Uno-Bericht Spur des Giftgases führt zu Assads Berg

Der Uno-Bericht über die Giftgasattacke in Damaskus gibt einige Hinweise auf die mutmaßlichen Täter: So ist die genaue Flugbahn einiger Raketen aufgelistet, sie wurden offenbar vom Kassiun-Berg aus abgeschossen. Dort befindet sich das Hauptquartier von Assads Elite-Einheit.
Militärstützpunkt: Der Kassiun-Berg liegt oberhalb von Damaskus

Militärstützpunkt: Der Kassiun-Berg liegt oberhalb von Damaskus

Foto: KHALED AL-HARIRI/ REUTERS

Vom Kassiun-Berg aus hat man den besten Blick über Damaskus. Die syrische Hauptstadt erstreckt sich zu seinen Füßen. Wenn die Sonne unterging, dauerte es nie lang, bis ein kleines buntes Band von Lichtern auf dem Berg erschien - Restaurants, in denen junge Pärchen die Aussicht genossen. Doch damit ist es seit knapp zwei Jahren vorbei.

Stattdessen werden jetzt Artillerie und Raketen vom Kassiun-Berg aus auf die Vororte von Damaskus abgeschossen. Teile des Berges, vor allem seine Spitze, waren schon immer militärisches Sperrgebiet. Doch seit Beginn der Aufstände in Syrien wurde die dort stationierte Elite-Division, die Republikanische Garde, noch einmal verstärkt.

Aus der Richtung des Kassiun-Berges, heißt es jetzt im Bericht  der Uno-Waffeninspektoren über den Chemie-Anschlag am 21. August, wurden mehrere Boden-Boden-Raketen abgefeuert, in deren Sprengköpfe jeweils 56 Liter Sarin, "plus / minus sechs Liter", gefüllt waren - riesige Mengen eines der tödlichsten Nervengifte.

Der Kassiun-Berg mit den dahinter liegenden Siedlungen vieler Militärs und dem Präsidentenpalast daneben ist das Zentrum der Macht von Baschar al-Assad. Während in vielen Teilen von Damaskus am Boden längst Rebellen die Macht übernommen haben und andere Stadtteile umkämpft sind, kann sich Assad im Nordosten der Hauptstadt halten.

Dort, im Westen der Bergspitze, soll die Republikanische Garde den Zugriff des Regimes auf Damaskus sichern, also beispielweise einen Putsch oder einen Aufstand abwehren. Der Uno-Bericht deutet darauf hin, dass die Elite-Truppe an dem verheerenden Giftgasanschlag beteiligt war.

Eigentlich durften die Uno-Waffeninspektoren sich zur Schuldfrage über den Anschlag am 21. August nicht äußern. Doch dieses Detail sowie einige andere in dem Bericht geben klare Hinweise auf die mutmaßlichen Täter.

  • Flugbahn: Insgesamt haben die Uno-Kontrolleure fünf Einschlagstellen untersucht. Nur für zwei konnten sie mit exakter Genauigkeit die Flugbahn der Giftgas-Raketen bestimmen und gaben sie in ihrem Bericht in Kompassgraden an. Die "New York Times"  und die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch  trugen die Uno-Angaben in eine Karte ein. Ergebnis: Die zwei Flugbahnen führen in den Nordosten von Damaskus. Sie kreuzen sich in einem Punkt: dem Hauptquartier der Republikanischen Garde auf dem Kassiun-Berg.
  • Geschosse: Die Uno kommt zum Ergebnis, dass Boden-Boden-Raketen mit 140- und 330-Millimeter Durchmesser eingesetzt wurden. Solch verhältnismäßig schwere Raketen müssen von kaum übersehbaren Startrampen abgeschossen werden. Es ist bekannt, dass die syrische Armee diese Raketen in ihrem Arsenal hat. In keinem Fall konnten diese Waffen bisher in der Hand von Rebellen dokumentiert werden, obwohl viele Experten genau beobachten und auflisten, welche Waffen die Aufständischen bereits besitzen.
  • Sarin-Menge: Die Uno-Inspektoren kamen zu dem Ergebnis, dass die Sprengköpfe der Raketen zwischen 50 und 62 Liter Sarin enthielten - eine riesige Menge. Sarin ist eine Flüssigkeit, die beim Einschlag der Raketen verdampft und als unsichtbares Nervengas wirkt. Insgesamt seien bis zu 350 Liter eingesetzt worden. Es war nach den Uno-Angaben der größte Chemie-Anschlag, seit Saddam Hussein 1988 in Halabdscha zwischen 3000 und 5000 Menschen vergaste. Eine derart große Menge von Sarin zu lagern und einzusetzen, setzt eine hohe Professionalität voraus.
  • Russland will sich nicht überzeugen lassen

    Als "nicht endgültig", jedoch "sehr vielsagend" bezeichnete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch den Uno-Bericht, der ihre Ergebnisse  bekräftigte. Die Organisation war zu dem Ergebnis gekommen, dass "die Indizien die Schuld der Kräfte des syrischen Regimes sehr nahelegen".

    Wenn Rebellen für die Attacke verantwortlich sind, hätten sie dafür Waffen einsetzen müssen, von denen nicht bekannt ist, dass sie sie besitzen.

    Russland und das syrische Regime geben weiterhin den Rebellen die Schuld. Untersuchungen, Beweise oder Indizien, die ihre These erhärten würden, blieben bisher beide schuldig. "Uns wurde gesagt, dass es Beweise gäbe", hieß es zuletzt aus Russland von Vizeaußenminister Sergej Rjabkow. Zuvor hatte Außenminister Sergej Lawrow  sich auf die Aussagen einer Assad-Anhängerin berufen, die unter anderem behauptete, dass überhaupt kein Chemiegaseinsatz stattgefunden habe.

    Vor der Veröffentlichung des Uno-Berichts hatten der amerikanische, britische und französische Geheimdienst ihre Erkenntnisse vorgelegt, die eine Täterschaft des Assad-Regimes nahelegten. Moskau hatte Washington daraufhin wiederholt aufgefordert, das Ergebnis der Uno-Untersuchung abzuwarten. Nun, da der Bericht vorliegt, hat Russland diesen als "parteiisch" kritisiert.

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