Unruhen Armee greift in Machtkampf auf Madagaskar ein

Der Druck auf Madagaskars Staatschef Ravalomanana steigt dramatisch: Oppositionschef Rajoelina verlangt seine sofortige Festnahme wegen Hochverrats. Nun rücken Panzer auf den Präsidentenpalast in der Hauptstadt Antananarivo vor, Explosionen und Schüsse sind zu hören.


Antananarivo - Auf der Tropeninsel Madagaskar sind am Montag Panzer zum Präsidentenpalast vorgedrungen. Zwei schwere Explosionen erschütterten die Hauptstadt Antananarivo, auch Schüsse waren zu hören. Zuvor hatte sich die Armee offen hinter Oppositionsführer Andry Rajoelina gestellt. Soldaten drangen gewaltsam in den Palast ein, in dem sich Präsident Marc Ravalomanana allerdings nicht aufhielt. Er hat den Angaben zufolge in einem anderen Gebäude rund zehn Kilometer vom Stadtzentrum entfernt Schutz gesucht. Der Präsident liefert sich einen Machtkampf mit Rajoelina, bei dem seit Jahresbeginn mehr als 135 Menschen starben.

Soldaten in Antananarivo: Festnahme "ohne Aufschub"?
AFP

Soldaten in Antananarivo: Festnahme "ohne Aufschub"?

Zuletzt hatte Oppositionsführer Andry Rajoelina den Druck auf den isolierten Staatschef Marc Ravalomanana deutlich erhöht. Rajoelina verlangte am Montag von den Sicherheitskräften, Ravalomanana umgehend wegen Hochverrats festzunehmen.

Die Sicherheitskräfte seien aufgefordert, Ravalomanana "ohne Aufschub" festzunehmen, sagte Rajoelina am Montag vor Tausenden Anhängern in der Hauptstadt Antananarivo. Die Justizministerin der von ihm eingesetzten Übergangsregierung, Christine Razanamahasoa, habe bereits einen entsprechenden Befehl erteilt. Razanamahasoa hatte zuvor verkündet, Staatsanwaltschaft und Sicherheitskräfte seien angewiesen, den seit 2002 regierenden Ravalomanana wegen Hochverrats zu inhaftieren.

Der madagassische Polizeichef Gilbain Pily sagte jedoch, er sei über den Haftbefehl noch nicht informiert worden. Der neue Generalstabschef der Armee, André Andriarijaona, erklärte, die Vollstreckung einer solchen Anordnung falle in die Zuständigkeit der Polizei. Diese könne allerdings um Amtshilfe bitten. Die Sicherheitskräfte in Madagaskar stehen weitgehend auf der Seite der Opposition. Die Präsidentengarde hat sich nach Pilys Angaben aufgelöst, ihre rund 500 Mitglieder hätten sich auf eigenen Wunsch in Polizei und Armee eingegliedert. Der Präsidentenpalast hatte noch am Sonntagabend erklärt, die gesamte Präsidentengarde sei vor Ort und sogar verstärkt worden.

"Nicht mehr in der Lage, das Land zu führen"

Rajoelina lehnte Ravalomananas Vorschlag ab, notfalls per Volksabstimmung über seinen Verbleib im Amt entscheiden zu lassen. Ein solches Referendum werde es nicht geben, die Übergangsregierung werde eingesetzt, sagte der 34-jährige Oppositionschef. "Präsident Ravalomanana ist nicht mehr in der Lage, das Land zu führen", fügte er hinzu. Rajoelina hatte Ravalomanana am Samstag ein Ultimatum von wenigen Stunden für seinen Rücktritt gestellt, der Präsident lehnte dies jedoch ab.

Die Afrikanische Union richtete am Montag einen Appell an die Opposition und die Armee in Madagaskar, auf jegliche widerrechtliche Machtübernahme zu verzichten. "Wenn die Opposition sich der Macht bemächtigen will, ohne die rechtlichen und verfassungsgemäßen Verpflichtungen zu erfüllen, wird das ein Staatsstreich, und wir werden das verurteilen", sagte der amtierende Präsident des AU-Rats für Frieden und Sicherheit, Benins AU-Botschafter Eduard Aho-Glélé nach einer fünfstündigen Sitzung in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Der Gipfel der AU-Staatschefs im Juli soll nach ursprünglicher Planung in Madagaskar stattfinden.

Rajoelina und Ravalomanana liefern sich seit Mitte Dezember einen Kampf um die Macht in dem Inselstaat im Indischen Ozean. Seither kamen bei den Unruhen in Madagaskar mehr als hundert Menschen ums Leben. Rajoelina, ehemaliger Bürgermeister der Hauptstadt Antananarivo, wirft der Regierung vor, die Schätze des Landes an ausländische Firmen zu verschleudern.

ffr/Reuters/AFP/AP

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