Uno-Friedenseinsätze Hoffnung und Desaster

Seit Gründung der Vereinten Nationen im Jahre 1948 sind immer wieder Friedenseinsätze geleistet worden. 54-mal schickte die Organisation Blauhelme in ferne Krisengebiete. Statt Frieden zu schaffen, endeten einige Einsätze allerdings in einem Debakel.

Von Marion Kraske


Französische Kfor-Einheiten im August 1999 in Mitrovica: Albaner und Serben auf Distanz halten
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Französische Kfor-Einheiten im August 1999 in Mitrovica: Albaner und Serben auf Distanz halten

Hamburg - Das Versagen hat einen Namen: Srebrenica. Als im Juni 1995 Serben die ostbosnische Stadt eroberten und begannen, muslimische Männer und Jungen von ihren Frauen zu trennen und abzutransportieren, schauten die dort stationierten niederländischen Soldaten und Offiziere der Uno-Schutztruppe weitgehend tatenlos zu. Die Selektion von Srebrenica, das zur Schutzzone erklärt worden war, endete mit einer Massenhinrichtung. 8000 muslimische Männer wurden bestialisch ermordet.

Für den Krieg in Bosnien wurde Srebrenica zum Symbol für unvorstellbare Gräuel, für die Uno steht der Namen für ein unvergleichliches Debakel. Seitdem lasten die Versäumnisse in Srebrenica auf der Uno wie ein Damokles-Schwert.

Nach dem Massaker startete die Nato ihre Luftangriffe, einige Monate später unterzeichnete Serbenführer Slobodan Milosevic das Friedensabkommen von Dayton.

Waterloo bei der Wiederherstellung der Hoffnung

Das Versagen der Blauhelme ist indes keine Ausnahme. Auch der Somalia-Einsatz, der 1992 begann, endete für die Uno-Truppe in einem Desaster. Die Mission "Restore Hope" wurde bereits nach zwei Jahren eingestellt - ohne die gesteckten Ziele erreicht zu haben.

Ursprünglich wollten die Truppen eine Hungerskatastrophe verhindern. Die Kämpfe zwischen den einmarschierten amerikanischen Einheiten und den somalischen Warlords eskalierten jedoch; aus der Operation Hoffnung wurde das Prinzip Rückzug. Mehrere Teilnehmer der Aktion Unosom kamen ums Leben.

Auch den Kongo mussten die Blauhelme wieder verlassen, in den sie 1960 eingerückt waren, ohne die Situation stabilisieren zu können. In Sierra-Leone wurden Blauhelme von Rebellen entführt und getötet.

Tote für den Frieden

Getöteter US-Pilot in Somalia: Operation Hoffnung wurde schon nach zwei Jahren begraben
AFP

Getöteter US-Pilot in Somalia: Operation Hoffnung wurde schon nach zwei Jahren begraben

Seit Beginn der Blauhelmmissionen vor 50 Jahren starben mehr als 1500 Uno-Mitglieder im Einsatz für den Frieden. Denn nicht immer wird der Versuch, von außen Frieden zu schaffen, von allen Parteien gestützt. Dieses Dilemma bei den Friedensmissionen umriss der ehemalige Präsident der Uno-Generalversammlung, Diego Fraitas do Arnaral, mit den Worten: "Die Uno kann bei der Umsetzung von Friedensabkommen helfen, aber sie kann keinen Krieg stoppen, wenn jedermann Krieg führen will."

Das Manko der Friedenseinsätze lässt sich auf eine einfache Formel bringen: Die Zahl der Blauhelme war oft zu gering, die Ausstattung zu schlecht, das Ziel der Operation zu unklar definiert.

Robustes Mandat

Deshalb häufen sich die Forderungen nach einem robusten Peace-keeping wie beispielsweise in Bosnien und im Kosovo. Die zivilen Uno-Missionen wurden seit 1995 zunächst von der Ifor, dann von der Sfor militärisch unterstützt. Sechs Jahre nach dem Krieg halten sich nach wie vor Sfor-Einheiten in Bosnien auf. Von Frieden ist indes noch immer keine Spur. Es ist die Abwesenheit von Krieg, die die politische Großwetterlage in dem Teilgebiet des ehemaligen Jugoslawien kennzeichnet. Angesichts der erschreckenden Kriegsgeschehnisse ist das jedoch immerhin ein Fortschritt, der als Erfolg gewertet werden muss.

