Ungarn Flüchtlinge durchbrechen Barrikade - und laufen auf der Autobahn

Im ungarischen Erstaufnahmelager Röszke hat es erneut einen gewaltsamen Zusammenstoß gegeben. Obwohl die Polizei Pfefferspray einsetzte, konnte sie eine Gruppe von Flüchtlingen nicht vom Marsch nach Budapest abhalten.

Flüchtlinge auf ungarischer Autobahn: Auf dem Weg nach Budapest
REUTERS

Flüchtlinge auf ungarischer Autobahn: Auf dem Weg nach Budapest


In Ungarn bleibt die Flüchtlingssituation höchst angespannt, immer wieder kommt es zu Zwischenfällen. Im Mittelpunkt stand dabei schon am vergangenen Freitag das Erstaufnahmelager Röszke - und auch an diesem Montag ist es in dem Camp an der ungarisch-serbischen Grenze erneut zu einem Vorfall gekommen. Dabei ging die Polizei mit Pfefferspray gegen Flüchtlinge vor. Das berichtet die Nachrichtenagentur Reuters.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 37/2015
Das tödliche Geschäft der Schlepper-Mafia

Demnach hatten die Menschen versucht, eine Absperrung zu durchbrechen. Sie sollten von der Polizei eigentlich in das Lager gebracht werden, änderten dann aber die Richtung. Die Flüchtlinge wollten sich zu Fuß auf der Autobahn in die Hauptstadt Budapest aufmachen. Diese liegt rund 180 Kilometer entfernt. Offenbar konnten die zahlenmäßig unterlegenen Sicherheitskräfte eine größere Gruppe von Flüchtlingen nicht am Weitermarsch hindern.

Ungarn steht seit Langem wegen seiner harten Flüchtlingspolitik international in der Kritik. Menschenrechtsorganisationen bemängeln die fehlende Versorgung der Schutzsuchenden, auch die europäischen Nachbarländer zeigen kein Verständnis für den Kurs der Regierung von Premier Victor Orbán. Dieser lässt unter anderem einen 175 Kilometer langen Zaun an der Grenze zu Serbien bauen. Dort kommen die meisten Flüchtlinge ins Land.

SPIEGEL ONLINE
Offenbar gibt es aber auch innerhalb der ungarischen Staatsspitze Unstimmigkeiten. So ist Verteidigungsminister Csaba Hende nach einem Bericht der staatlichen Nachrichtenagentur MTI am Montagabend zurückgetreten. Er habe seinen Rücktritt nach einer Sitzung des Nationalen Sicherheitskabinetts erklärt, bei der über den Zustand des neuen Zauns an der Grenze zu Serbien beraten wurde.

Offenbar hatte Premier Orbán Kritik am Verhalten der Streitkräfte geübt. Auch diese sind am Bau des Zauns beteiligt, arbeiten aber offenbar nicht schnell genug. Das Bollwerk gegen die Flüchtlinge ist an vielen Stellen durchlässig. Nach Orbáns Willen hätte der Zaun schon Ende August fertig sein sollen.

