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Korvette "Magdeburg" vor Beirut Heikle Mission für Deutschlands Hightech-Schiff

Es ist ein komplizierter Auftrag der Vereinten Nationen: Mit martialischem Auftreten will die deutsche Marine vor der Küste des Libanon Waffenschmuggler abschrecken. Doch gelingt das wirklich? Ein Besuch an Bord der Korvette "Magdeburg".

Es ist öde und leer im Hafen von Beirut, nur über zwei Frachtern drehen sich die Kräne. Ansonsten wirken die Kaianlagen wie ausgestorben - bis die deutsche Korvette "Magdeburg" mit großem Getöse ablegt. Auf Brücke, Helikopterdeck und am Bug sind Wachsoldaten postiert, muskelbepackte tätowierte Kerle mit Sonnenbrille und Splitterweste, die Maschinengewehre auf Pier und Hafenmole gerichtet. Und aus den Außenlautsprechern dröhnt die Hardrock-Hymne aus "Top Gun":

Highway to the Danger Zone

I'll take you right into the Danger Zone

"Ein bisschen Show muss sein", sagt Kommandant Torben Steinweller, "sollen alle merken, dass wir raus fahren und für alle Eventualitäten gerüstet sind." Er hat deshalb "Kriegsmarsch" angeordnet: Bis auf die Männer an den Gewehren bleiben alle unter Deck, die Waffensysteme sind einsatzbereit. Hinweise auf konkrete Gefahren hat die Marine zwar nicht, "aber wir fahren hier ja nicht im Kieler Stadthafen spazieren", sagt Steinweller, "die Unifil-Einheiten können jederzeit ins Visier der Islamisten geraten". 2006 hat die Hisbollah in Beirut eine C-802-Rakete auf die israelische Korvette "Hanit" abgefeuert; vier Soldaten kamen ums Leben.

Doch mit dem Hafen lässt die "Magdeburg" auch die Gefahrenzone hinter sich. Draußen auf See gibt es keinen Angreifer, der gegen das modernste Schiff der deutschen Marine etwas ausrichten könnte. Der Kommandant befiehlt nun "Übungsmarsch": Die Aufpasser packen ihre Waffen ein, ein Teil der Crew verschwindet in die Koje, die Maschine an Backbord wird abgeschaltet, um Treibstoff zu sparen.

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Am Horizont zurück bleibt das Chaos der libanesischen Innenpolitik und die Unwägbarkeiten, denen die Friedenstruppen im Land seit mehr als 30 Jahren ausgesetzt sind: 1978 das Küstenstraßenmassaker der Fatah und die Vergeltung Israels; die Uno schickt Blauhelme. 1993 und 2006 attackieren die Israelis erneut. Zum ersten Mal beschließt der Sicherheitsrat einen Marine-Einsatz. Unifil bekommt Schiffe, um die 225 Kilometer lange Küste des Libanon zu überwachen. Sie sollen verhindern, dass Waffen über See ins Land geschmuggelt werden.

Viel los ist heute nicht da draußen. Die "Magdeburg" dampft mit langsamer Fahrt in die Nacht, die Crew kämpft mit der Langeweile.

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Deutsche Korvette: Mission Abschreckung

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Ein Funkspruch, Job erledigt

Morgens früh um kurz nach sieben taucht endlich ein Lichtpunkt auf dem Radarschirm auf, ein Frachter namens "Rhosus", wie das Automatische Identifikationssystem verrät. 86 Meter lang, Flaggenstaat Moldawien. Ein Waffenschmuggler? Auf der Brücke der Korvette spulen sie das Standardprogramm ab. Signäler Christian Herkner setzt sich ans Funkgerät und ruft den Kapitän des Frachters auf UKW an: "Gemäß Uno-Resolution 1701 bitten wir Sie um Kooperation und die Beantwortung einiger Fragen. Wir werden Sie nicht an der Weiterfahrt hindern oder Ihre Reise verzögern." 

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An anderen Ende erst einmal Unverständnis, der Sprecher hat Mühe mit der englischen Sprache. Herkner wiederholt seine Botschaft noch zweimal, bis der Kapitän knurrend seine Bereitschaft erklärt, die Fragen von der Korvette zu beantworten. Auf dem vorbereiteten Formular stehen 25 Punkte - vom Zeitpunkt des ersten Kontakts über Name und Herkunft des Schiffs, Ladung und Zielhafen bis zu einer Einschätzung, wie das Gespräch verlaufen ist. War die Schiffsführung kooperativ? Freundlich oder kurz angebunden? Oder gar nervös?

Und damit ist der Job für die Crew der "Magdeburg" so gut wie erledigt. Sie entscheidet nicht selbst, wie mit der "Rhosus" weiter verfahren wird, sondern leitet ihre Informationen an den Kommandeur der Uno-Flotte weiter. Aktuell wird der Verband von einem brasilianischen Admiral angeführt, Luiz Henrique Caroli auf der Fregatte "Liberal". Auf seinen Bescheid muss die "Rhosus" jetzt warten: "Please stand by for clearance on this channel."

