Uno und Weltbank Milliarden-Notprogramm gegen Hungerkrise
Bern - Alle Kräfte der Vereinten Nationen sollen gebündelt werden: Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon schlägt Alarm. Um den Hungernden zu helfen und weitere Lebensmittelkrisen zu verhindern, seien zunächst 755 Millionen Dollar (485 Millionen Euro) Soforthilfe notwendig, wie sie das Welternährungsprogramm (WFP) schon gefordert habe. Außerdem will die Landwirtschaftsorganisation der Uno Bauern in den ärmsten Ländern der Welt für 1,7 Milliarden Dollar (1,09 Milliarden Euro) Saatgut zur Verfügung stellen.
Im Kampf gegen die Explosion der Lebensmittelpreise gründete die Uno zusammen mit der Weltbank eine Eingreifgruppe. Die jüngsten Preissteigerungen seien für die Staatengemeinschaft eine beispiellose Herausforderung globalen Ausmaßes, erklärten die Vereinten Nationen zum Abschluss eines halbjährlichen Treffens ihrer Organisationen in Bern. "Die Krise trifft die Schwächsten der Welt."
Die Weltbank gab die Verdoppelung ihrer Kredite für landwirtschaftliche Projekte in Afrika innerhalb eines Jahres bekannt. Die Summe werde 800 Millionen Dollar (rund 515 Millionen Euro) erreichen. Es wird außerdem erwogen, armen Staaten zur Bewältigung der Nahrungskrise Schnellkredite anzubieten.
Warum die Lebensmittelpreise so hoch sind
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In China, Indien und anderen Schwellenländern wächst die Mittelschicht, die sich dank ihres neuen Wohlstandes anders ernährt. Und das heißt: mehr Fleisch und Milch, weniger Reis und Gemüse. Für die Herstellung von Fleisch benötigt man allerdings vergleichsweise viel pflanzliche Nahrung, so müssen etwa für eine Kalorie Rindfleisch sieben Kalorien Pflanzennahrung verfüttert werden. Zwar ist der Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch mit 50 Kilogramm pro Jahr schon heute mehr als halb so hoch wie in den Industrieländern. Trotzdem gab es in dem Land zuletzt eine Überproduktion an Reise und anderen Grundnahrungsmitteln. Das Land führte zuletzt netto noch Fleisch aus. Nur bei Sojabohnen und Futtermittel für Hühner wurde im großen Stil importiert.
Laut Weltbank ist es der verstärkte Anbau der sogenannten Energiepflanzen, der je nach Land 30 bis 70 Prozent der Preissteigerungen verursacht haben könnte. Denn vor allem in Europa und den USA werden immer häufiger Mais, Raps, Futterrüben oder Zuckerrohr mit dem Ziel angebaut, daraus Biokraftstoffe zu gewinnen. Damit soll die Abhängigkeit von Rohstoffen wie Erdöl und Erdgas vermindert werden und der Ausstoß von Kohlendioxid verringert werden. Experten schätzen, dass die Biospritherstellung derzeit weltweit mit jährlich sechs Milliarden US-Dollar subventioniert wird, allein in der EU fließen jedes Jahr 90 Millionen Euro an Subventionen. Allerdings bemängeln Kritiker, dass der Anbau von Energiepflanzen zu Lasten von Wasser, Boden und Biodiversität gehe. Dazu kommt die verschärfte Konkurrenz um Anbauflächen.
Längst wird an den internationalen Börsen auch mit Papieren gehandelt, die auf die Preisentwicklung bei Lebensmitteln setzen. Experten vermuten, dass etwa ein Viertel des Preisanstiegs bei den Nahrungsmitteln auf Spekulationsgeschäfte zurückzuführen ist. Welchen Einfluss diese Handelsströme haben, hat sich am Beispiel der Ukraine gezeigt: Als das Land beschloss, mehr Raps für die EU anzubauen, stieg der langfristige Weizenpreis um ein Drittel. Als US-Präsident George Bush ankündigte, Bio-Ethanol zu fördern, verdoppelte sich der Zuckerpreis.
Ein Teil des Preisanstiegs der vergangenen Monate ist auf normale wie vorübergehende Faktoren zurückzuführen: In einigen Teilen der Welt kam es durch Dürre oder heftige Regenfälle in den vergangenen zwei Jahren zu schlechten Ernten. So hat Australien, immerhin einer der größten Weizenexporteure der Welt, 2006 und 2007 massiv unter Trockenheit gelitten; die Ernte sank von 25 Millionen Tonnen Weizen auf 13 Millionen Tonnen. Auch in der EU ernteten die Bauern zehn Millionen Tonnen weniger Getreide als erwartet - gleichzeitig sind die Lager der EU so leer wie noch nie. Denn in den vergangenen Jahren war es das erklärte Ziel, die Überproduktion abzubauen.
In Asien, Nordafrika und der Karibik ist es wegen der Verteuerung von Lebensmitteln wiederholt zu Protesten gekommen. Grund für die Preissteigerungen sind höhere Energiekosten, eine stärkere Nachfrage nach Nahrungsmitteln in Asien und der durch staatliche Subventionen geförderte Biosprit-Boom.
Der Chef des Uno-Umweltprogramms (Unep), Achim Steiner, hatte zuvor Spekulanten für die massiven Preissteigerungen bei Lebensmitteln verantwortlich gemacht. Es gebe ausreichend Lebensmittel, um alle Menschen in der Welt zu ernähren, sagte der deutsche Uno-Diplomat in einem Interview der Nachrichtenagentur AP. Aber die Spekulation an den Märkten bringe die Ärmeren durch überhöhte Preise ins Abseits.
Der Unep-Generaldirektor warnte die Regierungen vor Panikreaktionen und mahnte langfristige Lösungen an. Steiner sprach sich für eine nachhaltige Landwirtschaft in der Welt aus. Er forderte in diesem Zusammenhang ein Stopp des exzessiven Einsatzes von Düngemitteln und Wasser. Beides sei teuer und verschwenderisch.
Mit Notmaßnahmen wollen die Regierungen der Philippinen und Malaysias die Folgen der Reisknappheit für die Ärmsten der Armen mindern. Die malaysische Regierung kündigte am Montag Subventionen für die heimische Reisproduktion an, die derzeit rund zwei Drittel der Bevölkerung versorgt.
In Manila sollen Reiskarten ausgegeben werden, mit denen Grundnahrungsmittel zur Hälfte des Marktpreises gekauft können. Der heimische Reisanbau soll mit einem Investitionsprogramm von 750 Millionen Euro angekurbelt werden.
In Vietnam drohen harte Strafen für jeden, der aus der Krise Profit schlagen will. Die Behörden erklärten, in den vergangenen Tagen hätten mehrere Unternehmen massenhaft Reis aufgekauft, um ihn später mit Profit weiterzuveräußern. Außerdem hielten Großhändler Vorräte zurück, sagte eine Sprecherin. Die Reisvorräte in Vietnam seien für den heimischen Verbrauch ausreichend, betonte Ministerpräsident Nguyen Tan Dung den staatlichen Medien zufolge. Die Tageszeitung "Phapluat" titelte am Montag mit der Schlagzeile "Keine Panik".
Hart getroffen von der Entwicklung werden auch die israelischen Verbraucher. Die Preise für Reis stiegen in der vergangenen Woche um 60 Prozent, für Mehl um 25 Prozent und für Nudeln um 12 Prozent. Eine Supermarktkette begrenzte den Einkauf auf zwei Beutel Reis pro Kunden.
als/Reuters/AP