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28. Juli 2019, 00:01 Uhr

Umweltzerstörung

Wie Greta unser Denken prägt

Von , Delhi

Als ich im Smog von Delhi auf meine Frau wartete, wurde mir klar, wie sehr Greta Thunberg inzwischen mein Denken beeinflusst. Und vermutlich nicht nur meins. Das macht Hoffnung für den Klimaschutz.

Indiens Hauptstadt hat von ihren Einwohnern einen wenig schmeichelhaften Spitznamen bekommen. Manche nennen die Metropole Dirty Delhi. Kürzlich, als ich meine Frau vom Flughafen abholte, machte die Stadt diesem Namen alle Ehre.

In Europa gilt ein Wert von mehr als 50 Feinstaubpartikeln auf eine Million Luftpartikel (PPM) als gesundheitsschädlich. Am Flughafen von Delhi zeigte der Index 436 PPM. "Hazardous Air", gefährliche Luft, warnte mich meine App und zeigte ein Männchen mit Gasmaske, das röchelnd am Boden liegt.

Behörden mahnen, bei gefährlicher Luftqualität nicht rauszugehen. Doch das lässt sich nicht immer vermeiden. Zum Beispiel am Gandhi International Airport, wo einen die Sicherheitskräfte nicht ins Terminal lassen, wenn man jemanden abholt.

Weil der Flug meiner Frau verspätet war, stand ich letztlich rund anderthalb Stunden mit brennenden Augen und Lungen auf der Straße herum und erwog in einem Anflug von Galgenhumor, wieder mit dem Rauchen anzufangen.

Delhi ist längst nicht die einzige Stadt mit solch katastrophalen Luftwerten, die ich in den vergangenen Jahren als Reporter bereist habe. Auch über afrikanischen, lateinamerikanischen und asiatischen Metropolen hing oft dieser penetrante Garagengestank, weswegen jährlich Millionen Menschen Atemwegserkrankungen bekommen und teils daran sterben.

Und Smog ist längst nicht die einzige Art von Umweltverschmutzung, der ich regelmäßig begegne. Ich bin in der südchinesischen See zwischen Plastikmüll herumgeschwommen. Bin in Vietnam an stinkenden, chemieverseuchten Flüssen vorbeigefahren. Habe indische Bergdörfer besucht, deren Bewohner ihren Müll einfach den Abhang hinunterkippen.

Ich habe gesehen, wie illegale Siedler auf den Galapagosinseln eine Schneise in den jahrtausendealten Urwald droschen und sich aus dem Holz ihre Behausungen zimmerten. Manche hielten sich Hunde, die an den Stränden Iguanas und andere vom Aussterben bedrohte Arten töteten.

Als ich in Delhi auf meine Frau wartete, kamen mir all diese Erfahrungen wieder in den Sinn. Es war, als könnte ich zusehen, wie die Menschheit die Natur an all diesen Orten gleichzeitig zerstört. Ich dachte an das Bevölkerungswachstum, daran, wie bald noch viel mehr Menschen noch viel mehr Wälder, Flüsse und Ökosysteme vernichten werden. Die Verzweiflung, die diese Vorstellung auslöste, war so intensiv, dass mir fast die Beine wegsackten.

Mir ist klar, dass ich durch meine Reporterreisen zur Ökokatastrophe beitrage. Ich weiß, wie wenig es bringt, dass ich zum Beispiel Ökostrom beziehe und noch nie ein eigenes Auto besessen habe. Durch meine Fliegerei verursache ich trotzdem tonnenweise CO2 - auch wenn ich dieses nachträglich per Atmosfair ausgleiche.

Das Umweltbundesamt hat für Leute wie mich mal den Begriff "klimabesorgter Klimasünder" geprägt. Ich finde, das trifft es ziemlich gut.

