Umkämpftes Paradies Abchasien Monaco auf Minen

Abchasien ist ein Paradies am Schwarzen Meer - umstritten ist, wem es gehört. Der Westen gönnt den Abchasen die Unabhängigkeit nicht. So treibt er sie in die Arme russischer Großmachtpolitiker. Uwe Klußmann besuchte ein Land, das keines sein darf.


Sukhumi - Dana Perino, 36, war nie in Abchasien, der international nicht anerkannten Republik an der Schwarzmeerküste. Aber die Sprecherin des Weißen Hauses in Washington weiß, was gut für die Abchasen wäre, nämlich "eine prosperierende Zukunft im Rahmen eines einigen, demokratischen Georgien".

Irakli Kischmaria, 20, lebt in Abchasien. Was Perino, bekannt als das schöne Gesicht von US-Präsident George Bush, vorschlägt, hält der Jura-Student aus der abchasischen Hauptstadt Sukhumi für gar keine gute Idee. Das Weiße Haus und den Küstenstreifen am Schwarzen Meer trennt ein Ozean, ein Kontinent und ein Graben von Unverständnis.

Kischmaria war sechs Jahre alt, als die Republik Abchasien sich eine Verfassung gab. Ein Jahr zuvor, 1993 hatte sich die Region in einem Krieg von Georgien losgesagt. Für junge Abchasen wie Kischmaria ist das im Weißen Haus beliebte "Georgia" ein fremdes, feindliches Land. "Abchasien soll ein Subjekt des internationalen Rechts werden", sagt der Nachwuchsjurist Kischmaria, und seine Kommilitonen stimmen ihm zu. Der Student beruft sich auf das "Selbstbestimmungsrecht der Völker" und setzt auf den Präzedenzfall Kosovo.

DER SPIEGEL
Kischmaria wünscht sich für sein etwa 200.000 Einwohner zählendes Heimatland "mehr Austausch mit Europa". Dabei geht sein Blick aufs Schwarze Meer, auf dessen Westufer schon zwei Länder der EU angehören, Bulgarien und Rumänien. Doch Europa ist weit für die Abchasen, solange die Trennung von Georgien nicht in eine rechtskräftige Scheidung verwandelt wird. Und das kann dauern, obwohl die Beziehung der beiden Völker längst zerrüttet ist.

Solange Europas Diplomaten Abchasien als Teil Georgiens betrachten, halten sich dessen Bewohner an den russischen Nachbarn. Die meisten Abchasen haben russische Pässe, der Rubel ist das Zahlungsmittel, russische Investitionen beginnen jetzt in das potentiell lukrative Tourismusgebiet zu fließen.

Der Zwergstaat hat sogar seine eigene Marine

Dass Russlands Elite bei dem Versuch, Abchasien in ein Protektorat zu verwandeln, eigennützige Interessen verfolgt, sehen viele Abchasen jedoch kritisch. Als der Kreml im Herbst 2004 versuchte, seinen Kandidaten zum abchasischen Präsidenten wählen zu lassen, scheiterte das Vorhaben an massivem Volkswiderstand.

"Wir sind keine Marionetten Moskaus", sagt der Schriftsteller Witalij Scharia, Chefredakteur des Wochenblattes "Echo Abchasiens". Die Zeitung spießt das Gehabe mancher russischer Investoren, die sich wie Hausherrn aufführen, ebenso auf wie die Manipulation des russischen Fernsehens durch den Kreml. Um in Moskau als TV- Journalist Erfolg zu haben, müsse man "die Nase im Wind halten", spottet Scharia in einer Kolumne.

Doch wenn es um die äußere Sicherheit ihrer kleinen Republik geht, setzen die Abchasen auf den Schulterschluss mit den Russen. Auf einem Militärgelände in Sukhumi stürmen junge Soldaten mit Kalaschnikow-Gewehren aus ihrer Unterkunft. Sie tragen russische Uniformen mit abchasischen Aufnähern. Die etwa 5000 Mann zählende Streitmacht mit rund 20.000 Reservisten setzt auf die Hilfe Moskaus, das verlauten ließ, es werde im Ernstfall "seine Staatsbürger verteidigen". Die Sezessionsrepublik, elf Mal so groß wie Hamburg, verfügt über Panzer, Artillerie, Luftwaffe und sogar eine kleine Marine.

