Clinton und Trump bei der Uno Ein Gipfel, zwei Weltordnungen

In Manhattan hat der Uno-Gipfel begonnen. Die Tagung wird überlagert vom US-Wahlkampf: Alle schauen bereits auf Hillary Clinton und Donald Trump und ihre völlig unterschiedlichen Pläne für Amerikas Rolle in der Welt.

US-Flagge vor Manhattan
REUTERS

US-Flagge vor Manhattan

Aus New York berichtet


Der jährliche Uno-Gipfel ist stets ein besonderes Spektakel. Für eine Woche leidet Manhattan unter Absperrungen und Dauerstau. In der Zentrale der Vereinten Nationen direkt am East River geben sich die Staatschefs der Welt die Klinke in die Hand. Gemeinsam beraten sie über die großen Krisen des Planeten, aber weil nirgends so viel Prominenz an einem Ort versammelt ist, wie im Herbst in New York, ist der Gipfel immer auch eine große Show.

In diesem Jahr gilt das ganz besonders. Barack Obama, der US-Präsident gibt seine Abschiedsvorstellung, und die Frage, wer ihm im Weißen Haus nachfolgt, überlagert das Treffen selbst und viele Gespräche am Rande. Kein Land hat ähnlichen Einfluss auf die Vereinten Nationen wie die USA, aber wie die Außen- und Sicherheitspolitik Amerikas nach dem 8. November aussieht, welche Interessen das Land verfolgt, kurzum: Welche Rolle Amerika für sich selbst auf der Weltbühne vorsieht, ist völlig unklar. Die Vorstellungen von Hillary Clinton und Donald Trump könnten unterschiedlicher kaum sein.

Beide Kandidaten nutzen das Treffen der Mächtigen, um schon einmal für das wichtigste Amt in den USA zu proben. Ihre Terminkalender erlauben einen Blick darauf, wie sie ihr Land nach einem Wahlsieg positionieren würden. Grob formuliert ist es so: Clinton würde ihre Politik stark an den traditionellen Verbündeten und alten Leitlinien der amerikanischen Außenpolitik ausrichten, Trump dagegen möglicherweise völlig neue Allianzen schmieden. Er hält die amerikanische Außenpolitik der vergangenen Jahre - und nicht zuletzt Clintons Beitrag dazu - für gescheitert und will mit etlichen Traditionen brechen.

Beispiel Russland: Hillary Clinton streute früh, dass sie sich in New York mit Petro Poroschenko treffen werde, dem ukrainischen Präsidenten. Das Gespräch der beiden - gleich zu Beginn des Uno-Gipfels am Montag - sollte in mehrfacher Hinsicht eine deutliche Botschaft sein. Clinton will sich als jene Kandidatin präsentieren, die das Interesse der osteuropäischen Staaten im Blick hat und Moskau gegenüber eine harte Linie fahren wird. Sie will alten Alliierten amerikanische Treue versichern und der Weltgemeinschaft zeigen, dass die US-Außenpolitik unter ihr vergleichsweise berechenbar wäre. Dass ein solches Bekenntnis im Wahlkampf überhaupt nötig ist, ist überraschend genug, aber Donald Trumps bemerkenswerte Kumpanei mit Russlands Präsident Wladimir Putin hat auch im Lager der Republikaner zu der Sorge geführt, dass der Milliardär eine völlig unberechenbare Außenpolitik verfolgen könnte. Dazu gehört nicht zuletzt auch seine Ankündigung, als Präsident das amerikanische Engagement innerhalb der Nato zu überprüfen - eine Forderung, die Clinton ablehnt.

Beispiel Asien: Auf Clintons Programm in New York stand am Montag auch ein Gespräch mit Shinzo Abe. Das Treffen mit Japans Premier hatte ebenfalls große Symbolik. Die Demokratin wollte unterstreichen, für wie wichtig sie das Bündnis mit der Regierung in Tokio hält, um das aufstrebende China in Schach zu halten. Unter ihr wäre Japan der Anker Amerikas in Asien, der stärkste Partner auf einem Kontinent mit vielen Krisen. Auch hier vertritt Trump völlig andere Positionen. Das amerikanische Engagement in Asien hält Trump für kontraproduktiv. Die Milliarden, die die USA ihren Verbündeten in Fernost jährlich als Hilfe überweisen, würde er lieber für innenpolitische Projekte verwenden. Als Zeichen dafür, wie ernst er es meint, riet er im Wahlkampf Japan unlängst, sich künftig Nuklearwaffen anzuschaffen, um sich im Falle eines amerikanischen Rückzugs wieder stärker selbst verteidigen zu können.