Auch auf der "Magdeburg" fasst sich die Crew in Geduld, sie kann erst weiterfahren, wenn sie dem Frachter die Freigabe übermittelt hat. Auf der Fregatte der Brasilianer werden die Angaben des Moldawiers überprüft. Wenn es Widersprüche gibt, offene Fragen, kann der Admiral den Behörden in Beirut empfehlen, das Schiff genauer unter die Lupe zu nehmen oder sogar zu durchsuchen. Aber die Libanesen sind ihrerseits nicht verpflichtet, den Uno-Schiffen Rückmeldung zu geben, was sie unternommen oder gefunden haben. Offiziell hat es seit Beginn der Unifil-Mission zur See noch nicht einen einzigen Fall von Waffenschmuggel gegeben.

Wachhunde der Uno

Kommandant Steinweller interpretiert die Daten diplomatisch: "Es ist die souveräne Entscheidung der Libanesen, was sie mit unseren Informationen machen und welche Erkenntnisse sie weitergeben." Optimal findet das Procedere dennoch kaum jemand an Bord, zu offensichtlich sind die möglichen Lücken im System: Wenn ein Schiff plausible Angaben macht, kommt es glatt durch. Möglicherweise weiß der Kapitän nicht einmal, was in den Containern steckt, die er an Bord hat. Ladepapiere sind schnell gefälscht. Und wer garantiert, dass bei einer Kontrolle im Hafen nur Neutralität und Gewissenhaftigkeit waltet?

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Gelegentlich stellt sich die Gegenseite taub. Kapitäne ignorieren die Uno-Anfrage und dampfen einfach weiter. Theoretisch können die Unifil-Schiffe dann "robust" agieren. "Wir haben das komplette Sortiment der Eskalation zu Verfügung", sagt Steinweller: "Inklusive gezieltem Schuss vor den Bug oder ein Boarding - wenn der Kommandeur der Unifil-Flotte und die Libanesen das wollen." Aber so weit ist es noch nie gekommen, die Uno-Schiffe agieren im Zweifelsfall eher defensiv. Steinweller hat sich bei einem früheren Einsatz mit einem Schnellboot einmal unbemerkt an einen störrischen Kapitän herangepirscht - und ihm mit dem Suchscheinwerfer auf die Brücke geleuchtet. "Als er das Kriegsschiff direkt neben sich sah, hat es mit der Kooperation sofort geklappt."

Abschreckung funktioniert also, so sehen sie das auf der deutschen Korvette. "Wenn der Sicherheitsrat das Schild 'Warnung vor dem bissigen Hund' aufstellt, muss sie auch Hunde frei laufen lassen, die gefährlich aussehen", sagt Steinweller. Die Wachhunde, das sind die Schiffe der Unifil-Flotten, und keiner wirkt so bissig wie die Korvette der Deutschen Marine. Das Schiff ist knapp 90 Meter lang und 26 Knoten schnell - und im Radar dank Stealth-Technik erst spät zu erkennen. Zur Bewaffnung zählen eine Bordkanone zur Bekämpfung von Flugzeugen oder Schiffen, zwei Geschütze zur Abwehr "asymmetrischer Bedrohungen" - sprich: Selbstmordkommandos in schnellen Motorbooten - und zwei Ram-Raketenwerfer, die auch feindliche Flugkörper abschießen können. Revolutionär ist der hohe Automationsgrad - wenn der Kommandant will, führt der Computer das Gefecht allein. Noch schneller und genauer, als es die Crew von 56 Männern und zwei Frauen kann.

Übungsschießen auf "Barbara 1"

Der Einsatz der Deutschen Marine vor der Küste des Libanons produzierte anfangs grelle Schlagzeilen: Müssen deutschen Soldaten ihre Waffen jetzt möglicherweise auf Israelis richten? Und was, wenn es zu einer erneuten Eskalation kommt - stehen die deutschen Schiffe dann nicht mittendrin im Kampfgeschehen? Kaum waren die deutschen Soldaten vor Ort, flogen israelische F16-Jäger einen Scheinangriff auf das Flottendienstboot "Alster", als ob sie die schlimmsten Befürchtungen der deutschen Politik bestätigen wollten.

Kommandant Steinweller hat ähnliche Manöver selbst erlebt: "Die testen nur aus, wie weit sie gehen können - und wie wir reagieren. Also bleiben wir cool. Sagen kurz Bescheid, dass sie den verabredeten Abstand einhalten. Und dann herrscht Frieden."

Bei so viel Diplomatie muss sich die Besatzung gelegentlich versichern, dass sie auf einem Kriegsschiff ist. Für den Abend hat Steinweller ein Übungsschießen angesetzt. Die "Magdeburg" fährt zum Schießgebiet "Barbara 1", das auf halber Strecke nach Zypern liegt. Der Kommandant lässt Kanone und Backbordgeschütz klarmachen zum Feuern. Die Brücke meldet in bestem Nato-Englisch: "Clear navigational, clear visual, turret correct" - das Schussfeld ist frei. "Feuererlaubnis!", erwidert Steinweller. Gelbes Flackerlicht auf der Brücke, über den Bordlautsprecher gellt die Warnung an die Crew: "Warschau Feuer! Wahrschau Feuer!"

