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02. Dezember 2010, 17:13 Uhr

Uno-Alarm zu Zwangsarbeit:

Comeback der Sklaventreiber

Von Florentine Dame

Sie werden an Sextouristen verkauft, schuften als Schuldknechte in Steinbrüchen oder Garküchen - nie wurden so viele Menschen erniedrigt und ausgebeutet wie im 21. Jahrhundert. Am Welttag zur Abschaffung der Sklaverei mahnt die Uno: Diese Missstände müssen schärfer bekämpft werden.

Berlin - Die Geschichte von Kwame, dem Kindersklaven aus Ghana, beginnt mit einem falschen Versprechen: Wenn er mitkäme um für das erfolgreiche Unternehmen zu arbeiten, würde er viel Geld verdienen, genug für die ganze Familie. Die Anwerber, die das große Glück für den kleinen Jungen und seine verarmte Familie versprachen, verschleppten ihn zum Volta-See, wo die Fischindustrie floriert, aber auf dem Rücken von Kindersklaven und Leibeigenen betrieben wird. Acht Jahre lang schuftete er auf den Fischerbooten, flickte bis spät in die Nacht Fischernetze und wurde geschlagen, wenn es nicht schnell genug ging. "Wenn sie uns bestrafen wollten, paddelten sie mit ihren Booten weg und wir mussten hinterherschwimmen." Schwimmen oder ertrinken - Sklaventreiber sind rücksichtslos.

Kwame hatte Glück. Er überlebte nicht nur die Torturen, sondern konnte von einer Hilfsorganisation gerettet werden. Das ist vielmehr als Millionen Sklaven weltweit hoffen können.

Mit dem Welttag zur Abschaffung der Sklaverei erinnert die Uno an diesem Donnerstag an eine Resolution aus dem Jahr 1949, die Menschenhandel und andere Formen der Ausbeutung beseitigen sollte. Abgeschafft ist die Sklaverei damit nicht.

Genaue Zahlen kennt jedoch niemand. Die Ausbeutung findet oft im Verborgenen und immer in der Illegalität statt. Es gibt wenige Daten über Sklaverei. Eine Erhebung stammt aus dem Jahr 2005: Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) kommt auf 12,3 Millionen Zwangsarbeiter weltweit, wobei etwa die Hälfte Kinder sind. Unter Einbeziehung der gigantischen Dunkelziffer kommen andere Menschenrechtsorganisationen wie "free the slaves" sogar auf 27 Millionen Sklaven.

Es ist davon auszugehen, dass trotz internationaler Bemühungen, dem Problem Herr zu werden, die Zahl moderner Sklaven weltweit eher steigt als sinkt. So gilt Menschenhandel Europol zufolge als eines der am schnellsten wachsenden kriminellen Gewerbe überhaupt. Und es ist ein Geschäft, das sich für die Ausbeuter durchaus lohnt: Die ILO schätzt den Profit aus Zwangsarbeit auf 31,6 Milliarden Dollar pro Jahr.

Sklavenarbeit ist billig wie nie zuvor

Historische Tiefstpreise auf dem Ausbeutungsmarkt machen das Geschäft mit der menschlichen Arbeitskraft besonders lukrativ. In einigen Teilen der Welt kostet ein Sklave gerade einmal 10 Dollar. Der weltweite Durchschnittspreis liege bei 90 Dollar, während im Jahr 1850 ein schwarzer Feldarbeiter in den amerikanischen Südstaaten das zehn- bis zwangzigfache gekostet habe, schätzt "free the slaves".

Angepasst an den heutigen Dollarkurs ist ein moderner Sklave nur noch ein Tausendstel dessen wert, was ein Sklaventreiber des 19. Jahrhunderts für seine Arbeitskräfte zahlen musste. Als Folge werden Leib und Leben der Zwangsarbeiter wesentlich weniger geschont als damals - ein Sklavenleben ist austauschbar geworden. Was Sklaven heute wie früher teilen, ist die Unfreiheit. Armut, Gewaltandrohung und Abhängigkeit von Menschenhändlern sind die Fesseln, die modernen Sklaven keine Wahl lassen, als sich wirtschaftlich oder sexuell ausbeuten zu lassen.

Die Sklaverei des 21. Jahrhunderts hat viele Facetten:

Kein Land ohne Sklaven

Seit über zehn Jahren steht die Abschaffung dieser modernen Formen von Sklaverei ganz oben auf der Agenda von Uno und EU. Zahllose lokale und internationale Bündnisse fordern die Bekämpfung von Ausbeutung. Resolutionen, EU-Konventionen, grenzübergreifende Ermittlungen gegen Ausbeutung und die Strafverfolgung von Menschenhändlern machen deutlich, dass man entschlossen ist, dem Problem zu begegnen.

Trotzdem kommen die Ermittler von Europol in ihrem letzten Bericht zum Thema Menschenhandel zu dem Schluss, dass im derzeitigen finanziellen Klima Arbeitsausbeutung eher zunehmen werde.

Ebenso wenig wie Sklavenhandel ein trauriges Phänomen vergangener Jahrhunderte ist, ist es eines, das sich nur in weitentfernten, armen Regionen der Welt abspielt: Nahezu in jedem Land gibt es einen Markt für Sklavenhandel - und damit auch eine Nachfrageseite. Wo billige Arbeitskräfte gebraucht werden, kann sich Sklaverei besonders hartnäckig halten. In den Industrienationen ist Frauen- und Mädchenhandel besonders profitabel, weil für die erzwungenen Dienste der Prostituierten hohe Preise erzielt werden können.

Das Bundeskriminalamt meldete für 2009 so viele Ermittlungsverfahren gegen Menschenhandel zum Zwecke sexueller Ausbeutung wie nie zuvor - vermutet aber damit nur die Spitze des Eisbergs freigelegt zu haben. Die Ermittler berichten von einem besonders perfiden Trick, mit dem häufig Frauen aus schwarzafrikanischen Ländern gefügig gemacht werden: Die Zwangsprostituierten müssen sich vor ihrer Ausreise einem Voodoo-Ritual unterziehen. Aus Furcht vor Tod oder Krankheiten, wagen sie es nicht, aufzubegehren oder ihr Schweigegelübde zu brechen.

Menschenhändler in Hannover vor Gericht

Immer wieder kommen auch Fälle moderner Zwangsarbeit jenseits des Rotlichtmilieus an die Öffentlichkeit. Die Opfer sind oft Arbeiter ohne deutsche Papiere. Horrende Schleusergebühren schaffen Abhängigkeitsverhältnisse wie bei indischen Schuldknechten.

In einem derzeit ausgesetzten Prozess vor dem Landgericht Hannover muss sich beispielsweise eine chinesische Familie wegen Menschenhandels verantworten. Ihr wird vorgeworfen rund 100 Landsleute unter falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt zu haben. Für einen Stundenlohn von knapp zwei Euro und bei Arbeitszeiten von bis zu 90 Stunden die Woche seien die Chinaköche in Spezialitätenrestaurants zum Arbeiten gezwungen worden. Um einreisen zu können, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, hätten die chinesischen Köche zuvor Vermittlungsgebühren von bis zu 12000 Euro zahlen müssen.

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