Ungarn Demonstranten kapern Panzer von 1956

Symbolträchtige Geste: Mit einem geklauten Panzer haben Demonstranten in Budapest heute die Polizei genarrt. Zuvor hatten die Sicherheitskräfte mit Tränengas und Wasserwerfern die Proteste gegen die Regierung zu beenden versucht. Es kam zu regelrechten Straßenschlachten.


Budapest - Die Polizisten dürfen ihren Augen kaum getraut haben. Durch den Nebel der Tränengasgranaten fuhr am späten Nachmittag ein Panzer sowjetischer Bauart aus dem 2. Weltkrieg auf sie zu. Die Demonstranten fuhren mit dem museumsreifen Kettenfahrzeug durch die Straßen der Hauptstadt, berichten Augenzeugen.

Der Panzer wird in Budapest in einer historischen Freiluftausstellung zum Gedenken an den Aufstand von 1956 gezeigt. Ein Demonstrant hatte ihn gekapert, andere halfen ihm , das Fahrzeug auf die Hauptstrasse zu fahren - in der Nähe des M eridian-Hotels, wo die meisten Politiker der ausländischen Delegationen untergebracht waren.

Der Ausflug war zu Ende als die Polizisten weiteres Tränengas abfeuerten - die Demonstranten stoppten das Fahrzeug, der Panzerfahrer stieg ab. Er und andere Beteiligte schwenkten Nationalflaggen. Schließlich wurde der Fahrer festgenommen.

Seit der vergangenen Nacht waren Beamte mit Tränengas, Gummigeschossen und Wasserwerfern gegen die Demonstranten vorgegangen. Aus Protest gegen die sozialistische Regierung haben tausende Menschen den ganzen Tag über die Gedenkfeiern zum 50. Jahrestag des ungarischen Volksaufstand gestört. Die amtliche Nachrichtenagentur MTI berichtete, einige Demonstranten seien geschlagen worden, unter ihnen ältere Menschen und Frauen. Einige hätten Kopfverletzungen erlitten. Am Abend war von rund dreißig Verletzten die Rede.

Die Polizisten setzten auch Gummigeschosse ein, um die Demonstranten von dem Platz vor dem Parlament zu vertreiben. Diese trugen riesige Plakate mit Buchstaben, die zusammen das Wort Freiheit ergaben. An mehreren Stellen nahe der Innenstadt errichteten Regierungsgegner mit Mülleimern Blockaden und bewarfen Polizisten mit Steinen.

Im Budapester Stadtzentrum standen sich Polizisten und Demonstranten am Abend in einer Art Pattsituation unentschlossen und abwartend gegenüber. Auf einem anderen Platz ging die Polizei energischer gegen Protestierer vor.

Regierungschef Ferenc Gyurcsany rief das Nationale Sicherheitskabinett zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen, um über das weitere Vorgehen in der Innenstadt zu beraten. In einem Interview mit dem ungarischen Sender "MTV" kündigte der Ministerpräsident im Anschluß an die Sitzung an, dass die Polizei im Rahmen der Gesetze vorgehen werde. "Diese Grenze werden wir nicht überschreiten", sagte er.

100.000 Demonstranten bei Fidesz

Der oppositionelle Bürgerbund (Fidesz) veranstaltete eine eigene Kundgebung zum 50. Jahrestag des Volksaufstands. Daran nahmen laut MTI mehr als 100.000 Menschen teil.

Beim Festakt im Parlament unterstrich Ministerpräsident Gyurcsany währenddessen die Bedeutung des Aufstandes für die Gegenwart Ungarns. Die Diskussion drehe sich im Grunde darum, "wer wir sind, welche Welt wir wollen", sagte der Regierungschef vor zahlreichen ausländischen Staatsgästen, darunter Bundespräsident Horst Köhler. Der Regierungschef betonte, dass die Menschen 1956 keine andere Wahl gehabt hätten, als zu rebellieren. Heute aber sei Ungarn ein moderner demokratischer Staat. Trotz gelegentlicher Unzufriedenheit und Enttäuschung glaube die Mehrheit der Bevölkerung, dass die parlamentarische Demokratie am besten geeignet sei, den Willen des Volkes auszudrücken.

Die Demonstranten vor dem Parlament wollten sich nicht den Sicherheitskontrollen unterziehen, die wegen der Anwesenheit der Staatsgäste angeordnet worden waren. Die Polizei vertrieb zwar die Demonstranten, ließ aber ihre seit Wochen dort aufgeschlagenen Zelte stehen, was darauf hindeutet, dass sie nach den Feierlichkeiten ihren Protest fortsetzen dürfen. Die Regierungskritiker wollen mit ihren Aktionen den Rücktritt Gyurcsanys erreichen.

Der Regierungschef hatte im September eingestanden, die Menschen vor der Wahl über die wirtschaftliche Lage des Landes belogen zu haben. Kritiker warfen außerdem die Frage auf, ob die Sozialisten als Nachfolger der Kommunisten überhaupt das Recht hätten, die offiziellen Feierlichkeiten zum Jahrestag des Volksaufstands auszurichten. Einige tausend Menschen gedachten auf einer eigenen Kundgebung der Geschehnisse vor 50 Jahren.

Armbänder mit einem Loch in der Mitte

Trotz der Spannungen zwischen Regierung und Opposition in Ungarn seit dem Lügeneingeständnis Gyurcsanys zeigten sich die Menschen zu den Feierlichkeiten am Jahrestag des Ungarnaufstands durchaus patriotisch. Die Nationalfarben dominierten die gesamte Hauptstadt, viele Ungarn hüllten sich in die ungarische Flagge oder trugen Armbänder in den Nationalfarben - mit einem Loch in der Mitte. Dies gilt als Zeichen dies Widerstands, seit die Aufständischen gegen die Sowjets von 1956 das Wappen aus der Nationalflagge ausschnitten, um gegen das stalinistische Regime zu protestieren. Am Sonntagabend war das Parlamentsgebäude rot, weiß und grün angestrahlt.

Der Aufstand begann mit einer vor allem von Studenten besuchten Kundgebung in Budapest am 23. Oktober 1956 und endete im November mit dem Einmarsch der Sowjetarmee. Wie viele Menschen ums Leben kamen, ist noch immer nicht genau bekannt, wahrscheinlich waren es Tausende. Mehr als 200.000 Menschen flohen aus Ungarn.

ler/AP/AFP/Reuters/dpa



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