöffner" (Vorsicht bissig) >>> http://qpress.de/2010/07/02/moderne-kriegsfuhrung/
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.