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04. Dezember 2009, 19:01 Uhr

Uno-Bericht über Massaker-Drahtzieher

Dossier des Grauens

Von , Nairobi, und Simone Kaiser, Frankfurt

Ein Uno-Bericht belastet einen mutmaßlichen Massaker-Drahtzieher aus dem Kongo schwer. Der 46-Jährige lebte jahrelang in Mannheim und hat offenbar von Deutschland aus Milizen in der Heimat gesteuert. Der Report gibt einen tiefen Einblick in Strukturen der FDLR - und ihre Brutalität im Krieg um Rohstoffe.

Das Gesicht von jugendlicher Frische, die Stimme eher leise, und privat ein liebevoller Familienvater, der seinen fünfjährigen Sohn ins Schwimmbad oder auf den Spielplatz begleitete: So sahen Freunde und Nachbarn Ignace Murwanashyaka. Der 46-jährige Ruander hatte im Rheinland studiert, später Asyl beantragt und sich in Mannheim niedergelassen.

Ermittler der Vereinten Nationen zeichnen nach akribischen, weltweiten Recherchen über die Gräuel im Kongo und das weit reichende Netzwerk der Täter jetzt ein etwas anderes Bild des gläubigen Christen. Ihr Bericht, den sie kürzlich vertraulich dem Uno-Sicherheitsrat vorgelegt haben, ist ein Dokument des Grauens.

Sie beschreiben Murwanashyaka als einen der zentralen Köpfe, verantwortlich für zahllose Verbrechen im östlichen Kongo. Als Präsident der FDLR, der "Demokratischen Kräfte für die Befreiung Ruandas", sei er zusammen mit seinem Vize Straton Musoni, 48, maßgeblich verantwortlich für das Leid in der Region. Musoni hat sich ebenfalls in Deutschland niedergelassen.

Die deutschen Behörden ahnten wohl, was der Report enthalten würde. Nach langem Zuwarten verhafteten sie Murwanashyaka und Musoni wenige Tage, bevor der Bericht den Sicherheitsrat erreichte.

"Ich weiß genau, was passiert"

Es scheint höchste Zeit, denn seit Jahren wird vermutet, dass Murwanashyaka von Deutschland aus die Fäden zieht, dass er Waffen und Geld organisiert, dass er Uno-Sanktionen unterläuft und in stetem engen Kontakt mit seinen Kommandeuren im kongolesischen Busch steht. Er selbst hatte sich öffentlich gerühmt, einer der entscheidenden Köpfe der FDLR zu sein: "Ich weiß genau, was passiert."

Die FDLR ist eine Ansammlung versprengter Hutu aus Ruanda, die sich nach dem Völkermord 1994 in den Kongo abgesetzt haben. Vor allem aber trägt die Miliz mit ihren bis zu 6000 Kämpfern maßgeblich dazu bei, dass der eigentlich reich gesegnete Osten des Kongo zu einer der elendsten Regionen der Erde verkommen ist. Millionen Menschen sind in den vergangenen 15 Jahren gestorben und vertrieben worden, Hunderttausende von Frauen wurden vergewaltigt, Zigtausende von Kindern an die Gewehre gezwungen.

Der Report gibt einen tiefen Einblick in die Strukturen der FDLR. Beeindruckend ist vor allem das internationale Netzwerk. Innerhalb eines knappen Jahres, so der Bericht, telefonierten FDLR-Generäle aus dem Kongo in 25 afrikanische und westeuropäische Ländern, auch nach Kanada und in die USA. Die zentralen Kommandos ließen sie sich nach Ansicht der Ermittler jedoch jeweils aus Frankreich und Deutschland erteilen.

SMS vor dem Massaker?

Dem nun verhafteten Murwanashyaka wirft der Report mehrere sehr konkrete Tatbezüge vor. Darunter jene vom 10. Mai dieses Jahres, als seine FDLR im 15.000-Einwohner-Städtchen Busurungi in Nord-Kivu mindestens 60 Zivilisten umbrachte, vermutlich sogar einige Dutzend mehr. Einen Tag vor dem Massaker erhielt Murwanashyaka demnach vier Textnachrichten von zwei Satellitengeräten, die im unmittelbaren Umfeld seines Oberkommandierenden im Einsatz waren. Auf die letzte Nachricht soll er nur Sekunden später geantwortet haben. Eine weitere SMS erhielt er laut Bericht nahezu zeitgleich mit dem Ende des Massakers.

Das alles legt nahe, so heißt es in dem Bericht, "dass Herr Murwanashyaka zumindest über die Vorbereitung des Angriffs informiert gewesen sein muss und er direkt an dem Befehl zum Angriff beteiligt gewesen sein könnte".

Der Anwalt von Ignace Murwanashyaka, Steffen Gallas aus Mannheim, weist auch diese neuerlichen Vorwürfe zurück. "Mein Mandant wird diesen Vorwürfen inhaltlich entgegentreten."

Insgesamt wollen die Ermittler innerhalb eines knappen Jahres mehr als 240 Telefonate zwischen dem FDLR-Boss und seinen Kommandeuren im Kongo registriert haben.

