Umstrittener Militäreinsatz Warum die Nato in Afghanistan bleiben muss

Die Nato steht wegen ihrer Angriffe in der Kritik, bei der Präsidentenwahl gab es Stimmbetrug, die Taliban erstarken. In dieser desolaten Situation fordern immer mehr Stimmen im Westen, Afghanistan sich selbst zu überlassen. Doch das wäre eine Katastrophe - für die ganze Welt, meint Hasnain Kazim, SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent in Islamabad.

US-Marines in Afghanistan: Die Lage ist zum Verzweifeln
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US-Marines in Afghanistan: Die Lage ist zum Verzweifeln


Als die sowjetischen Truppen 1989 nach zehn verlustreichen Jahren aus Afghanistan abgezogen wurden, begann das Unheil: Die islamischen Krieger, damals noch Mudschahidin genannt, von Pakistan und den USA aufgebaute Widerstandskämpfer gegen die Rote Armee, wurden von Washington plötzlich alleingelassen. Die nützlichen Idioten hatten ihren Zweck erfüllt. Die Sowjets, böse Ungläubige für die einen, böse Kommunisten für die anderen, waren besiegt.

Was danach kam, ist eine hinlänglich bekannte Geschichte des Grauens: Afghanistan war zerstört, selbst gemäßigte Muslime fühlten sich verraten und verkauft. Unter den verschiedenen Strömungen der Mudschahidin brach ein Machtkampf aus, ab Mitte der neunziger Jahre eroberten die besonders radikalen Taliban, jetzt nur noch von Pakistan unterstützt, erst die Köpfe der Menschen und dann, als es zu spät war, sie noch aufzuhalten, fast das gesamte Land. Es war eine Zeit des Schreckens und der übelsten Form religiöser Machtausübung, öffentliche Hinrichtungen inklusive. Die USA lieferten als übermächtiger Feind die ideologische Rechtfertigung für den neuen "heiligen Krieg", der in die Terrorangriffe am 11. September 2001 mündete und den "Krieg gegen den Terror" provozierte.

Die Lage ist zum Verzweifeln

Wie kann man nach dieser historischen Erfahrung ernsthaft darüber sinnieren, Afghanistan erneut sich selbst zu überlassen? Wie kommt ein sonst so kluger Kolumnist wie Thomas L. Friedman dazu, aufgeschreckt durch die negative Stimmung in der amerikanischen Bevölkerung über den Afghanistan-Einsatz in der "New York Times" zu schreiben: "Dies ist ein viel größeres Vorhaben als das, wofür wir uns ursprünglich verpflichtet haben. Bevor wir ein neues Baby - Afghanistan - adoptieren, brauchen wir eine neue nationale Diskussion über dieses Projekt: Was wird es kosten, wie lange könnte es dauern, welche US-Interessen machen es erforderlich und, vor allem, wer beaufsichtigt die Strategie?"

Sicher, die Lage ist zum Verzweifeln: Die Taliban, kurz nach dem Einmarsch der USA im Dezember 2001 als besiegt geglaubt, gewinnen wieder mehr Einfluss. Täglich melden Kommandeure der Islamisten die Einnahme neuer Regionen, in diesem Jahr sind mehr Isaf-Soldaten gefallen als in den ersten drei Kriegsjahren zusammen. Und auch wenn die Uno behauptet, erfolgreich im Kampf gegen den Drogenanbau zu sein - die Taliban sitzen auf Opiumvorräten, mit denen sie noch viele Jahre ihren Dschihad finanzieren können.

Die Nato-Truppen stehen derweil wegen der wachsenden Zahl ziviler Opfer durch ihre Angriffe in der Kritik, neuerdings auch die Bundeswehr. Längst hält eine Mehrheit der Afghanen die westlichen Soldaten nicht mehr für Befreier, sondern für Besatzer. Das arrogante, ruppige Auftreten insbesondere der US-Soldaten trägt nicht gerade zum guten Ruf bei.

Wenig hilfreich war auch das Verhalten von Verteidigungsminister Franz Josef Jung nach dem verheerenden Luftschlag gegen zwei gekaperte Tankwagen: Anstatt schnelle Hilfe für die Verletzten zuzusagen, bestritt er zunächst zivile Opfer. Erst nach erheblichem internationalen Druck räumte er kleinlaut ein, dass womöglich doch nicht nur Taliban getötet wurden - als käme es auf ein paar afghanische Zivilisten nicht an. Er bestärkte mit dieser unüberlegten Reaktion das vom Westen vermittelte Gefühl der Menschen, dass ein afghanisches Leben weniger wert ist als das eines westlichen Soldaten. So denkt man inzwischen, nach immer neuen Opfern durch US-Drohnen im Grenzgebiet, auch in Pakistan: Dem Westen sind wir egal, Hauptsache, wir nützen seinen Interessen.

