Unruhen in Nigeria Dutzende Menschen sterben bei Gewaltexzess

Kirchen brennen, auf den Straßen liegen verkohlte Leichen, Tausende sind auf der Flucht: Nach der Präsidentenwahl in Nigeria ist die Situation außer Kontrolle geraten. Die Regierung fürchtet, die Gewalt zwischen Christen und Muslimen könne noch Wochen dauern.

Ausgebrannte Autos und Häuser in Kano: Kein Ende der Gewalt in Sicht?
DPA

Ausgebrannte Autos und Häuser in Kano: Kein Ende der Gewalt in Sicht?


Kaduna - Bei den schweren Ausschreitungen nach der Wiederwahl von Präsident Goodluck Jonathan in Nigeria sind mindestens 50 Menschen ums Leben gekommen. Dies berichten Augenzeugen und Rettungskräfte. Die Zahl der Toten beziehe sich lediglich auf die Großstädte im Norden Nigerias. Hunderte seien bei den Unruhen verletzt worden, und Tausende hätten ihre Häuser verlassen müssen.

Am Dienstag waren allein sechs Menschen in der Stadt Kaduna ums Leben gekommen. Nach Angaben der Nachrichtenagentur AP lagen sechs verkohlte Leichen auf der Straße. Wütende Anhänger des früheren muslimischen Militärmachthabers Mohammed Buhari hatten in Kaduna und anderen Städten Häuser angezündet, als klar wurde, dass der Christ Jonathan die Wahl gewinnen würde. Tausende flohen vor den Krawallen, ausgebrannte Minibusse und Autos säumten die Straßen.

In der nördlichen Stadt Kano wurden nach Angaben eines Priesters drei Kirchen in Brand gesteckt. Nigerianische Behörden bestätigten Todesfälle bei den Unruhen, die bereits seit dem Wahltag am Samstag andauern, Zahlen nannten sie vorerst aber nicht. Präsident Jonathan bat religiöse und politische Führer, die Gewalt zu verurteilen, um weiteres Blutvergießen zu vermeiden. "Niemand will in ein Land investieren, in dem Menschen kämpfen, töten und zerstören", sagte er am Dienstag.

Sein großer Vorsprung von zehn Millionen Stimmen hatte in dem zwischen Christen und Muslimen geteilten Land Spekulationen über Wahlbetrug genährt. Nach Angaben des Vorsitzenden der Wahlkommission, Attahiru Jega, erreichte Jonathan 22,4 Millionen Stimmen, Buhari 12,2 Millionen.

Norden gegen Süden, Muslime gegen Christen

Der Christ Jonathan war nach dem Tod seines muslimischen Vorgängers im Amt im vergangenen Jahr Präsident geworden. Seit Einführung der Demokratie in Nigeria vor zwölf Jahren hat Jonathans Partei, die Demokratische Volkspartei (PDP), die politische Landschaft des westafrikanischen Landes dominiert. Nach einem ungeschriebenen Abkommen wechseln sich Muslime und Christen im Land im Amt des Präsidenten ab.

Der Staat Nigeria mit seinen 150 Millionen Einwohnern ist zwischen dem muslimisch geprägten Norden und dem christlichen Süden geteilt. In mehreren Bundesstaaten des Nordens wird, obwohl sie unter der Gewalt des weltlichen Zentralstaates stehen, religiöses Recht nach der Scharia gesprochen. Im vergangenen Jahrzehnt kamen bei vordergründig religiös motivierten Zusammenstößen mehrere tausend Menschen ums Leben.

Wahlen in Nigeria waren in der Vergangenheit häufig von Unruhen und Unregelmäßigkeiten gekennzeichnet. Internationale Beobachter bescheinigten der Wahl am Samstag jedoch einen weitgehend korrekten Ablauf und bewerteten die Abstimmung als eine der fairsten in der Geschichte des Landes.

Es wird erwartet, dass die Unruhen in den kommenden Wochen nicht nachlassen. Nach Parlaments- und Präsidentschaftswahlen sind für den 26. April noch Kommunalwahlen angesetzt, die zu neuen Auseinandersetzungen führen könnten.

ffr/Reuters/dapd



insgesamt 92 Beiträge
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donbilbo 20.04.2011
1. Präzisieren bitte
Gibt es wirklich Gewalt zwischen Christen und Muslimen oder gibt es Gewalt von Muslimen gegen Christen? Die Überschrift suggeriert - wie gewohnt - ersteres, der Text dann aber eher zweiteres.
m.ertl 20.04.2011
2. Seufz
Da wird wohl uns,den Musterdemokraten nichts anderes übrigbleiben als eine "humanitäre Intervention" zu starten um Zivilisten zu schützen....
hirnbenutzer 20.04.2011
3. Warum schreibt ...
der Spiegel nicht die Tatsachen. "Gewalt zwischen Christen und Muslimen" suggeriert Gegenseitigkeit. Es ist leider so, wie in vielen Staaten, in denen Muslime eine kritische Masse erreicht haben. Es wird Jagd auf Christen gemacht, umgebracht und Kirchen niedergebrannt.
Hamburgues 20.04.2011
4. Das wäre auch meine erste Frage gewesen.
Zitat von donbilboGibt es wirklich Gewalt zwischen Christen und Muslimen oder gibt es Gewalt von Muslimen gegen Christen? Die Überschrift suggeriert - wie gewohnt - ersteres, der Text dann aber eher zweiteres.
Man hört im Zusammenhang von Unruhen in Nigeria immer wieder von Auseinadersetzungen zwischen Christen und Muslimen. Schaut man genauer nach, handelt es sich um Brandanschläge auf Kirchen, Ermordung von Christen, Vergewaltigung von Christinnen, etc. Die Täter sind jedes Muslime. Vielleicht führt in diesem Konflikt eine Differenzierung zu einem anderen Bild als wenn man nur von "Unruhen" spricht. Allerdings müsste man sich dann vielleicht von political correctness verabschieden, was ja bekanntlich so Manchem schwer fällt...!
Dumpfmuff3000 20.04.2011
5. xxx
Nigeria gehört geteilt und fertig. Wenn Christen und Muslime es dort nicht schaffen, in einem Land zusammenzuleben, dann möglicherweise wenigstens als Nachbarn. Das kommt davon, wenn man Grenzen mit dem Lineal zieht ohne Rücksicht auf die jeweilgen Lebensrealitäten. http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Nigerias#Britische_Kolonialherrschaft
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