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Millennium-Dorf Mbola: Erst Prestigeprojekt, dann wieder nur ein Dorf

Foto: Christian Werner

Uno-Millennium-Dörfer Was bleibt von den 600 Millionen Dollar?

Zehn Jahre viel Geld in die abgelegensten Dörfer: So sollten Armut, Hunger und Krankheiten in Afrika besiegt werden. Was hat das Prestigeprojekt der Uno gebracht? Besuch in einem der zwölf "Millennium-Dörfer".
Aus Mbola, Tansania, berichten Marius Münstermann und Christian Werner (Fotos)

Der Weg in das Dorf, das mit viel Geld von den Geißeln der Menschheit befreit werden sollte, führt über eine Piste aus rötlichem Schotter, vorbei an hohen Palmen und ausladenden Mangobäumen. Dazwischen, im hüfthohen Gras, stehen vereinzelt Häuser aus Lehmziegeln, manche mit Wellblechdächern, die meisten reetgedeckt.

Das Dorf Mbola ist vielmehr eine Streusiedlung im Herzen Tansanias. "Früher ging es in Mbola täglich im wahrsten Sinne des Wortes um Leben und Tod", sagt Gerson Nyadzi. "Diese Straße, über die man heute Mbola erreicht, rettet Leben."

Das Dorf war nur auf einem sandigen Pfad zu erreichen, die Leute mussten mit Fahrrädern oder den wenigen Mopeds 13 Kilometer durch den Busch. "Werdende Mütter sind auf dem Weg ins Krankenhaus verblutet", sagt Nyadzi. "Heute ist in Mbola vieles besser." Nicht allein wegen der Straße.

Nyadzi muss es wissen. Zehn Jahre lang war er der Leiter eines Programms, das sich nicht weniger vorgenommen hatte, als Dörfer wie Mbola in jeder Hinsicht zu entwickeln.

Das Millennium Villages Project in Tansania umfasste Mbola und 19 umliegende Dörfer mit insgesamt knapp 40.000 Einwohnern

Das Millennium Villages Project in Tansania umfasste Mbola und 19 umliegende Dörfer mit insgesamt knapp 40.000 Einwohnern

Foto: Christian Werner

Wieso sterben noch immer Kinder an heilbaren Krankheiten? Wieso gehen noch immer Millionen Menschen hungrig zu Bett? Auf diese existenziellen Fragen gaben Kofi Annan, der damalige Generalsekretär der Vereinten Nationen, und der Ökonom Jeffrey Sachs im Jahr 2005 eine einfache Antwort: Den Armen fehle es an Geld. Und sie nannten eine konkrete Summe: Zwischen 101 und 127 US-Dollar pro Kopf und Jahr würden für die Menschen in Dörfern wie Mbola eine gewaltige Verbesserung bringen .

Wer diese Summe jährlich über einen Zeitraum von zehn Jahren investiert, würde das Leben von Milliarden Menschen nachhaltig verbessern. So lautete ihre Prämisse, die sie im Rahmen des Millennium Villages Project (MVP) in zwölf ausgewählten Orten in zehn Ländern Subsahara-Afrikas überprüfen wollten. Das Programm sollte beweisen, wie sich Armut ein für alle Mal bekämpfen ließe.

Finanziert wurde das Vorhaben von mehr als 200 Institutionen, Stiftungen und Konzernen, darunter das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen, Nestlé, Unilever oder die Pepsi-Stiftung. Madonna, Angelina Jolie und Bono warben für das Programm, Tommy Hilfiger entwarf eine eigene Kollektion. Um die 600 Millionen Dollar flossen in das Projekt, schätzt der Stanford-Professor Eran Bendavid.

Kann Geld strukturelle Probleme beseitigen? In Mbola fällt die Bilanz vier Jahre nach Ende des Projekts gemischt aus. Es war ein ambitioniertes Lehrstück, das zwar einige Veränderungen gebracht, aber auch etliche Probleme neu aufgeworfen hat.

