Orbán-Kritiker Tamás Der Philosoph, der Europa vor den Postfaschisten warnte

Gáspár Miklós Tamás war einst Vordenker des demokratischen Systemwechsels in Ungarn. Viktor Orbán verehrte ihn als Idol. Heute lebt er gefeiert, aber verarmt in Budapest - und zweifelt an Europa. Ein Besuch.
Philosoph Tamás: "Unsere Gesellschaften stehen heute zwischen Wurzellosigkeit, Barbarei und Untergang"

Philosoph Tamás: "Unsere Gesellschaften stehen heute zwischen Wurzellosigkeit, Barbarei und Untergang"

Foto: Lajos Soos/ MTI/ AP

Hin und wieder bekam Gáspár Miklós Tamás in den vergangenen Jahren einen edlen Briefumschlag, zugestellt per Kurierdienst. Darin fand sich jeweils das Manuskript einer Rede von Viktor Orbán, nebst freundlichem Anschreiben aus dessen Kabinett. Manchmal zitiert Ungarns Regierungschef Tamás in seinen Reden. Und er hat sein einstiges Idol, das heute sein schärfster Kritiker ist, nach langen Jahren des Schweigens auch schon mal zum Kaffee eingeladen. Es war ein Politikum in Ungarn. Er sei nicht hingegangen, sagt Gáspár Miklós Tamás. Er klingt ziemlich gleichmütig.

Der 71-jährige Philosoph sitzt im Arbeitszimmer seiner kleinen Wohnung in der Budapester Innenstadt, umgeben von übervollen Bücherregalen und Dutzenden Bücherstapeln. Er bläst den Rauch seiner Zigarre in die Luft. "Ich habe überlegt, ob ich der Einladung folgen sollte oder nicht", sagt er. "Schließlich dachte ich: Er weiß ja, was ich über ihn denke. Und einfach so mit dem Alleinherrscher Ungarns plauschen? Nein."

Tamás ist seit Jahrzehnten eine der herausragendsten Persönlichkeiten im öffentlichen Leben Ungarns: Philosoph, ehemaliger antikommunistischer Regimegegner und liberal-konservativer Politiker, heute radikaler Linker und Marxist. Ein Mann von enzyklopädischer Bildung, der in Ungarn Legendenstatus genießt. Der noch immer an Demonstrationen teilnimmt und aus dem Stegreif Reden hält wie ein Volkstribun.

Tamás ist ein Publizist, der wie kaum jemand sonst in seiner Heimat polarisiert. Vehement, schonungslos und unermüdlich schreibt er gegen Orbáns "ethnonationalistisch-reaktionär-rechtsextremen Ein-Mann-Staat" an. Ebenso kritisch schreibt er jedoch auch über die Verfehlungen der Opposition oder unabhängiger Medien. Allerdings tut er das konsequent ohne Schläge unter die Gürtellinie.

Ungarns Premier Orbán: "Ihn privat um etwas bitten? Selbstverständlich nicht!"

Ungarns Premier Orbán: "Ihn privat um etwas bitten? Selbstverständlich nicht!"

Foto: Yves Herman / REUTERS

Wohl auch deshalb wird er in Ungarn, einem Land, dessen öffentliches Klima seit Jahrzehnten hasserfüllt und zutiefst vergiftet ist, in allen politischen Lagern respektiert. Er gilt als mutig und unbestechlich, als jemand, der nicht mit Schmutz um sich wirft. Und der sich, wenn angebracht, auch mit politischen Gegnern solidarisiert. TGM nennt man ihn in Ungarn einfach.

"Was schreiben Sie zum Lob Ceausescus?" - "nichts"

Gáspár Miklós Tamás wurde 1948 im siebenbürgischen Klausenburg (rum. Cluj, ung. Kolozsvár) geboren und stammt aus einer ungarisch-jüdischen Familie. Seine Eltern - der Vater Journalist, die Mutter Krankenschwester - waren Aktivisten der verbotenen kommunistischen Partei und saßen lange im Gefängnis. Seine jüdische Mutter bewahrte ausgerechnet eine Haftstrafe vor der Deportation nach Auschwitz.

Nach dem Krieg und der Machtergreifung der Kommunisten hätten die Eltern Karriere in der Partei machen können, doch sie verzichteten. "Sie fanden das neue System schnell unmoralisch und lehnten es ab", sagt Tamás. "Auch ich selbst hatte schon als Jugendlicher keine Illusionen und wusste, dass es kein authentischer Sozialismus ist."

Tamás studierte Philosophie und arbeitete anschließend bei einer Kultur- und Literatur-Zeitschrift in Klausenburg. Dort begann im Februar 1974 auch sein Weg als Regimegegner. Als sein Chefredakteur ihn während einer Redaktionssitzung fragte, was er in der kommenden Ausgabe zum Lob des rumänischen Diktators Ceausescu schreiben werde, antwortete er: "nichts." Er habe nicht groß nachgedacht, sagt Tamás, es sei eine instinktive Antwort gewesen. Am nächsten Morgen verhaftete ihn die Geheimpolizei Securitate.

