Umsturz in Ost-Libyen Tobruk feiert die flüchtige Freiheit

Im Osten Libyens hat Gaddafi die Macht weitgehend verloren, die Sicherheitskräfte sind geflüchtet. Bürgermilizen kontrollieren Städte wie Tobruk und die wichtigsten Straßen. Doch in ihren Jubel mischt sich Angst vor einem Gegenschlag des taumelnden Regimes.

Aus Tobruk berichtet


Die Reise ins Schattenreich von Muammar al-Gaddafi beginnt ungemütlich. Gleich hinter dem ägyptischen Grenzübergang zum Wüstenstaat, über den am Morgen Tausende ägyptischer Arbeiter mit Sack und Pack fliehen, werden wir von einer Gruppe junger Männer angehalten. Alle sind mit Tüchern vermummt, manche tragen Uniformen der Armee, unter den Jacken stecken Pistolen und AK-47-Sturmgewehre.

Einer von ihnen lehnt sich ins Auto. Doch statt zu brüllen, grinst er breit. "Willkommen in Libyen", ruft er. "Endlich kommt ihr, um die Wahrheit über unser Land zu berichten." Ein anderer aus der Gruppe schwingt sich vorn auf den Beifahrersitz des Busses und spornt den Fahrer an, kräftig Gas zu geben.

Es geht vorbei an den Machtsymbolen eines Regimes, das hier im Osten des Landes bereits verschwunden zu sein scheint. Gigantisch wie alle Machtsymbole des exzentrischen Diktators Libyens steht noch ein majestätischer Torbogen an der Grenze zu Ägypten, verziert mit den Umrissen des Gaddafi-Reichs in strahlendem Grün und einem Gruß von Gaddafi höchstpersönlich. Der junge Mann auf dem Fahrersitz zeigt auf den Torbogen. "Bald schon werden wir diese Symbole niederreißen, bald schon wird auch Gaddafi selbst fallen", ruft er, "bald wird endlich das Volk Herr über Libyen sein - und nicht mehr ein irrer Oberst."

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Reise durch Ost-Libyen: Der fragile Moment der Freiheit
Immer direkt am Meer entlang rast der Bus weiter hinein nach Libyen. Hunderte Autos, völlig überladen mit allem, was die Menschen greifen konnten, quälen sie sich in Richtung Grenze. Ins Land selbst fährt fast niemand, außer wenigen Journalisten, die versuchen wollen, die von Gaddafi erzwungene Nachrichtensperre zu brechen. Sie wollen sich endlich selbst ein Bild machen von den Zuständen in diesem von Chaos gezeichneten Land.

Nach Bengasi können die Reporter noch nicht - zu gefährlich

Nach Bengasi, einem der Zentren des Widerstands gegen Gaddafi, könne man noch nicht, gibt der junge Aufständische zu verstehen. Dort sei es noch viel zu gefährlich. Heute Abend könne er uns nur nach Tobruk bringen, rund 150 Kilometer westlich der Grenze zu Ägypten.

Fast vollständig scheinen die Revoltierenden Ost-Libyen übernommen zu haben. Alle paar Kilometer haben sie Checkpoints aufgebaut und kontrollieren den Verkehr. Saddam, ein bulliger und ebenfalls vermummter 19-Jähriger steht an einer der vielen Straßensperren. Aus einer Armeekaserne, erzählt er, habe er mit anderen Jugendlichen die Uniform gestohlen, die er nun trägt. Stolz zieht er die Jacke ein Stück zu Seite, ein Revolver kommt zum Vorschein.

"Wir sind nun auch bewaffnet", brüstet er sich, "und wir werden gegen Gaddafi, seine Sicherheitskräfte und auch gegen die brutalen Söldner bis zum letzten Mann kämpfen."

Über dem Checkpoint, vielleicht 50 Kilometer im Landesinneren, weht seit der Übernahme des Gebiets durch die Regimegegner das Symbol ihres Aufstands - die rot-schwarz-grüne Fahne des libyschen Königreichs, das Gaddafi mit seiner Revolution in den 1960er-Jahren gestürzt hat. Nun steht die Flagge für ein neues Libyen, von dem noch niemand so recht weiß, wie es aussehen soll. Erst einmal müsse Gaddafi selbst gestürzt und getötet werden, sagt Saddam, dann könne man weitersehen.

Noch brennen die Gasfackeln der Raffinerien

Wie die meisten anderen hier gehört der Jugendliche nicht zur intellektuellen Elite des Landes. Saddam ist ein einfacher Arbeiter, mitgerissen von der Dynamik des Widerstands - und auch von der neuen Macht, die die Bürgerwehren plötzlich haben.

Hinter dem Checkpoint, an der Küste zum Mittelmeer, ragen die Türme der Ölraffinerien in den Himmel. Hier im Osten liegen viele der wichtigsten Ölhäfen des Landes, an denen Gaddafi und seine Clique über Jahrzehnte Milliarden verdient haben. Noch brennen auf den Türmen die Gasflammen der Raffinerien. Glaubt man jedoch den Bewaffneten, sind zumindest die Häfen, von denen aus der begehrte Rohstoff ins Ausland verschifft wird, weitgehend in ihrer Hand. Mit ihrer Macht über die wichtigste Einnahmequelle, das jedenfalls hoffen die bisher meist unkoordinierten Gruppen und Milizen, werden sie den Diktator im fernen Tripolis in die Knie zwingen.

Rund zwei Stunden dauert die Fahrt nach Tobruk, einer Hafenstadt mit einigen hunderttausend Einwohnern. Am Nachmittag haben sich Tausende zusammengefunden, ein Autokonvoi drängt sich durch die Innenstadt. Meist Jugendliche oder junge Männer sitzen eng gedrängt auf den Autodächern. Auch hier schwenken sie die Fahne des Königreichs, die auch vor den ausgebrannten und geplünderten Regierungsgebäuden und Polizeiwachen im leichten Wind weht.