Gerson Nyadzi leitete das Programm in Mbola

Gerson Nyadzi leitete das Programm in Mbola

Foto: Christian Werner

Die Projektleiter um Jeffrey Sachs vom Earth Institute der Columbia University in New York City, das für die wissenschaftliche Begleitung des Programms zuständig war, veröffentlichten enthusiastische Berichte, in denen sie das Programm als "Lösung für extreme Armut" und "solide Basis für nachhaltiges Wachstum" anpriesen. In ihrer Abschlussstudie, die 2018 im medizinischen Fachmagazin "The Lancet" erschien, betonten die Verantwortlichen "signifikant positive Auswirkungen in den Bereichen Landwirtschaft, Ernährung, Bildung, Kinder- und Müttergesundheit, HIV und Malaria sowie Wasserversorgung und Hygiene".

Doch es hagelte Kritik an dieser wohlklingenden Analyse. Externe Wissenschaftler wiesen bereits zur Halbzeit des Programms im Jahr 2011 gravierende statistische Mängel und Fehlinterpretationen  nach: "Wegen der mangelhaften Evaluationsmethoden ist es unmöglich zu wissen, ob das Programm seine Ziele erreicht  hat." So fehle es an Daten aus der Zeit vor Beginn des Programms und an Vergleichsgruppen aus Dörfern, die nicht Teil des Projekts waren.

Von Anfang an gab es noch grundlegendere Kritik: Die Idee, für die Bekämpfung der Armut bedürfe es eines "großen Schubs", also millionenschwerer Investitionen, stülpe den Menschen in den ausgewählten Dörfern eine Vorstellung von Entwicklung über, die zuvor am Schreibtisch von Forschern erdacht wurde, denen jeder Bezug zur Realität in den Dörfern fehle .

Imker Shaban Lusiga, 58: "Die meisten bauen jetzt wieder Tabak an"

Imker Shaban Lusiga, 58: "Die meisten bauen jetzt wieder Tabak an"

Foto: Christian Werner

Auf Kinyamwezi, der lokalen Sprache, bedeutet Mbola, der Name des Dorfs, "Bienenstich". Die Region ist berühmt für ihren dunklen Honig. Früher schlugen die Einwohner die Waben wilder Bienenvölker aus den Bäumen. Im Zuge des MVP wurde eine Imkergenossenschaft gegründet, deren Mitglieder mit Bienenkästen und Schutzanzügen ausgestattet wurden. Zwischenzeitlich ernteten 196 Imker aus 360 Bienenkästen bis zu 2000 Liter Honig im Jahr, erzählt Imker Shaban Lusiga.

Heute seien davon bloß noch 30 Imker und gerade mal 20 Bienenkästen übrig. Viele seien geklaut worden, erzählt Lusiga, die meisten der Holzkisten aber verfaulen in der schwülen Luft und werden von Termiten zerfressen. Es sei schwierig gewesen, eine funktionierende Handelskette aufzubauen, um den Honig aus dem Busch auf lukrative Märkte zu bringen, klagt Lusiga.

Ein Beispiel für fehlgeschlagene Investitionen des MVP in Mbola: Trotz des Interesses der lokalen Bevölkerung scheiterte der Honigverkauf im großen Stil - erdacht von den Projektverantwortlichen, aber offenbar ohne die Gegebenheiten vor Ort ausreichend zu berücksichtigen. Imker Lusiga verkauft seinen Honig jetzt wieder wie früher in kleinen ausgekochten Schnapsflaschen am Straßenrand.

Tabakbauer Omari Jumanne Dengu

Tabakbauer Omari Jumanne Dengu

Foto: Christian Werner

Über Omari Jumanne Dengus Kopf hängen Tausende hellbraune Blätter, wie eine Kolonie schlafende Fledermäuse. Die Tür seines Verschlags aus Lehmziegeln ist vom Feuer schwarz verrußt. Dengu hängt seine Tabakernte zum Fermentieren auf. Sein halbes Leben schon baut der 47-Jährige Tabak an. Die nikotinhaltigen Blätter sind in Mbola Fluch und Segen zugleich: Der Virginia-Tabak, den die Bauern anbauen, ist eine ökologische Katastrophe. Denn um die Blätter mit einem rauchigen Aroma zu fermentieren, müssen die Bauern sie über offenem Feuer trocknen. Dafür holzen sie die Wälder ab.