Kriegsdrohungen aus Georgien

Georgiens wortgewaltiger Präsident Micheil Saakaschwili geißelt die Truppe als "illegale bewaffnete Formation" und tönt, es laufe bereits "der Countdown für die Rückkehr nach Abchasien". Saakaschwilis Vertrauter Kacha Lomaia, Sekretär des Sicherheitsrates, droht den abchasischen "Separatisten" gar mit "bewaffneten Zusammenstößen". Die Streitkräfte des De-facto-Staates nennt er "Aufständische".

Ihnen gegenüber steht die von amerikanischen Instrukteuren trainierte und mit US-Waffen aufgerüstete Armee Georgiens. Das Land drängt mit Unterstützung Washingtons in die Nato. Doch ohne Kontrolle über Abchasien kommt Georgien kaum in die Nato. Die subtropische Region ist zudem ist ein Terrain mit hohem Freizeitwert. In den Seebädern Gagra und Sukhumi unterhält das Moskauer Militär Erholungsheime aus der Sowjetzeit.

Der polnische Globetrotter Ryszard Kapuczinski beschrieb Abchasien mit seinen von Palmen gesäumten Stränden und schneebedeckten Bergen als "einen der schönsten Flecken der Erde, eine zweite Riviera, ein zweites Monaco". Es ist ein Monaco auf Minen, echten wie politischen.

Die Sprengminen aus dem georgisch-abschasischen Krieg der frühen neunziger Jahre räumt die britische Hilfsorganisation Halo-Trust, die politischen Minen sind derzeit kaum zu entschärfen.



