Uno-Konferenz in Nairobi Frauenrechte stärken, Bevölkerungswachstum bremsen

In 30 Jahren könnten zehn Milliarden Menschen auf der Welt leben. Um die Bevölkerungsexplosion zu bremsen, beraten in Kenia Vertreter aus 165 Ländern. Ein Ziel: Verhütung und Sexualaufklärung enttabuisieren.

Wie lässt sich das Wachstum der Weltbevölkerung begrenzen? Mit dieser Frage beschäftigt sich bis Donnerstag eine Uno-Konferenz in der kenianischen Hauptstadt Nairobi.

Für die Beteiligten steht fest: Eine wichtige Rolle spielt dabei die Stärkung von Frauenrechten. Ziel der Konferenz ist es, bis 2030 die Müttersterblichkeit und Gewalt gegen Frauen zu beenden und allen Menschen Zugang zu Verhütungsmitteln zu verschaffen.

"Den Zeitpunkt und die Zahl der Kinder zu bestimmen, ist ein Menschenrecht", sagte die stellvertretende Uno-Generalsekretärin Amina Mohammed bei der Eröffnung der dreitägigen Uno-Weltbevölkerungskonferenz. Dabei müssten Tabus rund um sexuelle und reproduktive Gesundheit - etwa Verhütung und Sexualaufklärung - gebrochen werden, forderte Kronprinzessin Mary von Dänemark. "Es ist nicht leicht, sich mit sexueller und reproduktiver Gesundheit und Rechten zu beschäftigen und darüber zu reden", sagte sie. "Doch sie müssen angesprochen werden."

Dänemark, vertreten durch Kronprinzessin Mary (li.), ist mit dem Uno-Bevölkerungsfond Kenia Organisator des Gipfels

Dänemark, vertreten durch Kronprinzessin Mary (li.), ist mit dem Uno-Bevölkerungsfond Kenia Organisator des Gipfels

Foto: Daniel Irungu/ EPA-EFE/ REX

Derzeit leben 7,6 Milliarden Menschen auf der Welt, bis 2050 werden es laut einer Uno-Prognose fast zehn Milliarden sein. In Afrika soll sich demnach die Bevölkerung bis dahin verdoppeln.

Vatikan verweigert Teilnahme wegen "kontroverser und spaltender Themen"

Aus deutscher Sicht sei das Bevölkerungswachstum "eine der zentralen Fragen" in der Entwicklungspolitik, sagte Maria Flachsbarth, Staatssekretärin im Entwicklungsministerium. Es stelle "letztendlich alle Ziele, alle Erfolge, die wir in unserer Entwicklungspolitik haben, infrage", so Flachsbarth.

Deutschlands Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) nimmt nicht an der Konferenz teil. Im Deutschlandfunk sagte er, der Zugang zu Bildung und zu Gesundheitssystemen seien Schlüssel, um die hohen Geburtenzahlen zu reduzieren. "Mit diesen zwei Faktoren sinkt die Kinderzahl pro Frau automatisch", so Müller. Entscheidend sei, dass Frauen selbst bestimmen können, wie viele Kinder sie bekommen. "Das heißt Gleichberechtigung der Frau", sagte Müller.

Verschiedene religiöse Gruppen protestierten in Nairobi vor dem Gipfel gegen Abtreibung

Verschiedene religiöse Gruppen protestierten in Nairobi vor dem Gipfel gegen Abtreibung

Foto: Daniel Irungu/ EPA-EFE/ REX

Abtreibung und Verhütung - die Ziele lösen Kontroversen aus

Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung gab vorab ein Papier heraus, indem festgestellt wird: Weltweit steigt der Widerstand gegen das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Als Beispiele nennt das Institut unter anderem rechtspopulistische Kräfte in Europa, die katholische Kirche oder die politische Agenda von US-Präsident Donald Trump.

Auch auf dem Gipfel in Nairobi übten Gegner und religiös geprägte Organisationen Kritik an den Themen der Konferenz. Der Vatikan etwa beschloss, nicht an dem Treffen in der kenianischen Hauptstadt teilzunehmen. Die Entscheidung der Organisatoren, "auf kontroverse und spaltende Themen zu fokussieren", sei bedauerlich, teilte das Uno-Büro des Vatikans mit. Das Programm der Konferenz solle nicht auf "sogenannte sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte reduziert werden", hieß es.

Reproduktive Gesundheit und Rechte bezeichnen meist das Recht darauf, die Zahl der Kinder selbst zu bestimmen, sowie den Zugang zu Informationen über Verhütung und medizinischer Behandlung während der Schwangerschaft und Geburt.

800 Frauen sterben täglich wegen Komplikationen während der Schwangerschaft

Die Organisatoren des Gipfels - der Uno-Bevölkerungsfond (UNFPA) und die Regierungen Kenias und Dänemarks - fordern von den Beteiligten, das sogenannte Kairoer Aktionsprogramm von 1994 endlich umzusetzen. Darin verbrieften die Vertreter der Weltgemeinschaft das Recht jedes Einzelnen, frei über den eigenen Körper, die eigene Partnerschaft sowie über die Zahl und den Altersabstand der eigenen Kinder zu bestimmen. Das Ziel soll bis zum Jahr 2030 erreicht werden.

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist die Müttersterblichkeitsrate seit 1990 zwar um etwa 45 Prozent gesunken. Allerdings sterben demnach noch immer etwa 800 Frauen pro Tag wegen Komplikationen während der Schwangerschaft oder der Geburt.

Für die Ziele werden nach Angaben der UNFPA in den kommenden zehn Jahren weltweit 264 Milliarden Dollar benötigt, umgerechnet etwa 239 Milliarden Euro. Diese Zahl sei gering im Vergleich zu dem, was an Geldern zur Verfügung stünde und wie viel die Menschen von der Investition profitieren würde, sagte die UNFPA-Exekutivdirektorin Natalia Kanem.

An der Konferenz in Kenias Hauptstadt nehmen mehr als 6000 Menschen aus mehr als 165 Ländern teil. Der Gipfel ist keine offizielle Uno-Konferenz. Die Beteiligung der Staaten ist freiwillig, die Abschlusserklärung nicht bindend.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

mst/dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.