Die Bauern verkaufen ihre Ernte an den Tabakgroßhändler Alliance One oder direkt an den Zigarettenhersteller Japan Tobacco International. "Die Tabakkonzerne waren skeptisch, als wir sie zu Beginn des Projekts miteinbeziehen wollten", erinnert sich Gerson Nyadzi, der ehemalige Projektleiter. "Sie hatten Angst, ihre Bauern zu verlieren."

Aisha Bahari, 35, auf dem Weg zur Wasserpumpe

Aisha Bahari, 35, auf dem Weg zur Wasserpumpe

Foto: Christian Werner

Tatsächlich versuchten die Projektverantwortlichen, den Bauern Alternativen zum Tabak schmackhaft zu machen, etwa Sonnenblumenkerne zur Speiseölgewinnung. Doch wie schon beim Honig war es schwierig, Handelsketten für die neuen Produkte aufzubauen, sagt Nyadzi.

Stattdessen wurden viele Tabakbauern wie Omari Dengu mit einem verbesserten Fermentierungsofen ausgestattet, in dem sie statt ganzer Baumstämme auch kleinere Äste verbrennen können. Das schont die Wälder. Außerdem haben sich die Tabakbauern verpflichtet, zur Wiederaufforstung jedes Jahr 55 neue Bäume pro Hektar anzupflanzen. Punktuelle Intervention statt komplettem Wandel - das Beispiel der effizienteren Tabaköfen zeigt, dass es vielleicht nicht gleich der ganz große Wurf sein muss, um Anstoß für Verbesserungen zu geben.

Zumal Tabak das wichtigste Anbauprodukt in der Region ist, keine andere Pflanze bringt den Bauern bislang mehr Einkommen. "Letztes Jahr habe ich auf meinen zweieinhalb Hektar Land etwa acht Millionen Shilling Gewinn gemacht", sagt Tabak-Bauer Dengu. Das sind umgerechnet knapp über 3000 Euro für seine zwölfköpfige Familie. Viel Geld in dieser Gegend. "Aber macht der Tabak die Bauern reich?", fragt Nyadzi. "Schauen Sie sich doch die Häuser an. Die Leute leben trotzdem ärmlich. Das Tabakgeschäft ist unsicher, die Preise schwanken von Jahr zu Jahr. Die Wirtschaft muss diversifiziert werden, die Bauern dürfen nicht bloß Tabak anbauen."

Hamsa Martin Singa (Hintergrund) hat den Tabakanbau aufgegeben. Stattdessen ziehen er und sein Sohn Obstsetzlinge, die sie an Plantagen in der Umgebung verkaufen

Hamsa Martin Singa (Hintergrund) hat den Tabakanbau aufgegeben. Stattdessen ziehen er und sein Sohn Obstsetzlinge, die sie an Plantagen in der Umgebung verkaufen

Foto: Christian Werner

Einer, der vormacht, wie es ohne Tabak funktionieren könnte, ist Hamsa Martin Singa. Seit er den Tabak aufgegeben hat, zieht er neben seinem Haus Setzlinge von Orangen-, Zitronen- und Mangobäumen, die er an Obstplantagen in der Umgebung verkauft. Einige der Moskitonetze, die im Rahmen des Projekts zu Tausenden verteilt wurden, hat Singa statt über seinem Bett über seine Gemüsebeete gespannt, in denen er Chilipflanzen züchtet. So schützt er seine Setzlinge vor Schädlingen statt seine Familie vor Malaria.

Am Rande seiner Farm baut er Mais an, den er zu Brei stampft. "Dank des Düngers und des Saatguts, die wir vom Projekt bekommen haben, können wir viel mehr Mais ernten", freut sich Singa.