Beispiel Mittlerer Osten: Beide Kandidaten trafen sich am Montagabend mit Abdel Fattah el-Sisi und Trump und Clinton machten aus ihren Treffen eine Art Wettlauf darum, wer Ägyptens Staatschef näherkam. El-Sisi ist ein fragwürdiger Herrscher, aber in der Region und in Fragen des Anti-Terror-Kampfs ein äußerst wichtiger Player. Wir haben einen kurzen Draht in den Mittleren Osten, das wollten Clinton und Trump mit dem Treffen signalisieren. Wie unterschiedlich sie die Rolle Amerikas in der Region verstehen, blieb dabei etwas zurück. Trump hält die USA seit Jahren für überengagiert, will sämtliche Kräfte bündeln, um den "'Islamischen Staat' zu zerstören und in die Hölle zu bomben". Clinton sieht den Anti-Terror-Kampf als Teil eines Gesamtansatzes im Mittleren Osten, der auch eine Stabilisierung Syriens, eine Beruhigung Iraks und Afghanistans umfasst und möglicherweise gar einen Neuanlauf des israelisch-palästinensischen Friedensprozesses.

Noch sind es knapp zwei Monate bis zur Wahl. Und noch ist jemand anders Präsident. Aber wenn Barack Obama an diesem Dienstag ein letztes Mal vor der Uno auftritt, dürfte auch er indirekt klarmachen, dass die Wahl über seine Nachfolge erhebliche Auswirkungen auf die Weltgemeinschaft haben könnte.



insgesamt 91 Beiträge
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Fragen&Neugier 20.09.2016
1. Imperium oder Kooperation?
In Schach halten, das war das Rezept des Friedensnobelpreisträgers Barack Obama. Die USA werden nicht den ganzen Planeten auf Dauer in Schach halten können, weder militärisch noch wirtschaftlich. Niemand hätte geglaubt, dass ausgerechnet Obama den Imperialismus neu beleben würde. Kooperation verspricht mehr und ist realistischer. Trump wird gewinnen.
bruno_67 20.09.2016
2.
"Trump dagegen möglicherweise völlig neue Allianzen schmieden. Er hält die amerikanische Außenpolitik der vergangenen Jahre - und nicht zuletzt Clintons Beitrag dazu - für gescheitert und will mit etlichen Traditionen brechen." Gut, dass die amerikansiche Außenpolititk auch von amerikanischer Seite endlich mal realisitsch eingeschätzt wird. Da es derzeit kaum schlimmer werden kann, (Clintons demonstratives Kuscheln mit Poroschenko lässt nichts Gutes ahnen), sollten wir mal vorurteilsfrei drüber nachdenken, on ein Wahlsieg Trumps nicht sogar eher in unserem Interesse (der Europäer) sein könnte als ein verschärftes "Weiter wie bisher" mit Clinton.
De facto 20.09.2016
3. Weniger ist mehr
In diesem Fall finde ich Trumps Ansatz besser - weniger Einmischung in der Welt (Irak, Lybien, Afganistan etc) wäre für den Weltfrieden ein Segen. EU müsste natürlich mehr für die eigene Verteidigung machen aber auch das kann man aus amerikanischer sicht gut verstehen.
ackergold 20.09.2016
4.
Warum zeigt man so groß die US-Flagge, wenn es sich um einen UNO-Gipfel handelt? Die USA ist immer noch nicht die UNO.
RenegadeOtis 20.09.2016
5.
Zitat von De factoIn diesem Fall finde ich Trumps Ansatz besser - weniger Einmischung in der Welt (Irak, Lybien, Afganistan etc) wäre für den Weltfrieden ein Segen. EU müsste natürlich mehr für die eigene Verteidigung machen aber auch das kann man aus amerikanischer sicht gut verstehen.
Könnten Sie diesen Satz, der wirklich häufig geäußert wird, mit etwas faktenbasierten Material unterlegen? Gehen wir mal davon aus, dass die USA und die NATO sich nicht finanziell und militärisch mehr beteiligen. Welche Mechanismen verhindern Ihrer Meinung nach dann Kriege zwischen Nord- und Südkorea, Indien und Pakistan, Pakistan und Iran, Iran und quasi alle Drumherum, Israel und quasi alle Drumherum etcpp? De facto wäre das ein Zustand wie heutzutage in Afrika (wo es halt schlichtweg niemand interessiert, wenn Rwanda im Genozid versinkt oder ganze Staaten in opponierenden Kinderarmeen versinken (siehe Kony)). Egal wie kritisch man den "Hegemon" USA sieht: Ich zweifle an der pauschalen Milch-und-Honig-fließen-Aussage "Das ist besser für den Weltfrieden".
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