Anhand von Überweisungskopien meinen die Uno-Rechercheure zudem nachweisen zu können, dass Murwanashyaka offensichtlich eine Reihe von Helfern in Deutschland hatte. Er selbst kann über Banken keine Überweisungen mehr ins Ausland vornehmen, seit er 2005 auf die EU-Embargo-Liste geriet. Umso fleißiger sollen andere gewesen sein, etwa die Ehefrau seines Kompagnons Musoni. Die Ermittler sind sich sicher: Auf ihren Namen wurde im Kongo Geld einbezahlt, in der Regel in bar über die weltweit agierende Transfergesellschaft Western Union. Damit beglich die FDLR teure Telefonrechnungen, aber auch Behandlungskosten für erkrankte oder verletzte FDLR-Kommandeure.

Umgekehrt fiel den Uno-Leuten offenbar eine Vielzahl von Belegen für Überweisungen von Deutschland in den Kongo in die Hände.

Die Ehefrau von Straton Musoni ist angesichts der Vorwürfe schockiert. Die Deutsche lebt schon seit längerer Zeit getrennt von ihrem Mann, das Scheidungsverfahren läuft, sie kommunizieren vorwiegend über ihre Anwälte.

Doch seit seiner Verhaftung ist ihr bürgerliches Leben im beschaulichen schwäbischen Neuffen völlig auf den Kopf gestellt. Reporter bedrängen die gemeinsamen Kinder, ständig klingelt das Telefon. Sie fragt sich heute, wer dieser Straton Musoni eigentlich wirklich ist, mit dem sie einst eine Familie gründete, mit dem sie verheiratet war. "Ich wusste zwar, dass mein Noch-Ehemann politisch tätig war, aber er hat alles stets nur im besten Licht dargestellt. Ich persönlich hatte doch überhaupt nichts mit seinen politischen Aktivitäten zu tun", erklärt sie.

Sie habe keine Überweisungen, wie im dem Bericht aufgelistet, durchgeführt, erklärt Frau Musoni dem SPIEGEL. Sie sagt: "Ich kann mich nur daran erinnern, dass wir einmal knapp 150 Euro per Western Union nach Afrika geschickt haben. Ich habe meinen Mann gefragt, wofür das Geld denn bestimmt sei, und er sagte nur, er wolle einfach jemandem helfen, der gerade in Geldnot sei."

Der Anwalt von Straton Musoni wollte am vergangenen Freitag zu den Vorwürfen keine Stellungnahme abgeben.

Kritik an deutscher Justiz

Dies war alles bekannt, dennoch fiel den deutschen Behörden das Zuschauen offenbar leichter als das Zuschlagen. So geizt der Report auch nicht mit Vorhaltungen gegen die deutsche Justiz. Auf die Bitte der Uno-Experten nach Kopien des Schriftverkehrs aus Murwanashyakas gesperrtem E-Mail-Account gab es aus Deutschland keine Antwort. Auf die Bitte der Überprüfung von Geldtransfers aus dem Kongo nach Deutschland gab es ebenfalls keine Antwort. Und die Deutschen versagten ihre Hilfe offenbar auch der Bitte, bestimmte Telefonnummern in Deutschland zu identifizieren, von denen aus regelmäßig Satellitentelefone im Kongo angewählt wurden.

Gesponsert wurden die Verbrecher erstaunlicherweise aber auch von staatlichen und kirchlichen Einrichtungen in Europa. So ließ etwa die Regierung der Balearen jetzt über Mittelsmänner der FDLR "regelmäßige finanzielle, logistische und politische Unterstützung" zukommen, und auch Mitglieder der katholischen Kirche in Italien, so die Ermittler, halfen finanziell und logistisch aus. Ein italienischer Missionar im Ost-Kongo reichte in Europa gesammeltes Geld an die Miliz weiter.

Letztlich erklärt der Report auch, warum es im Kongo auf absehbare Zeit wohl keinen Frieden geben wird: Es gibt zu viele Akteure, die von dem Reichtum der Region und der umfassenden Anarchie profitieren. Spitzengeneräle der kongolesischen Armee zweigen Waffen an die FDLR ab, anstatt sie zu bekämpfen. Milizen und reguläre Soldaten sichern die Minen und erheben Abgaben auf den Transport, teilweise sind Minister in Kinshasa beteiligt, zwischen Goma, Kampala, Bujumbura und Dubai machen Hunderte von Händlern mit Kongo-Gold ihren Schnitt, in Russland und der Ukraine sorgen Waffenfirmen für Nachschub, und selbst arrivierte Fluglinien wie Emirates oder Kenya Airways, so der Bericht, profitieren von dem Raubbau im Kongo. Allein an Gold wird jährlich Ware im Wert von rund 1,2 Milliarden Dollar aus dem Kongo herausgeschmuggelt. Und es gibt viele Rohstoffe in der Region.

So hat auch die FDLR bisher allen Versuchen, ihren Radius einzuengen, erfolgreich widerstanden. Eine militärische Offensive zu Beginn des Jahres durch die kongolesischen Regierungstruppen und den Verlust von rund tausend Kämpfern, die die Waffen niederlegten, parierte die Truppe ohne größere Schwierigkeiten, indem sie ihr Aktionsgebiet verlegte und in Flüchtlingslagern neue Anhänger rekrutierte.

Der Rat der Ermittler ist jedenfalls eindeutig: "Aushebeln lässt sich das FDLR-Netzwerk durch eine gemeinsame und kohärente Vorgehensweise all der Staaten, die für die FDLR als Rückzugsgebiet dienen."

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