Firmen wie Monsanto, die sich ebenfalls am MVP beteiligten , brachten im Rahmen des Projekts ihr Saatgut und ihre Dünger nach Mbola - im ersten Jahr kostenlos. Derartige Kampagnen stehen in der Kritik, weil die Bauern das Saatgut nicht wie gewohnt selbst für die kommende Saison vervielfältigen und so in Abhängigkeit von den Agrarkonzernen geraten können.

An einer von sechs Pumpen, die im Laufe des Programms angelegt wurden, holt Aisha Bahari Wasser für ihre Familie

An einer von sechs Pumpen, die im Laufe des Programms angelegt wurden, holt Aisha Bahari Wasser für ihre Familie

Foto: Christian Werner

Doch Bauer Singa war überzeugt und kaufte die neuen Samen auch im zweiten Jahr gern wieder. "Der Hunger ist hier Geschichte." Kritik an der Marktmacht großer Agrarkonzerne ist den Bauern in Mbola fremd. Sie interessiert, wie sie auf ihren meist wenige Hektar kleinen Feldern möglichst viel zu essen ernten können. Ob sich die neuen Sorten langfristig bewährten, werde sich zeigen, sagt Bauer Singa. Zurzeit habe er bloß ein Problem: "Im Dorf gibt es noch immer keinen Handyempfang."

"Früher waren die Menschen in Mbola ständig krank, weil sie verdrecktes Wasser aus offenen Wasserstellen tranken, an denen sie auch ihre Ziegen und Rinder tränkten", erinnert sich Damian Cleopa Kindole. Der 37-Jährige leitet die kleine Klinik in Mbola, die mit Geldern des MVP 2009 gebaut wurde. Seitdem können sie direkt vor Ort Malaria-Erreger unter dem Mikroskop erkennen. Zusammen mit einer Hebamme, die im letzten Jahr 268 Geburten betreute, und einem Kollegen, der mit einem Motorrad als Krankenwagen über die umliegenden Dörfer fährt, versorgt Kindole 2300 Patienten und Patientinnen.

Seit das Projekt vor vier Jahren auslief, sind jedoch bereits acht der ehemals elf Angestellten verschwunden. "Die Regierung konnte die Gehälter des Klinikpersonals, die zuvor vom MVP finanziert wurden, nicht länger bezahlen", sagt Kindole. Die meisten Krankenpfleger und Ärzte seien in die Städte gezogen, wo sie jetzt in privaten Kliniken oder für NGOs arbeiteten, sagt er.

Klinikleiter Damian Cleopa Kindole und Hebamme Restitua Karele versorgen mit einem Team von drei Medizinerinnen 2300 Menschen

Klinikleiter Damian Cleopa Kindole und Hebamme Restitua Karele versorgen mit einem Team von drei Medizinerinnen 2300 Menschen

Foto: Christian Werner

Dennoch habe das Projekt langfristig Erfolge hinterlassen: Vor allem die Kampagnen zu Verhütung und Familienplanung, die Malaria-Prävention und die Aufklärung über Hygienemaßnahmen hätten sich bezahlt gemacht. "Die Kindersterblichkeit ist massiv gesunken."

Ein ähnlich positives Fazit zog 2018 auch der renommierte Medizinprofessor Eran Bendavid von der Universität Stanford, der das Millennium Villages Project vor allem im Bereich der medizinischen Versorgung für erfolgreich hält: "Die eindeutigsten Belege für den Nutzen der Investitionen sind die verbesserte Gesundheitsversorgung für Mütter und die insgesamt verbesserten Gesundheitswerte ."

Wie viel von diesen Erfolgen auf lange Sicht bleibe, sei fraglich, meint Nyadzi: "Das Projekt hat in einigen Bereichen gezeigt, welche Verbesserungen mit recht wenig Geld möglich sind." Aber: "Seit das Projekt ausgelaufen ist, fehlt vieles von diesem Geld."

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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