Gauck-Rede in den USA Der mahnende Gast

15 Jahre war kein Bundespräsident in den USA - Joachim Gauck schlägt nun mit einer Rede zum transatlantischen Verhältnis auf. Seine Diagnose ist düster. Von Washington wünscht sich Gauck auch mehr Einsatz in der Flüchtlingskrise.
Bundespräsident Joachim Gauck an der der University of Pennsylvania: "Da beißt die Maus keinen Faden ab"

Bundespräsident Joachim Gauck an der der University of Pennsylvania: "Da beißt die Maus keinen Faden ab"

Foto: Wolfgang Kumm/ dpa

Es sind ja alles besondere Orte in dieser Stadt. Vor allem für einen wie Joachim Gauck, der zu Hause auch der Freiheitspräsident genannt wird. Gauck steht in Philadelphia im Flaggensaal der ehrwürdigen University of Pennsylvania. Dunkle Holzvertäfelung, es riecht nach Geschichte. Die UPenn wurde von Benjamin Franklin, einem der Väter der amerikanischen Unabhängigkeit, mitgegründet.

Gauck hält an diesem Dienstag eine Rede zum Stand der transatlantischen Beziehungen. "Die Freiheit, die uns verbindet", ist sie überschrieben. Seit 15 Jahren war kein Bundespräsident mehr in den USA, nun wird Gauck an der UPenn zunächst das Verhältnis zwischen Deutschland und Amerika vermessen, um das Thema einen Tag später im Weißen Haus mit seinem Amtskollegen Barack Obama zu besprechen.

"Jedem, dem die Freiheit etwas bedeutet, geht hier das Herz auf", hat Gauck am Vortag nach seiner Ankunft in Philadelphia gesagt, im Rücken die Independence Hall. Der Bundespräsident sprach von "heiligen Stätten der Demokratie" - sein Blick schweifte über die Liberty Bell, die er zuvor ebenfalls besichtigt hatte. Die Glocke, durchzogen von einem tiefen Riss, ist das Symbol für Freiheit und Unabhängigkeit in den USA.

An der UPenn nimmt Gauck seine Zuhörer nun mit in die jüngere Vergangenheit: Er zitiert John F. Kennedy, der am 4. Juli 1962 in Philadelphia die Idee einer "Declaration of Interdependence" präsentierte. Kennedy wollte eine engere Bindung zu Europa, um Amerika und seine Werte zu stärken. Der 35. US-Präsident steht noch heute für das gute Amerika. Weil Kennedy die Defizite seines Landes sah, ansprach und sie zu beheben versuchte. Damit ist JFK genau der Kronzeuge, den der Bundespräsident für seine transatlantische Standortbestimmung braucht.

Dreiklang aus Gemeinsamkeiten, Dank und Kritik

Gauck präsentiert in seiner gut 45-minütigen Rede eine Art Dreiklang: Er beschreibt die historischen Verflechtungen beider Länder, dankt den USA mehrfach - für den Kampf gegen das "Dritte Reich", den anschließenden Leistungen beim Wiederaufbau der Bundesrepublik und der Hilfe bei der Wiedervereinigung - um schließlich zu kritisieren und zu mahnen.

"Die transatlantische Partnerschaft - und in ihrem Kern auch die deutsch-amerikanische Freundschaft - sie ist und bleibt das essenzielle strategische Bündnis unserer Tage", sagt er. Aus Gaucks Sicht braucht es dieses Bündnis sogar umso mehr angesichts der Krisen in der Welt. Die Nato wünscht er sich gestärkt und eher mehr als weniger amerikanisches Engagement in Europa. Doch da ist etwas ins Bröckeln geraten, findet er - und beide Seiten tragen Verantwortung dafür. "Wir haben das transatlantische Verhältnis zuletzt nicht so sorgsam behandelt wie notwendig."

Gauck liebt das Land, dem er nun ein wenig ins Gewissen redet. Wenn er von seiner ersten Amerikareise Anfang der Neunzigerjahre erzählt, kann man die Begeisterung spüren, die er damals für dieses Land empfand. Der vormalige DDR-Bürger erlebte es beinahe wie ein Paradies.

"Mehr Prinzipientreue und mehr Partnerschaft"

Zwei Jahrzehnte später sieht der Bundespräsident Gauck klarer. Die Überwachung durch den Auslandsgeheimdienst NSA hat der Präsident schon in der Vergangenheit kritisiert - nun legt er in seiner Rede nach: Was die Überwachung eines deutschen Landwirtschaftsministers mit Terror-Abwehr zu tun habe? Der Angriff auf die Privatsphäre deutscher Bürger ist für Gauck nicht akzeptabel. "Hier hätten die Vereinigten Staaten ihrerseits eine gute Gelegenheit, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen", sagt er. Es enttäuscht ihn auch, dass Amerika das Interesse an Europa verloren zu haben scheint.

Allerdings zeigt der Bundespräsident auch Verständnis dafür, dass man in den USA die Erregung über den NSA-Skandal mitunter belächelt, da die Deutschen doch gleichzeitig gerne von der amerikanischen Terror-Abwehr profitieren. Den grassierenden Anti-Amerikanismus in seiner Heimat hält Gauck für ein großes Problem und - andersherum - für wenig vertrauensbildend.

"Nun genießt aber gerade der gute Freund das zweifelhafte Privileg einer besonderen moralischen Fallhöhe", sagt Gauck. Allerdings sei das Gute an demokratischen Gesellschaften - und dabei zitiert er den aktuellen Präsidenten Obama - die Möglichkeit zur Selbstkorrektur. "Mehr Prinzipientreue und mehr Partnerschaft" sei auf beiden Seiten des Atlantiks gefordert, findet Gauck.

Es ist eine selbstbewusste Rede. Die Rede eines Bundespräsidenten, der ein selbstbewusstes Land repräsentiert. Ein Land, das nach Meinung Gaucks noch mehr Verantwortung übernehmen könnte. In der Flüchtlingskrise tut es das, möglicherweise übernimmt sich Deutschland sogar. Amerika dagegen tut zu wenig in dieser Krise, glauben viele. "Sich einzuigeln ist keine Option", sagt Gauck - "nicht für Deutschland, nicht für Europa, übrigens auch nicht für die USA." Zumal, das fügt Gauck im Anschluss an seine Rede auf eine Frage aus dem Publikum hinzu, durch die Politik Washingtons im Nahen Osten "auch Flüchtlingsbewegungen entstanden" seien. "Da beißt die Maus keinen Faden ab."

Es könnte ein interessantes Gespräch am Mittwoch mit Obama werden.