Ich habe zuletzt über Agent-Orange-Opfer im Vietnam berichtet und über die prekären Lebensumstände bulgarischer Gastarbeiter in ihren Heimatdörfern. Ich halte es nach wie vor für sinnvoll, solche Missstände zu thematisieren. Ungerechtigkeiten aufzudecken. Benachteiligten eine Stimme zu geben. Lesern neue Perspektiven zu eröffnen, zum Beispiel auf Migranten.

Ich halte außerdem das Reisen an sich für sinnvoll. Weil man dabei lernen kann, besser mit Andersartigkeit umzugehen. Was wiederum helfen kann, Gesellschaften toleranter und freier zu machen.

Der Preis solcher Vorteile, nichtsdestotrotz, ist eine Bedrohung des Ökosystems. Und damit unserer Existenz. Am Ende kann man Toleranz und Gerechtigkeit nicht einatmen.

Ich habe bislang keinen Weg gefunden, diesen Widerspruch aufzulösen. Ich könnte mir einen neuen Job suchen, bei dem ich möglichst wenig fliegen muss. Doch dann könnte ich nicht mehr über globale Zusammenhänge berichten. Obwohl ich das unerlässlich finde, gerade jetzt, da Autokraten weltweit auf dem Vormarsch sind.

Die Lösung, die ich bislang gefunden habe, fällt ziemlich dürftig aus: Ich will in Redaktionskonferenzen anregen, auf Reisen zu verzichten, wenn diese für eine Recherche nicht nötig sind. Es ist nur ein bescheidener Beitrag fürs Klima, und ich habe ein ziemlich schlechtes Gewissen. (Wenn Sie bessere Vorschläge haben, schreiben Sie mir gern.)

Gleichzeitig ist mir inzwischen noch ein weiterer Gedanke gekommen. Er ist zum Teil eine Ausrede, aber eben nur zum Teil:

Es ist zwar nachvollziehbar und begrüßenswert, dass mehr und mehr Bewohner privilegierter Industriestaaten den Klimaschutz zu ihrer privaten Mission erklären, doch es muss dringend auch eine systemische Lösung her. Und vielleicht mindert unser privates Ökostreben letztlich sogar den Druck auf die Politik, eine solche Lösung zu entwickeln.

Das soll nicht heißen, dass wir aufhören sollten, klimaschonend zu leben. Aber es wäre gut, wenn wir nicht nur Energiesparlampen und Atmosfair-Zertifikate kaufen, sondern zusätzlich auch politisch aktiver werden. Zum Beispiel indem wir Petitionen einreichen, für das Klima demonstrieren oder bei "Fridays for Future" mitmachen.

Als ich am Flughafen von Delhi stand, ist, mit Abstand betrachtet, noch weit mehr mit mir passiert. Ich habe auf einer tiefen, existenziellen Ebene gespürt, wie wir unseren Planeten zugrunde richten, wenn wir unserem Leben einfach möglichst viel abgewinnen wollen.

Ich glaube, dass es kein Zufall ist, dass ich gerade jetzt solch intensiven Gedanken und Gefühle erlebe.

Umweltwissenschaftler warnen schon lange vor den verheerenden Folgen, die uns drohen, wenn wir die Belastungsgrenzen unseres Planeten überschreiten. Sie versuchen schon lange, einen ökologisch vertretbaren Handlungsspielraum für die Menschheit abzustecken.

Dank Greta Thunberg und "Fridays for Future" verwandelt sich dieses rationale Konzept nun in eine emotional mitreißende Geschichte. Das Mädchen mit Asperger, das gegen die Zerstörung des Planeten kämpft. Die Klimaschützer haben endlich ein wirksames Narrativ - mit einer starken Protagonistin, die die Massen mobilisiert.

Ich glaube, dass ich im Smog von Delhi dieses Narrativ gespürt habe. Ich glaube sogar, dass wir inzwischen alle - auch Sie - das Greta-Narrativ verstärkt spüren. Dass es - zum Beispiel als schlechtes Gewissen - am Wirken ist, wenn wir eine Fernreise buchen oder im Supermarkt brasilianische Mangos kaufen.