Tagelang kämpften Demonstranten gegen die Sicherheitskräfte, es gab Dutzende Tote, doch vor zwei Tagen sind Soldaten und Polizei urplötzlich verschwunden.

Sie feiern, als sei der Despot bereits besiegt

Und so feiert die Menge schon fast so, als ob der Sieg gegen den Despoten erreicht sei. Sofort umringen sie Journalisten, Ausländer mit Kamera. "Das Volk will Gaddafi töten", schreien sie. "Er muss für die letzten 40 Jahre büßen." Fast alle, selbst junge Bengel mit wenig Flaum über der Lippe, tragen Pistolen oder Messer, posieren für die Fotografen. Weiter hinten im Konvoi sind Schüsse zu hören, angeblich feuern Demonstranten aus Freude in die Luft, doch genau weiß das niemand in diesem Gemisch aus Freudenfeier und dem anarchischem Chaos einer Revolution, die von Gaddafi im Westen des Landes noch mit äußerster Gewalt und Brutalität bekämpft wird.

Als der Marsch weiterzieht, melden die Nachrichtenagenturen einen neuen dramatischen Höhepunkt der Eskalation in Libyen. Angeblich hätten libysche Kampfjetpiloten, die auf Geheiß des taumelnden Regimes Ziele in der Stadt Bengasi bombardieren sollten, sich mit dem Schleudersitz aus den Flugzeugen katapultiert und so den Befehl zur Attacke auf das eigene Volk verweigert. Wenig später schrillen auch Sirenen über Tobruk, doch keiner kann sagen, ob es sich um einen Luftalarm oder ein anderes Signal handelt. Der Konvoi jedenfalls zieht weiter durch die Stadt, auch in dieser Nacht soll die neu erlangte Freiheit gefeiert werden.

Die Situation in Tobruk ist unwirklich. So schnell sich die Sicherheitskräfte aus dem Osten des Landes zurückgezogen haben, so schnell könnte das Regime wieder zurückschlagen. Selbst wenn Staatschef Gaddafi angeschlagen und wirr erscheint, so gab er sich bei seiner Rede am Dienstag mehr als entschlossen, den Aufstand brutal niederzumetzeln. Noch immer scheint ihm ein Teil des Militärs treu ergeben. Zudem weiß niemand, wie viele ausländische Milizionäre der angeschlagene Machthaber schon ins Land geholt hat oder jetzt, wo der Aufstand außer Kontrolle gerät, noch mit seinem Millionenvermögen rekrutieren kann.

Bisher sind es nur Gerüchte, doch angeblich hat das Regime bereits vor Tagen versucht, mehr afrikanische Söldner nach Tobruk einfliegen zu lassen, um den Aufstand im Osten niederzuschießen. Glaubt man aber den Bürgerwehren, haben die Regimegegner die Angreifer rund um den Flughafen mit Knüppeln und erbeuteten Waffen zurückgeschlagen. Angeblich sollen dabei viele Söldner gefangen genommen worden sein.

Nachprüfen kann man die Geschichte schwer. Wahr aber ist: Die ausgelassenen Feiern in Tobruk können nur ein sehr fragiler Moment der Freiheit sein.

insgesamt 17 Beiträge
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joschitura 23.02.2011
1. Sprachliches
Liebe Redakteure, wer schreibt denn sowas? ""Selbst aufgestellte Milizen der Bürger..."" Wenn man Wörter wie "selbstgemacht" oder "selbstaufgestellt" auseinander schreibt(und es ist mir da schnurzegal, was der dämliche Duden oder die noch dämlicheren Rechtschreibreformer fordern!),dann kriegt das ganze doch einen völlig anderen Sinn. Hier etwa bedeutet "Selbst" soviel wie "Sogar aufgestellte Milizen...", gemeint ist aber dass die Bürger die fraglichen Milizen selber aufgestellt haben. Am deutlichsten wird die Unsinnigkeit der Getrenntschreibung solcher Wörter am Beispiel "jemanden festnageln"... "Fest nageln" ist ja nun wirklich was ganz anderes!
RaMaDa 23.02.2011
2. Unfaßbar...
...da werden Menschen zu hunderten abgeschlachtet und der Westen schaut zu. Merkel und Co. zeigen mal wieder eindrucksvoll was sie nicht haben, nämlich Rückgrat!
Pepito_Sbazzagutti 23.02.2011
3. ....
Zitat von sysopIm Osten Libyens hat Gaddafi die Macht weitgehend verloren, die Sicherheitskräfte sind geflüchtet. Selbst aufgestellte Milizen der Bürger kontrollieren Städte wie Tobruk und wichtigsten Straßen. Doch in ihren Jubel mischt sich Angst vor einem Gegenschlag des taumelnden Regimes. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,747349,00.html
Tobruk - da muss doch manchem alten Kämpfer das Herz aufgehen.
ridgleylisp 23.02.2011
4. Tobruk - alte Kämpfer
Zitat von Pepito_SbazzaguttiTobruk - da muss doch manchem alten Kämpfer das Herz aufgehen.
Hallo Tobruk: Wird schon werden! Denkt an Rommel!
iman.kant 23.02.2011
5. Wir Europäer sind dabei zu Versagen
Es ist eine Schande wie Europa speziell im Fall Libyen reagiert! Uns wird die Geschichte richten müssen wie wir als Volk der Europäer jämmerlich versagt haben. Frau Ashton war gefordert und? Völker Europas sprecht mit einer Zunge! Es geschieht in diesem Moment Völkermord an den Nachbarn unserer Grenze.
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