Uno-Streit um Wahlbetrug in Afghanistan "Ich weiß, Lügen sind kontraproduktiv"
SPIEGEL ONLINE: Herr Galbraith, Sie sind als Vizechef der Uno-Mission in Kabul entlassen worden. Wohin hat es Sie jetzt verschlagen?
Galbraith: Ich bin am schönsten Platz der Welt, in meiner Heimat Vermont, es geht mir gut. Die Presse ist vor allem kritisch gegenüber meinem früheren Chef Kai Eide, dem Uno-Leiter in Kabul, meine Rolle wird durchwegs positiv bewertet. Allerdings ist Eide noch im Amt, und im Moment sieht so aus, als sei dies das Ende meiner diplomatischen Karriere.
SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet Ihre Entlassung politisch?
Galbraith: Bei dem Streit mit Unama-Chef Kai Eide ging es nicht darum, wie man mit den massiven Fälschungen bei den Wahlen vom 20. August umgeht, sondern ob man überhaupt damit umgeht. Er wollte den Betrug völlig unter den Teppich kehren, selbst die Uno-Mitarbeiter sollten intern nicht darüber diskutieren. Ich bin seit 25 Jahren Diplomat, und ich weiß, Lügen sind kontraproduktiv, das funktioniert einfach nicht. Ich drängte darauf, dass die Manipulationen untersucht werden, um die Legitimität der Regierung nicht zu gefährden. Schließlich ist nicht die Behauptung, dass es Fälschungen gab, destabilisierend für die Regierung, sondern die Fälschung selbst.
SPIEGEL ONLINE: Die Verlierer der Wahl werfen der Uno vor, sie sei nicht mehr neutral und hätte ihre Glaubwürdigkeit verloren. Stimmt das?
Galbraith: Kai Eide hat sich tatsächlich benommen, als sei er Präsident Karzais Repräsentant. Meiner Auffassung nach leidet er an einer bekannten Diplomaten-Krankheit: nämlich dass sich Gesandte mit dem Führer eines Landes, in dem sie dienen, gemein machen - anstatt die Institution zu vertreten, die sie schickt, in diesem Fall die Vereinten Nationen. Die haben neutral zu sein. Die Opposition mit ihrem Spitzenkandidaten Abdullah Abdullah ist schließlich eine signifikante Gruppe in Afghanistan, die zweitgrößte im Land. Deren Interessen kann man nicht ignorieren.
SPIEGEL ONLINE: Sie waren der höchste amerikanische Uno-Diplomat in Kabul. Vertraten Sie also auch die amerikanische Linie, die in der jüngsten Vergangenheit eindeutig gegen arbeitete?
Galbraith: Ich habe vor drei Jahren meinen Dienst als Diplomat für die USA quittiert und bin einfach ein Amerikaner, der seinen Überzeugungen folgt. In diesem Fall vertrat ich vor allem die Auffassung der Experten meines Teams bei der Uno, die teilweise schon sehr lange in Afghanistan arbeiten. Ich wollte nichts vertuschen, ich konnte das nicht.
SPIEGEL ONLINE: Ihre Auseinandersetzung ist ungewöhnlich öffentlich ausgetragen worden. War das nötig?
Galbraith: Die Uno-Leitung wollte zunächst, dass ich freiwillig gehe und dies auch so vertrete. Das wollte ich nicht. Schließlich erklärten wir, dass wir uns wegen unterschiedlicher Auffassungen über den Umgang mit dem Wahlbetrug trennen und vereinbarten Stillschweigen über die Umstände. Dann versuchten sie daraus aber bei den Medien einen Konflikt zwischen zwei Persönlichkeiten zu machen, das war es sicher nicht. Eide war ein Freund, wir haben sogar einige Zeit im gleichen Haus gewohnt, er stellte mir meine heutige Frau vor. Es ging es um eine entscheidende Sachfrage. Darum äußere ich mich nun ebenfalls.
SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Brief an Uno-Generalsekretär beziehen Sie offen Stellung gegen Ihren Chef Kai Eide - war da nicht klar, dass danach einer von Ihnen beiden gehen muss?
Galbraith: Der Brief an Ban Ki Moon war ein persönlicher Brief, nicht für die Öffentlichkeit gedacht. Er ist nicht der Grund meiner Entlassung, sondern war der Versuch, diese zu vermeiden. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass die Uno jemanden entlässt, der Sorge darüber äußert, dass es Wahlbetrug gab. Das sendet doch ein sehr schlechtes Signal an die Bürger von Afghanistan.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie noch Hoffnung für das Land?
Galbraith: Ich bin pessimistisch. Die werden immer stärker, und Obamas Strategie baut auf einen glaubwürdigen Präsidenten. Den gibt es aber nicht.