Karzai hat Chance auf demokratische Legitimation verspielt

Die Präsidentenwahl in Afghanistan sollte, so hoffte man im Westen, ein neues Kapitel aufschlagen: Sie sollte eine demokratisch gewählte, allseits geachtete Leitfigur schaffen, die die ethnischen Gruppen versöhnt und die dem Land acht Jahre nach Kriegsbeginn endlich staatliche Strukturen verschafft. Aber wieso sollte das ausgerechnet Hamid Karzai, der jene acht Jahre lang versagt hat und den die Menschen für eine Marionette des Westens halten, jetzt gelingen? Weshalb sollten Hazaras, Tadschiken, Usbeken, Turkmenen auf der einen Seite, die übermächtigen Paschtunen auf der anderen sich plötzlich die Hände reichen? Karzai verspielte jede Chance auf echte demokratische Legitimation, indem er sich nicht nur von Drogen- und Kriegsfürsten unterstützen, sondern seine Anhänger bei Wahlfälschungen kräftig mitmischen ließ.

Es ist nicht viel, bei dem sich die Menschen in dieser unruhigen Weltgegend einig sind, aber darin schon: Das, was die Nato, allen voran der größte Truppensteller USA, aber auch die anderen, in Afghanistan bewirken, ist eine Katastrophe. Der Bau von Brunnen und Brücken, Schulen und Straßen wiegt nicht auf, was durch das "robuste Mandat", wie es im Bundeswehrjargon heißt, angerichtet wird.

Verständlich, dass man in den westlichen Hauptstädten frustriert ist: Wozu das Leben von Soldaten aufs Spiel setzen, helfen, Milliardensummen ausgeben - wenn es einem niemand dankt? Warum versuchen, Demokratie zu etablieren, wenn Demokratie nicht gewollt wird? Und die einfachen Soldaten sind enttäuscht, da ihre Entbehrungen, ihre Leistungen, ihre Bereitschaft, den Kopf hinzuhalten, wenig bis gar nicht gewürdigt werden - nicht von den Einheimischen und immer mehr auch nicht von der Öffentlichkeit in der fernen Heimat. Die physischen wie psychischen Belastungen sind dagegen enorm.

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fintenklecks 07.09.2009
1. Nein!
Zitat von sysopVerteidigungsminister Jung bleibt dabei: Die Entscheidung, zwei gekidnappte Tanklaster in Afghanistan zu bombardieren, sei richtig gewesen. Inzwischen werden immer mehr Details zu dem Luftschlag bekannt. Welche Zukunft hat die Bundeswehr am Hindukusch?
Wegen 2 Tanklastern ist m.E. kein Nato Einsatz gerechtfertigt. Wenn man 50 Panzer bombardiert wäre dies etwas anderes! Ich denke, es ging hier vielleicht um Kontrollverlust mit nicht kalkulierbaren Folgen.
Brand-Redner 07.09.2009
2. Folgen historischer Lernresistenz
Zitat von sysopVerteidigungsminister Jung bleibt dabei: Die Entscheidung, zwei gekidnappte Tanklaster in Afghanistan zu bombardieren, sei richtig gewesen. Inzwischen werden immer mehr Details zu dem Luftschlag bekannt. Welche Zukunft hat die Bundeswehr am Hindukusch?
Vermutlich die gleiche wie die Russen am selben Ort oder die Amerikaner damals in Indochina.
Rainer Daeschler, 07.09.2009
3. Welche Zukunft hat die Bundeswehr am Hindukusch?
Das ist eigentlich nicht die Frage. Um die Zukunft der Bundeswehr geht es nicht. Sie soll dort eine nach Möglichkeit verlust- und ereignisfreie Existenz ausüben, bis der Bundesregierung eine Erklärung eingefallen ist, warum sie überhaupt dort ist, die auch die Bundesbürger mehrheitlich überzeugt.
Chromlatte 07.09.2009
4.
Zitat von Rainer DaeschlerDas ist eigentlich nicht die Frage. Um die Zukunft der Bundeswehr geht es nicht. Sie soll dort eine nach Möglichkeit verlust- und ereignisfreie Existenz ausüben, bis der Bundesregierung eine Erklärung eingefallen ist, warum sie überhaupt dort ist, die auch die Bundesbürger mehrheitlich überzeugt.
Ich würde das von Frau Merkel mal gerne genau erklärt bekommen. Aber ich fürchte da mildes Grinsen da nicht ausreicht übersteigt das Angies Kapazitäten.
dieterschg, 07.09.2009
5.
Zitat von fintenklecksWegen 2 Tanklastern ist m.E. kein Nato Einsatz gerechtfertigt. Wenn man 50 Panzer bombardiert wäre dies etwas anderes! Ich denke, es ging hier vielleicht um Kontrollverlust mit nicht kalkulierbaren Folgen.
Glaube ich nicht, denn denken Sie bitte daran, dass die großen "Bombenanschläge" auch in Afghanistan oder dem Irak meist mit umgestrickten Tanklastwagen durchgeführt wurden. Nicht die Selbstmordkandidaten mit Sprenggürtel haben die größten Opferzahlen und Schäden verursacht. PS: Die Zeiten wo sie eine Panzertruppe bekäpfen konnten sind lange vorbei. Heute kämpfen sie meist gegen durch die Bevölkerung gedeckte Terroisten, war schon früher bei den Partisanen mehr als schwierig.
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