Univision-Moderator Ramos "Trump macht Rassismus in den USA wieder hoffähig"

Für viele Latinos in den USA ist Jorge Ramos ein Held. Der TV-Moderator legte sich bei einer Pressekonferenz mit Donald Trump an, stritt mit ihm über die Einwanderer aus Mexiko. Hier erläutert Ramos, warum er den Republikaner für so gefährlich hält.
Republikanischer Präsidentschaftskandidat Donald Trump: "Diesen Mann müssen wir herausfordern"

Republikanischer Präsidentschaftskandidat Donald Trump: "Diesen Mann müssen wir herausfordern"

Foto: BEN BREWER/ REUTERS

Jorge Ramos ist einiges gewohnt. Seit Jahren ist er der Starmoderator des spanischsprachigen TV-Senders Univision. Der 57-Jährige hatte sie alle vor der Kamera, Barack Obama, Bill Clinton, George W. Bush, und schon so manche Situation in seiner Karriere war brenzlig. Doch die Fehde mit Donald Trump ist auch für ihn etwas Besonderes.

Ramos ist in dieser Woche mit dem Präsidentschaftsbewerber der Republikaner massiv aneinandergeraten. Der Moderator wollte auf einer Pressekonferenz spontan eine Frage zum Einwanderungsplan Trumps stellen, doch der Milliardär schnitt ihm das Wort ab. "Geh zurück zu Univision", rief er Ramos entgegen - und ließ ihn aus dem Saal werfen. Der Streit der beiden sorgt in den USA seit Tagen für Diskussionen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt Ramos, warum Amerika aus seiner Sicht nicht mehr Amerika wäre, sollte Trump Präsident werden.

SPIEGEL ONLINE: Mr Ramos, Donald Trump will eine Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen und sämtliche Einwanderer, die ohne Papiere in den USA leben, abschieben. Sie sind mit ihm deshalb massiv aneinandergeraten. Sind Sie gerade eher Aktivist als Journalist?

Ramos: Nein, ich bin und bleibe Journalist. Und ich stelle meine Fragen. Trump schlägt einen solch dramatischen Wechsel der Lebensweise hier in den USA vor, dass ich sage: Diesen Mann müssen wir herausfordern. Und er wird im Moment nicht genügend herausgefordert.

SPIEGEL ONLINE: "Ein gefährlicher Mann", "eine Art Diktator" - so haben Sie Trump in den vergangenen Wochen bezeichnet. Ist das nicht ein bisschen überzeichnet?

Im Video: Eklat auf Trumps Pressekonferenz

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Ramos: Entschuldigen Sie, aber Trump plant die größte Massendeportation der jüngeren Geschichte. Er will elf Millionen Einwanderer ohne Papiere einfach wieder abschieben. Und zwar alle: Männer, Frauen, Kinder, Babys. Es wäre eine historische Menschenrechtsverletzung. Aber ganz abgesehen davon: Wie soll das gehen? Was würde das kosten? Und was wären die Konsequenzen? Auf keines dieser Details ist Trump bislang bereit einzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Realität dürfte sein Plan kaum werden - selbst Parteifreunde von ihm belächeln doch manchen seiner Vorschläge.

Ramos: Ich belächle ihn nicht. Wenn ein Präsidentschaftskandidat eine Minderheit attackiert, ist das brandgefährlich. Er macht Rassismus und Ausländerfeindlichkeit in den USA wieder hoffähig. In manchen Situationen muss man als Journalist eine ganz klare Haltung beweisen. Wenn es um Rassismus, Diskriminierung von Minderheiten oder Korruption geht, reicht Objektivität nicht mehr aus. Wenn Sie da keine Haltung beweisen, machen Sie Ihren Job als Journalist falsch.

SPIEGEL ONLINE: Viele Beobachter sagen, Trump werde niemals die republikanische Kandidatur bekommen. Inwiefern repräsentiert er mit seiner Haltung überhaupt die Partei?

Ramos: Trump ist das Ergebnis republikanischer Denke. Die Ideen, die er jetzt äußert, sind alle schon mal geäußert worden in den letzten Jahren. Auch die Haltung seiner Konkurrenten unterscheidet sich von ihm so dramatisch nicht. Und von wegen, er verliere sowieso: Wir müssen ihn schon ernst nehmen. Sein Unterstützerkreis ist inzwischen riesig. Aus meiner Sicht kann er sehr wohl Kandidat und sogar Präsident werden. Amerika wäre dann aber nicht mehr das Amerika, das ich kenne.

SPIEGEL ONLINE: Sie kritisieren, dass er sich nicht auf Details einlässt. Aber ist nicht gerade der Grund für Trumps Popularität, dass er sich weigert, ausgeklügelte Strategien vorzulegen?

Ramos: Trump ist vor allem deswegen so populär, weil er als der Anti-Politiker antritt. Und auf jede Frage gibt es nur eine Antwort - ihn selbst. Das ist natürlich sehr attraktiv für manche Leute, weil man leicht denken könnte: Der packt endlich alles an. Doch hier kommt der Journalismus ins Spiel: Wir müssen ihn auf Details festnageln. Dann entlarven wir ihn als Blender. Nehmen Sie die Grenzmauer zu Mexiko: Die würde rund 20 Milliarden Dollar kosten und wäre komplett unsinnig, da fast die Hälfte der illegalen Einwanderer ohnehin das Flugzeug nehmen. Zu solchen Statistiken sagt er einfach: Das glaube ich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Elf Millionen Einwanderer leben ohne Papiere in den USA, die Hälfte davon aus Mexiko. Auch im liberalen Lager sieht man Handlungsbedarf. Was würden Sie tun, wenn Sie in Sachen Einwanderung das Sagen hätten?

Ramos: Die Lösung liegt doch seit Jahren auf der Hand: Anstatt alle wieder rauszuschmeißen, müssen wir Möglichkeiten finden, Einwanderer zu integrieren. Wir können sie doch schon logistisch gar nicht mehr abschieben. Sie brauchen eine Chance auf die Staatsbürgerschaft, einen Plan, um legal in den USA bleiben zu können. Dieser Ansatz hat unser Land groß gemacht, er gehört zu unserer DNA.

SPIEGEL ONLINE: Auch in Deutschland wird derzeit heftig über ein Einwanderungssystem gestritten. Vielleicht haben Sie es mitbekommen: Zu uns kommen gerade Tausende Flüchtlinge.

Zur Person
Foto: BEN BREWER/ REUTERS

Jorge Ramos, 57, ist der Starmoderator des spanischsprachigen TV-Senders Univision. Für viele in den USA lebende Latinos ist er eine Identifikationsfigur. Seit Monaten wartet er auf ein Interview mit Donald Trump. Um den Republikaner zu einem Gespräch zu bewegen, schickte Ramos ihm eigens einen handgeschriebenen Brief mit seiner Handynummer. Trump reagierte auf seine Art. Er stellte den Brief ins Internet.

Ramos: Natürlich habe ich das mitbekommen. Es ist wirklich eine interessante Parallele. Für Deutschland wie für die USA gilt aus meiner Sicht: Die Größe eines Landes bemisst sich nicht daran, wie es mit den Mächtigen umgeht. Die Größe eines Landes bemisst sich daran, wie es mit den Machtlosen umgeht.

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