Die "Magdeburg" schüttelt sich unter dem Rückstoß der Kanone auf dem Vorschiff. Das Ziel ist ein Koordinatenpaar, nur ein Punkt auf der Seekarte. Fünf Schüsse. Der Computer meldet fünf Treffer.

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Weniger Handel, weniger Schiffsverkehr

Am nächsten Morgen steuert Navigationsoffizierin Claudia Dittmann die Korvette wieder in Schleichfahrt auf einen leeren Horizont zu. Der Smut bringt Pfannkuchen auf die Brücke, liebevoll mit Puderzucker, Schokostreuseln und Obst verziert. Mehr Abwechslung gibt es nicht, die Crew wartet stoisch auf ihren nächsten Einsatz.

Der Bürgerkrieg in Syrien ist auch auf See zu spüren - weniger Handel mit dem Nachbarn Libanon, weniger Schiffsverkehr. Vor dem Aufstand gegen Baschar al-Assad haben die Uno-Schiffe an die dreißig, vierzig Schiffe am Tag registriert, jetzt sind es oft nicht einmal zehn. Ein Schiff wie die "Magdeburg" könnte den Job im Prinzip auch alleine erledigen - für acht Unifil-Schiffe gibt es derzeit einfach zu wenig zu tun. Erst recht, seit die Libanesen mit deutscher Hilfe eine lückenlose Radarüberwachung der Küste aufgebaut hat.

 Wie lange werden die Uno-Schiffe also noch gebraucht? Für Konteradmiral Rainer Brinkmann, den stellvertretenden Befehlshaber des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr, wird der Einsatz trotz aller Fortschritte wohl auch mittelfristig fortgesetzt. "Wir operieren in Ergänzung der libanesischen Einheiten und werden uns Stück für Stück immer weiter auf die Aufgabe eines Monitoring zurückziehen", sagte er vor der Abfahrt der "Magdeburg" in Beirut. "Aber in Wochen, Monaten und Jahren lässt sich noch nicht beziffern, wann die Mission zu Ende geht."

Im Libanon selbst gehen die Meinungen über den  Einsatz der Unifil-Flotte weit auseinander. Nawfal Daou, politischer Analyst und Chefredakteur der Newssite "Naharnet", würde am liebsten einen robusteren und gründlicheren Einsatz der Uno-Soldaten sehen: "Ein Problem ist doch, dass die Fracht nicht von neutraler Seite kontrolliert wird. Keiner weiß, was wirklich ins Land kommt. Hisbollah sagt selbst, dass ihr Waffenbestand heute dreimal größer ist als 2006 - so viel zur Effektivität der bisherigen Bemühungen, den Waffenschmuggel zu unterbinden."

Auf der anderen Seite des politischen Spektrums wünscht man sich ein schnelles Ende der Kontrollen - weil man die Unifil nicht für neutral hält. Dass im April auf dem Frachter "Lutfallah II" drei Container mit Waffen nach Selaata im Norden des Libanon durchkamen, hält Amin Hotait, ein der Hisbollah nahestehender ehemaliger Brigadegeneral der libanesischen Armee, nicht für einen Zufall. "Die Waffen waren für die Rebellen in Syrien bestimmt. Auf Betreiben der westlichen Geheimdienste haben die Unifil-Schiffe bei der Prüfung ein Auge zugedrückt." Die Deutschen sollten sich entweder an die Buchstaben der Resolution halten oder in ihre Heimat zurückkehren, fordert der Ex-Militär. Vielleicht weiß er nicht, dass Unifil nicht selbst sucht - und sich ganz als Unterstützung der Libanesen versteht.

Vorbereitung für alle Eventualitäten

Die Deutsche Marine wird ihm den Gefallen eh nicht tun - nicht zuletzt, weil sie bereits eine weitere Aufgabe auf dem Schirm hat: Sie fährt Patrouille für die Uno - und bereitet sich gleichzeitig für den Ernstfall vor, dass der Syrien-Konflikt auch unter den Anhängern des Regimes und der Rebellen im Libanon entbrennt. "Es leben noch ein paar tausend Deutsche im Libanon", erklärt Konteradmiral Brinkmann bei seinem Besuch auf der "Magdeburg", eine "Eventualfallplanung zum Schutz deutscher Staatsbürger" sei bereits in Arbeit. Die "Magdeburg" wäre ausgerüstet für eine Evakuierungsoperation - schnell in einen Hafen, anlegen, einladen und raus.

Beim Einlaufen in Beirut stehen die Wachsoldaten wieder auf ihrem Posten. Die deutsche Korvette schiebt sich ohne Schlepperhilfe an die Pier. Dieses Mal schallt der Favorit des Kommandanten über das Hafenbecken - der Königsgrätzer Marsch. Die "Magdeburg" versteckt sich nicht, soll das heißen. Und sie ist da, wenn sie gebraucht wird.

Mitarbeit: Raniah Salloum
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