Ich glaube, dass dieses Greta-Narrativ dazu beiträgt, dass plötzlich Millionen Menschen für das Klima demonstrieren. Dass die mediale Berichterstattung über Klimaschutz zunimmt. Dass die deutschen Grünen in Wahlumfragen zeitweise vor der CDUlagen. Dass der politische Druck für einen Systemwandel insgesamt zu wachsen scheint.

Genau das macht mir etwas Hoffnung. Wenn das Greta-Moment lange genug anhält, könnte Klimaschutz zu einem zentralen politischen Erfolgsfaktor werden, zu einem Thema, das letztlich Regierungsmehrheiten beeinflusst. Die Chance auf eine wirksame Lösung für den Klimaschutz würde dann zumindest in Europa etwas steigen.

Auch global gesehen bin ich vorsichtig optimistisch, dass ein Systemwandel gelingen kann. Denn neben der europäischen Klimabewegung ist noch ein zweiter, für den Klimaschutz ebenfalls förderlicher Trend im Gange. Sein Potenzial lässt sich derzeit - ausgerechnet - in China beobachten.

Als ich 2012 für drei Monate aus Peking arbeitete, hatte die Stadt ähnlich schlechte Luftwerte wie Delhi. In den vergangenen Jahren ist die Belastung durch Smog deutlich gesunken. Ein wichtiger Grund dafür ist aus meiner Sicht, dass die Chinesen etwas Zentrales begriffen haben: Der Mensch wird sich vermutlich nie grundsätzlich ändern.

Das Greta-Narrativ wirkt vor allem in privilegierten westlichen Industrienationen. In Schwellen- und Entwicklungsländern dominiert oft eher das Narrativ vom chinesischen Traum: von der Entwicklungsdiktatur, die dem wirtschaftlichen Wachstum alles unterordnet, auch grundlegende Menschenrechte. Was, rein ökonomisch betrachtet, ja auch zu funktionieren scheint.

Hunderte Millionen Chinesen sind in die Mittelschicht aufgestiegen, oder sie sind gerade dabei aufzusteigen. Viele kaufen sich nun ihr erstes Auto, buchen ihre erste Fernreise. Wer will sie zwingen, auf die CO2-intensiven Verheißungen ihres wachsenden Wohlstands zu verzichten? Eine deutsche Familie, die regional und bio kauft, aber selbst zwei Autos in der Garage stehen hat?

Ökoaktivisten sagen mitunter, dass die Abschaffung des Kapitalismus die Lösung ist. Für realistisch halte ich das nicht. Erfolg versprechender scheint mir der Ansatz, den die Autokraten in Peking verfolgen.

Ausgerechnet sie investieren konsequent in erneuerbare Energien, Elektromobilität und viele weitere grüne Technologien. Nicht weil sie gute Menschen sind, sondern weil man damit inzwischen reich werden kann.

Statt den Kapitalismus abzuschaffen, machen die Chinesen grüne Technologien zu einem kapitalistischen Erfolgsfaktor. Und schaffen so nebenbei gleich gute Voraussetzungen für die Einführung einer globalen CO2-Steuer.

Wenn es gelingt, Klimaschutz gleichermaßen zu einem wirtschaftlichen wie politischen Erfolgsfaktor zu machen, kann die Rettung des Planeten vielleicht noch gelingen. Ich halte diesen Ansatz jedenfalls für realistischer als den Versuch, mit Verboten und Subventionen einen Wandel zu erzwingen. Oder Klimaschutz weitgehend privat zu betreiben.

Es wäre schön, wenn wir aus freien Stücken ein nachhaltigeres, selbstloseres Leben führen würden. Doch das traue ich weder Chinas wachsender Mittelschicht noch Deutschlands klimabesorgten Klimasündern zu. Und mir selbst auch nicht.

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