Nato-Einsatz in Mostar: Einhaltung des Dayton-Abkommens wird mit militärischen Mitteln überwacht
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Nato-Einsatz in Mostar: Einhaltung des Dayton-Abkommens wird mit militärischen Mitteln überwacht

Mit spektakulären Aktionen wie zum Beispiel der Erstürmung kroatischer Banken in mehreren bosnischen Städten im Frühling dieses Jahres sorgen Sfor-Einheiten immer wieder für Ordnung zwischen den verfeindeten drei Volksgruppen, den Serben, Kroaten und Muslimen.

Einhaltung von Abkommen mit Waffengewalt

Da die Kroaten die im Dayton-Vertrag festgelegte gemeinsame Föderation mit den Muslimen aufbrechen wollen, ist jedoch der politische Zündstoff in der Region weiter existent. Eine dauerhafte Stabilisierung ist daher auf unabsehbare Zeit davon abhängig, dass die stationierten ausländischen Truppen über die Einhaltung des Abkommens wachen.

Nicht Friede, sondern Abwesenheit von Krieg: Unruhen im April dieses Jahres in Bosnien hielten auch fast sechs Jahre nach Ende des Krieges an
DPA

Nicht Friede, sondern Abwesenheit von Krieg: Unruhen im April dieses Jahres in Bosnien hielten auch fast sechs Jahre nach Ende des Krieges an

Ähnliches gilt auch für das Kosovo, das seit der Kfor-Präsenz im Juni 1999 de facto ein Uno-Protektorat darstellt, in dem Serben und Albaner möglichst auf sichere Distanz gehalten werden. Symbol für die Auseinandersetzung in der jugoslawischen Krisenprovinz ist die geteilte Stadt Kosovska Mitrovica, in der die Kfor-Einheiten immer wieder das gewaltsame Aufeinandertreffen der beiden Bevölkerungsgruppen - zum Teil unter Einsatz von Waffengewalt - verhindern mussten. Immerhin fanden unter Aufsicht der OSZE im November die ersten allgemeinen Wahlen seit Ende des Krieges statt. Von einer friedlichen Zukunft ist der Kosovo allerdings noch weit entfernt.

Ein schwerer Kampf, wenn auch ein erfolgreicher, war die Befriedung Ost-Timors, das 1975 von Indonesien gewaltsam annektiert worden war. Nachdem die indonesischen Besatzer jahrelang Massaker an der überwiegend christlichen Bevölkerung verübt hatten, gelang es Eingreiftruppen der Uno 1999, die pro-indonesischen Milizen zurückzudrängen. Im Februar 2000 konnte die Einsatztruppe Interfet das Land an die Uno-Blauhelme zur Verwaltung übergeben. Nun befindet sich Osttimor auf dem Weg in die Unabhängigkeit - auch Dank des Einsatzes der Vereinten Nationen.

Sicherung von Kabul

Auch der Einsatz in Afghanistan wird die Soldaten vor große Herausforderungen stellen. Experten gehen von einer der schwierigsten Friedensmissionen aus, die es je gegeben hat.

Australische Soldaten beim Einsatz in Osttimor
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Australische Soldaten beim Einsatz in Osttimor

In dem Land, das in den letzten 23 Jahren immer wieder blutige Kriege erlebte und die Bewaffnung jedes Einzelnen zum normalen Alltagsbild gehört, wäre die Entsendung von normalen Blauhelmen geradezu fahrlässig. Sie wären heillos überfordert, da das Land am Hindukusch anarchische Züge trägt und viele den Einsatz ihrer Kalaschnikoff zur Durchsetzung ihrer Ziele für ein legitimes Mittel halten.

Nach dem Willen der Uno wird die Schutztruppe in Afghanistan zwar mit einem robusten Mandat ausgestattet, mit bis zu 5000 Mann wird die Operation jedoch nicht nur zahlenmäßig stark beschränkt bleiben, auch deren Dauer ist befristet: Avisiert sind sechs Monate. Zudem ist lediglich die Entsendung von Soldaten nach Kabul geplant. Hier soll die künftige Übergangsregierung geschützt, Verbindungswege in der Umgebung sollen kontrolliert werden. Angesichts dieser eingeschränkten Aufgaben werden marodierenden Banden, machtverliebten und skrupellosen Warlords immer noch genügend Möglichkeiten bieten, ihre Ziele zu verfolgen. Schwierigkeiten sind da wohl programmiert.

Um gewaltbereite Gruppen nötigenfalls in Konfliktregionen in ihre Schranken weisen zu können, hatte der Afghanistan-Beauftragte der Vereinten Nationen schon vor Wochen gefordert, Blauhelme künftig nur noch mit einem robusten Mandat auszustatten. Und auch Generalsekretär Kofi Annan warnte: "Die Glaubwürdigkeit der Weltorganisation steht auf dem Spiel."



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