jok/Reuters/AP

insgesamt 20 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
urknallmarinchen@yahoo.de 07.09.2015
1. Orban sollte mal aus Brüssel strikte Anweisungen bekommen
Falls Ungarn schon zu stark belastet ist, sollte wenigstens eine menschenwürdige Weiterreise der Flüchtlinge unterstützt werden.
NicksAlleVergeben 07.09.2015
2. Fragen und Gedanken
Viele Foristen hier und in anderen Foren fragen, ob die Flucht vor (Bürger-)Krieg nicht per definitionem dort endet, wo der Krieg nicht mehr vorherrscht. Einfach ausgedrückt: Wo kein Krieg herrscht, kann man nicht vor ihm fliehen. Dieser Gedankengang ist ebenso banal wie zutreffend. Wohl auch daher habe ich niemals, ob bei SpOn, Focus oder sonstwo eine brauchbare Antwort auf diese Feststellung gelesen. Wenn nun Menschen ihr Leben retten konnten, indem sie in ein kriegsunversehrtes (oft sogar ein kulturell und sprachlich naheliegendes Nachbar-)Land flohen, wie können sie dann weiter vor dem Krieg fliehen? Oder hat sich nun der Charakter der Flucht geändert? Von dem Moment an, von dem eine Flucht keine mehr vor dem Krieg ist, ist es eine Flucht vor den Bedingungen, vor der Situation. Das mag an mangelnden Perspektiven liegen, mangelnder Akzeptanz. Es mag an mangelndem Geld liegen. An fehlender sozialer Bindung durch nicht vorhandene "Exklaven" eigener Landsleute. Ich halte auch diese Fluchtgründe für legitim, wenn auch nicht für asylrechtlich relevant. Daraus folgt: Eine nun fortgesetzte Flucht ist, wenn die eigentliche Flucht vor Krieg erfolgreich war, eine Flucht in bessere Bedingungen, in bessere Perspektiven, in eine ausgeprägtere "Willkommenskultur", in mehr Geld (ja!) und soziale Strukturen – die manchmal in Parallelwelten mündet, siehe das teilweise katastrophale Ergebnis von Flüchtlingen aus den Achtzigern aus dem Libanon. Aber auch mich beunruhigt das. Diese Flucht endet erst dann, wenn alle o.g. Punkte maximalst erfüllt sind. Allen Unkenrufen zum Trotze bleiben die höchstbelasteten Länder daher Deutschland und Schweden. Hier werden die Anziehungsgründe am besten bedient. Oder warum sollte ein Syrer/Albaner/egal aus Österreich nach Deutschland oder Schweden weiter? Was treibt einen Eritreer aus Frankreich nach England? Das Wetter ist es nicht. Es ist nicht die Flucht vor Krieg, sondern der Wille nach einem besseren Leben, der Europa vor unlösbare Probleme stellt. Ich bin ein rational denkender Mensch. Sicher nicht der klügste Vertreter. Beim Anblick des Photos des am Strand liegenden Aylan Kurdi habe ich geweint. Mein jüngster Neffe ist in seinem Alter. Aber permanent wird mir gesagt, dass diese Flüchtlinge eine Chance seien, niemals eine Gefahr. Fachkräftemangel als Weasel word turnt in den Medien herum, hohe Bildung der Flüchtlinge ebenso. Das ist für mich Pfeifen im Walde. Woher will man wissen, ob nicht IS-Freunde unter den Flüchtlingen sind? Denken einige, dass die IS-Fanboys mit wehenden Fahnen und gezücktem Messer kommen? Wir brauchen eine Befriedung des Nahen Ostens. Wir brauchen eine Perspektive für Syrer in Syrien. Es darf momentan nur eine temporäre Lösung sein! Dafür bin ich bereit, Geld per Steuern und per Spende zu geben. Aber will ich *kein* Geld geben für Versprechungen in Fachkräfte und Integration, wenn die Auswirkungen der "Integration" der Nachkommen der letzten Einwanderungswelle bis heute in den Statistiken – und nicht in den Uniabsolventenstatistiken – negativ zu begutachten sind.
gustavredlicher 07.09.2015
3. Früher
nannte man dies Grenzverletzung. Kein Land kann es hinnehmen, daß seine Grenzen gewaltsam übertreten werden. Entweder man fertigt die Leute ordnungsgemäß ab oder man macht die Grenze dicht.Mit allen Mitteln.
Benjowi 07.09.2015
4. Unsägliches Verhalten!
Ungarn hat sich-unabhängig von den merkwürdigen Regeln der EU-vertraglich verpflichtet, die Regeln der UN-Flüchtlingskonvention und diverse Regeln des Europarats einzuhalten. Die Realität ist meilenweit davon entfernt und Ungarn tritt diese Regeln mit Füßen, ist also massiv vertragsbrüchig. Warum um alles in der Welt sollte die EU sich jetzt noch an die mit diesem unsäglichen Land geschlossenen Verträge, insbesondere was die Finanzhilfen angeht, halten. Das Geld sollte zugunsten der Flüchtlingsbetreuung in andern Ländern komplett einbehalten werden. Solidarität darf nicht auf Dauer eine Einbahnstraße sein-auch nicht, was den freien Persoinenverkehr betrifft!
freespeech1 07.09.2015
5.
Ist das so schwer zu verstehen. Niemand will in Ungarn bleiben. Ungarn ist Transitland und kann die nach Deutschland Flüchtenden nicht aufhalten. Wenn Ungarn die Verträge einhält, ist es schlecht, wenn nicht, ist es auch schlecht. Es ist Aufgabe Deutschlands, den Druck auf Ungarn zu nehmen. Dann gibt es auch keine Probleme mehr in Ungarn. Aber wir wollen lieber die Gutmenschen spielen auf Kosten anderer Länder. Das wird nicht funktionieren.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.