Unruhen in Griechenland Polizisten verteidigen sich mit Steinen gegen Demonstranten

Die zweite Nacht in Folge sind griechische Städte von gewaltsamen Protesten erschüttert worden. Den Einsatzkräften ging zeitweise das Tränengas aus - sie warfen deshalb mit Steinen auf Demonstranten. Inzwischen hat sich die Lage etwas beruhigt.


Athen - Für Zehntausende Athener, die im Stadtzentrum leben, war es eine zweite schlaflose Nacht des Schreckens: Wieder loderten Feuer auf. Wieder attackierten die Autonomen mit ihren Molotowcocktails Geschäfte und Banken, steckten Autos in Brand, lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei. Wieder zogen Rauchwolken und Tränengasschwaden durch die Straßen.

Inzwischen scheint sich die Lage beruhigt zu haben. Wie das griechische Fernsehen berichtete, hätten fast alle Autonome die Polytechnische Universität in Athen verlassen. Dort hatten sich ebenso wie in der Jura-Fakultät der Athener Universität sowie der Wirtschaftsuniversität Hunderte Demonstranten verschanzt.

Polizisten in Athen: Demonstranten mit Steinen beworfen
DPA

Polizisten in Athen: Demonstranten mit Steinen beworfen

Rund 150 Vermummte bewarfen am Montagmorgen die Ordnungskräfte mit Brandsätzen und Steinen. Die Polizei, deren Tränengasvorräte offensichtlich erschöpft waren, verteidigten sich unkonventionell - und griffen ebenfalls zu Steinen. Nach griechischem Gesetz darf das Universitätsgelände von der Polizei nicht betreten werden.

Am Samstagabend ist ein 15-Jähriger durch eine Polizeikugel getötet worden. Der tragische Zwischenfall hatte die schwersten Unruhen seit 25 Jahren in Griechenland ausgelöst.Mehrere tausend Autonome und andere Linksgerichtete sowie Mitglieder von Menschenrechtsorganisationen gingen am Sonntag auf die Straße. "Mörder, Mörder" skandierten die Demonstranten, als sie sich der Polizeidirektion von Athen an der Alexandras-Chaussee näherten, wie das Fernsehen berichtete. Griechische Autonome greifen seit Jahren immer wieder Polizisten an und verüben Brandanschläge auf Banken und Autos im Zentrum Athens.

Viele Bewohner im Zentrum Athens klagen inzwischen über Atembeschwerden. Neue Unruhen gab es auch in Thessaloniki in der Umgebung der Aristoteles-Universität, im Zentrum der nordgriechischen Stadt Kavala und in der Hafenstadt Patras im Westen des Landes.

Die bisherige Bilanz: mehr als 40 Verletzte, mehr als hundert ausgebrannte Autos, Dutzende zerstörte Geschäfte und Bankfilialen. Viele Straßenzüge im Athener Zentrum gleichen Kampfzonen.

Mehr als 500 Angestellte der Stadt versuchten, die Wracks der Autos aus den Straßen zu entfernen. Die Krawalle hinterließen zudem zerstörte Bankfilialen, Polizeiwachen, Autohäuser, Regierungsgebäude, Privatwohnungen, Geschäfte sowie brennende Barrikaden. In einigen Straßen hingen dicke Tränengasschwaden.

Am Montag soll die Obduktion der Leiche des 15-Jährigen stattfinden. Von der gerichtsmedizinischen Untersuchung verspricht man sich unter anderem Klärung, ob es sich bei dem tödlichen Schuss tatsächlich um einen Querschläger handelte, wie die Polizisten behaupten, oder um einen gezielten Schuss, wie Augenzeugen sagen.

Der 37 Jahre alte Polizist, der den tödlichen Schuss abgegeben haben soll, sagte aus, er habe drei Warnschüsse abgefeuert. Einer davon habe den Jugendlichen als Querschläger getroffen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Totschlag vor.

Mitarbeit: Gerd Höhler

cte/AFP/dpa



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