Von da an musste er monatelang zu Verhören erscheinen. Er bekam Schreibverbot, durfte nur noch als Korrektor arbeiten. Vier Jahre später verließ er Rumänien angesichts einer drohenden Gefängnisstrafe. Weil er nicht in ein westliches Land gehen wollte, siedelte er nach Ungarn über.

In Budapest erhielt Tamás eine Anstellung an der Eötvös-Loránd-Universität - und schon nach zwei Jahren auch hier Berufsverbot, nun wegen seiner Texte in Untergrundzeitschriften, unter anderem in "Beszélö" (Sprecher), der damals wichtigsten, von ihm mitbegründeten Oppositionspublikation in Ungarn. Seinen Lebensunterhalt verdiente er fortan als Übersetzer und als Gastdozent an westlichen Universitäten, darunter in Großbritannien und den USA.

Düsterer Blick auf Ungarn und Europa

In Ungarn galt Tamás ab Mitte der Achtzigerjahre als einer der wichtigsten Regimegegner. Viele seiner Texte spielten eine wegweisende Rolle oder wurden zu Manifesten. Auf illegalen Demonstrationen forderte er öffentlich freie Wahlen und begründete 1988 den liberalen "Bund Freier Demokraten" (SZDSZ) mit, die führende Oppositionspartei der ungarischen Wendezeit. Damals bewunderte ihn auch der junge Viktor Orbán zutiefst - so sehr, dass er später seinen einzigen Sohn nach ihm benannte: Gáspár.

1990 wurde Tamás Parlamentsabgeordneter und SZDSZ-Geschäftsführer. Doch bald zweifelte er an der Art und Weise des Systemwechsels und an seinem eigenen liberal-konservativem Weltbild. Denn während sich die alte Funktionärselite in einem oft betrügerischen Privatisierungsprozess schamlos bereicherte, wurden Hunderttausende einfache Bürger arbeitslos. Viele Gegenden Ungarns verelendeten. Als seine Partei ab 1994 mit den Wendekommunisten koalierte, zog er sich aus der aktiven Parteipolitik zurück.

Autokraten Erdogan, Orbán: Enge Freundschaft

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Foto: SZILARD KOSZTICSAK/ EPA-EFE/ REX

Unter dem Eindruck einer verfehlten Transformation, aber auch der Globalisierung verfasste Tamás im Jahr 2000 die Schrift "Postfaschismus" - eine theoretische Abhandlung darüber, wie moderne demokratische Gesellschaften mit universalistischen Prinzipien der Aufklärung brechen. Er prognostizierte darin als einer der ersten Intellektuellen überhaupt Entwicklungen, wie sie seit 2010 unter Orbán stattfinden - zu einer Zeit, als die liberale Demokratie noch als unstrittiges politisches Siegesmodell der Geschichte galt. Was er nicht voraussehen konnte: Anfang 2011 fiel er selbst einer der ersten Säuberungen des Orbán-Regimes zum Opfer: Er wurde, zusammen mit einigen Kollegen, aus dem Philosophischen Forschungsinstitut der Akademie der Wissenschaften entlassen.

Seit damals ist Tamás' Bild von Ungarn und Europa immer düsterer geworden. "Unsere Gesellschaften stehen heute irgendwo zwischen Wurzellosigkeit, Barbarei und Untergang", sagt er. "Das heißt natürlich nicht, dass moralisch begründeter Protest nicht notwendig wäre oder dass es nicht Gesellschaften gibt, die ein kleineres Übel darstellen. Aber wir müssen uns darauf einstellen, dass Systeme wie das von Putin, Erdogan oder Orbán für Jahre oder vielleicht Jahrzehnte Bestand haben werden."

Tamás hat nach seiner Entlassung 2011 jahrelang in überaus ärmlichen Verhältnissen gelebt. Ein unwürdiger Zustand, an dem sich in Ungarn niemand störte und der viel über die politische Kultur des Landes aussagt. Seit vergangenem Jahr bekommt er seine gesetzliche Rente, sie ermöglicht ihm eine bescheidene Existenz.

Öffentlich über seine Armut geklagt hat Tamás nie. Aber hat er nach seiner Entlassung jemals daran gedacht, Orbán privat um etwas zu bitten? Um eine Stelle oder einen Forschungsauftrag? "Selbstverständlich nicht", sagt er entrüstet. "Ich bin überzeugt, dass er mir meine Bitte erfüllt hätte. Aber angenommen, ich hätte ihn um etwas gebeten - wie stünde ich dann vor mir selbst da?"

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