insgesamt 14 Beiträge
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Hador, 22.06.2008
1. Naja...
Alles in allem ein reichlich einseitiger und von halbwahrheiten nur so triefender Artikel. Da werden die Georgier und der Westen als die Bösen und die Abchasen als die Guten dargestellt. Über die eigentliche Geschichte Landes und die wirklichen Hintergründe des Krieges wird dagegen kein Wort verloren. Dabei wäre es doch z.B. interessant zu wissen, dass die Georgier und Russen in Abchasien nicht erst von Stalin dort angesiedelt wurden sondern bereits im 19. Jhd. nach der Eroberunge Abchasiens durch das zaristische Russland. Die ursprünglichen Abchasen waren bereits Anfang des 20. Jahrhunderts nur noch eine Minderheit im eigenen Land, die meisten wurden in die Türkei vertrieben. Zur Rolle von Russland in Abchasien sollte man ganz nebenbei auch noch erwähnen, dass es RUSSLAND war, das Georgien ursprünglich zu einem militärischen Eingreifen in Abchasien drängte. FAZIT: Wie in jedem Bürgerkrieg gibt es auch hier keine klare Trennung von Gut und Böse und von beiden Seiten wurden Greueltaten verübt. Jetzt eine Seite als die 'Bessere' darstellen zu wollen ist ziemlich unsinnig.
Keule, 22.06.2008
2. Was motiviert Menschen das zu tun ... ?
Ich hatte vor mehr als 20 Jahren Gelegenheit für einige Zeit in Suchumi zu sein. Ich erinnere mich an ein friedliches Land, eine wunderschöne Geographie, freundliche, liebenswürdie und stolze Menschen bei denen man sich angenommen und aufgehoben fühlte - es wäre mir unvorstellbar gewesen, daß diese Menschen sich eines Tages gegenseitig umbringen würden. Einige der Orte der Fotostrecke kenne ich aus anderen, besseren Zeiten. Erinnern kann ich mich nicht daran, daß man damals zwischen Abchasen und Georgiern getrennt hätte, zwischen Georgiern und Russen schon - so wurde ich einmal nachts auf der Straße heftig beschimpft, als ich auf russisch nach dem Weg fragte. Es wäre wohl auch viel zu einfach alles den Russen, Stalin, dem Zaren, den Georgiern, den Abchasen und was weiß ich wem noch anzulasten. Ob es die menschliche Natur ist, die die Russen nach Afganisthan, die Amerikaner nach Vietnam und den Irak, die Deutschen gegen den Rest der Welt, die Abchasen gegen die Georgier, die Araber gegen die Juden usw. usw. in den Krieg getrieben hat und immer weiter treiben wird? Oder sind es Ideologien, sind es Religionen, ist es ganz einfach billige Habgier ...? Wir leben in einer Welt, in der mehr Geld für die Rüstung als für Bildung und Gesundheit ausgegeben wird, wir leben in einer Welt in der sich die sozialen Unterschiede immer mehr zuspitzen - in der offenbar nicht wenige Menschen die Lösung ihrer Probleme in der Anwendung von Gewalt gegen Andere suchen. Ich kann mir keine Lösung vorstellen, die Menschen leben - freiwillig - seit Jahrtausenden so ... Und so wird wohl auch Abchasien auf absehbare Zeit kein Paradies mehr sein.
descartes101, 22.06.2008
3. Unrecht kann man nicht historisch rechtfertigen.
Zitat von HadorAlles in allem ein reichlich einseitiger und von halbwahrheiten nur so triefender Artikel. Da werden die Georgier und der Westen als die Bösen und die Abchasen als die Guten dargestellt. Über die eigentliche Geschichte Landes und die wirklichen Hintergründe des Krieges wird dagegen kein Wort verloren. Dabei wäre es doch z.B. interessant zu wissen, dass die Georgier und Russen in Abchasien nicht erst von Stalin dort angesiedelt wurden sondern bereits im 19. Jhd. nach der Eroberunge Abchasiens durch das zaristische Russland. Die ursprünglichen Abchasen waren bereits Anfang des 20. Jahrhunderts nur noch eine Minderheit im eigenen Land, die meisten wurden in die Türkei vertrieben. Zur Rolle von Russland in Abchasien sollte man ganz nebenbei auch noch erwähnen, dass es RUSSLAND war, das Georgien ursprünglich zu einem militärischen Eingreifen in Abchasien drängte. FAZIT: Wie in jedem Bürgerkrieg gibt es auch hier keine klare Trennung von Gut und Böse und von beiden Seiten wurden Greueltaten verübt. Jetzt eine Seite als die 'Bessere' darstellen zu wollen ist ziemlich unsinnig.
Wenn sich die Abchasen jedoch als geschlossenens Volk verstehen und offensichtlich auch so agieren, sind sie als solches auch zu behandeln. Und meiner Meinung nach kann jedes Volk seine Unabhängigkeit ausrufen ungeachtet der sonstigen Umstände. Wenn die Bayern dies tun würden, würde ich es für meinen Teil akzeptieren, im Fall der neuen Bundesländer sogar begrüssen. Das Selbstbestimmungsrecht eines Volkes wiegt jedenfalls immer schwerer als die wirtschaftlichen oder politischen Interessen irgendwelcher selbsternannter 'Schutzmächte'. Und es sei den Abchasen gegönnt sich für ihre Unabhängigkeit einzusetzen (die dafür notwendigen Mittel ergeben sich aus den Reaktionen der so furchtbar wohlmeinenden 'Schutzmächte').
lklueh 22.06.2008
4. Frieden
Seit der klassischen Antike ist Abchasien Teil des Kolchis, aus welchem sich das heutige Georgien entwickelte. Erst im Laufe der osmanischen Herrschaft hat sich in Abchasien der Islam durchgesetzt waehrend in Georgien der christliche Glaube vorherrschte. Genauso wie Swanetien, Megrelien und andere Teile der Kolchis war Abchasien nie ein homogenes Staatsgebilde sondern Schmelztiegel der Voelker (im Kaukasus leben fast 300 verschiedene Voelker mit ebensovielen Sprachen). Wer heute das Problem mit dem einfachen Schema boese Georgier gute Abchasen behandelt, wird det Sache nicht gerecht. Von georgischer Seite gibt es einen Friedensplan, der die Rueckkehr der Fluechtlinge und dann ein Referendum vorsieht. Alles Andere ist zum Scheitern verurteilt.
Inox, 22.06.2008
5. Sukhumi?
Warum verwendet der Autor die wohl nur im englischen / amerikanischen Sprachraum gebräuchliche Schreib- und (damit für deutsche Zungen auch falsche) Sprechweise "Sukhumi"? Suchumi oder meinetwegen Sochumi, ist das so schwer? Zumindest kannte ich mal vor fast 30 Jahren einen wunderschönen Schwarzmeerkurort, der so hieß.
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