Unruhe nach Machtwechsel Zusammenstöße in Ägypten fordern Tote

Vier Tage nach dem Sturz des ägyptischen Präsidenten Mubarak bleibt die Lage am Nil unruhig: Bei Auseinandersetzungen zwischen entflohenen Häftlingen kamen mehrere Menschen ums Leben. Die EU prüft die Sperrung von Konten früherer Mitglieder des Mubarak-Regimes.


Kairo - Die Revolution ist geschafft, doch die Lage in Ägypten ist weiter instabil. An drei verschiedenen Orten im Land gerieten offenbar aus Gefängnissen entlaufene Kriminelle aneinander, insgesamt wurden sechs Menschen getötet und weitere 80 verletzt. Das berichtete die Tageszeitung "al-Masri al-Youm" am Dienstag.

Das Regime hatte Ende Januar, auf dem Höhepunkt der Unruhen und Proteste, die zur Abdankung Husni Mubaraks führten, die Gefängnisse geöffnet. Tausende Insassen, unter ihnen verurteilte Mörder und Diebe, waren dabei entkommen.

Allein in der nördlichen Hafenstadt Port Said seien vier Kriminelle bei Bandenkriegen ums Leben gekommen, heißt es in dem Zeitungsbericht. 65 weitere Bandenmitglieder wurden bei den Kämpfen in der Innenstadt verletzt. Die Lage war so chaotisch, dass der Gouverneur der Provinz Said, Mustafa Abdel-Latif, seinen Amtssitz provisorisch in eine Feriensiedlung außerhalb der Stadt verlegte. Zudem forderte er die Armee an, um gegen die Unruhen einzuschreiten.

In der oberägyptischen Stadt Minia wurden zwei Kriminelle getötet und elf weitere verletzt, als sie mit der Polizei in der Stadt zusammenstießen. Die Banden hatten versucht, das städtische Gefängnis zu stürmen und die Gefangenen zu befreien. In Bani Sueif, 150 Kilometer südlich von Kairo, plünderten Kriminelle ein Lagerhaus und setzten es in Brand. Nach einem Feuergefecht nahm die Polizei fünf Plünderer fest.

Verfassungsrat kommt mit Militärrat zusammen

Das Militär treibt derweil die von den Demonstranten geforderten politischen Reformen voran. Ägypten soll nach Angaben des zuständigen Komitees zunächst eine Übergangsverfassung erhalten. Der neue Vertrag werde nur so lange gelten, bis ein demokratisches System etabliert sei, sagte ein Mitglied des mit den Verfassungsänderungen beauftragten Ausschusses, der Rechtsexperte Sobhi Saleh, in Kairo.

Radikale Änderungen seien nicht geplant, jedoch sollten alle Freiheitsbeschränkungen aufgehoben werden, erklärte Saleh, der der seit fast 60 Jahren verbotenen Muslimbruderschaft angehört. Seine Ernennung für das Komitee deutete auf eine mögliche Wiederzulassung der Bruderschaft hin. Saleh erklärte, der Ausschuss wolle am Dienstag erstmals mit dem Obersten Militärrat zusammentreten.

Der Militärrat hatte am Sonntag das Parlament aufgelöst und die Verfassung außer Kraft gesetzt. Damit kamen die Generäle zwei wichtigen Forderungen der Protestbewegung nach. Die Streitkräfte sollen das Land für sechs Monate führen, sollten nicht vorher Präsidentschafts- und Parlamentswahlen abgehalten werden. Die noch vom gestürzten Präsidenten Husni Mubarak ernannte Übergangsregierung unter Ministerpräsident Ahmed Schafik bleibt unterdessen weiter im Amt.

Ägypten hat inzwischen mehrere Staaten um die Sperrung der Konten von führenden Mitgliedern des gestürzten Regimes gebeten, darunter auch Deutschland. "Es gibt ein Rechtshilfeersuchen der ägyptischen Regierung an mehrere Mitgliedstaaten - auch an uns", sagte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) am Rande des EU-Finanzministertreffens in Brüssel. "Wir prüfen das. Das wird kurzfristig auch entschieden werden."

Frankreichs Ressortchefin Christine Lagarde hatte am Vortag bestätigt, dass eine Anfrage an mehrere EU-Länder, darunter auch Frankreich, gegangen ist. Großbritannien prüft nach eigenen Angaben bereits, ob Konten von hochrangigen Regimevertretern eingefroren werden können.

phw/dpa/dapd

zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.