Unruhen in Nordafrika Gaddafi hadert mit aufständischen Tunesiern

Die Tunesier haben ihren Präsidenten verjagt - und im Nachbarland wird die Staatsspitze nervös. Libyens Machthaber Muammar al-Gaddafi kritisierte die Proteste: Die Bürger hätten voreilig gehandelt. Fürchtet er ein Überspringen der Wut?

Libyscher Machthaber Muammar al-Gaddafi: "Was in Tunesien geschieht, tut mir sehr weh"
REUTERS

Libyscher Machthaber Muammar al-Gaddafi: "Was in Tunesien geschieht, tut mir sehr weh"


Rabat/Tunis - US-Diplomaten beschreiben den libyschen Staatschef Muammar al-Gaddafi als Mann, der geplagt ist von Paranoia, Ängsten und Neurosen. Die jüngsten Äußerungen Gaddafis aber haben einen sehr realen Hintergrund: Im Nachbarland Tunesien haben wütende Bürger gerade ihren Präsidenten Zine el-Abidine Ben Ali abgesetzt, der musste ins Ausland fliehen.

Gaddafi kritisierte das Vorgehen der Menschen. "Es tut mir sehr weh, was in Tunesien geschieht", sagte er laut der staatlichen Nachrichtenagentur Jana. Die Tunesier erlebten Blutvergießen und Gesetzlosigkeit, weil die Menschen in aller Eile versucht hätten, ihren Präsidenten loszuwerden. Dabei habe Ben Ali ihnen doch versichert, nach drei Jahren sein Amt aufzugeben, erklärte Gaddafi. Es gebe keinen besseren Staatschef als ihn.

Viele Tunesier dürften auf solche Worte mit Unverständnis reagieren. Nach Massenprotesten und Ausschreitungen zwangen sie Ben Ali am Freitag zur Flucht nach Saudi-Arabien. Auch Gaddafi scheint nun beunruhigt. Seine Macht fußt auf dem Militär und einem strengen Sicherheitsapparat. Und auch in Libyen werden die Menschen ungeduldig. Die Staatsspitze in Tripolis versuchte jüngst, den Volkszorn über Preissteigerungen einzudämmen, indem sie Sonderrabatte gewährte. So sollten Demonstrationen verhindert werden.

Schon vergangene Woche hatte US-Außenministerin Hillary Clinton arabische Herrscher ermahnt, sich die Ereignisse von Tunesien eine Warnung sein zu lassen. "Die Menschen haben die Korruption in den Behörden und in den starren politischen Systemen satt. Sie fordern effektivere Reformen und eine Öffnung", sagte sie vor arabischen Diplomaten und Geschäftsleuten in Katar. Wer keinen Wandel herbeiführe, würde "im Sand versinken"; man könne die Probleme für eine Weile eindämmen, "aber nicht für immer", so Clinton.

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Tunesien: Freiheitsliebe, Chaos und Gewalt
Die "Jasminrevolution" in Tunesien hat Signalwirkung in der Region. "Tunesien - die Straße bringt den Wandel" überschrieb der panarabische TV-Sender al-Dschasira die Dauerberichterstattung über die Proteste an Nordafrikas Mittelmeerküste. Hunderte Millionen Zuschauer in der arabischen Welt könnten sich mit dieser Revolution identifizieren, leben sie doch in ähnlichen ärmlichen Verhältnissen.

Im Jemen riefen am Sonntag rund tausend Studenten zum Sturz der Regierung auf. Menschenrechtsaktivisten schlossen sich der Menge an, die in der Hauptstadt Sanaa protestierte. Jemens Präsident Ali Abdullah Salih steht seit 32 Jahren an der Spitze des Landes. "Freies Tunis, Sanaa grüßt dich tausend Mal", riefen die Studenten. Sie forderten auch andere arabische Völker zur "Revolution gegen ihre lügenden und verängstigten Anführer" auf. "Geht, bevor ihr abgesetzt werdet", stand auf einem Plakat.

Ein Volk, das genug hat, ein Volk, das sich auflehnt: Die Aufstände in Tunesien haben den Zeitgeist der arabischen Welt eingefangen, sagte Rami Khouri, Politologe an der Amerikanischen Universität Beirut, der "New York Times".

"Ein tapferer Kampf"

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In Tunesien bleibt die Lage nach der Ernennung des neuen Übergangspräsidenten Foued Mebazaa unübersichtlich. Der Machtkampf um die Zukunft des Landes ist entbrannt. Mebazaa verspricht einen demokratischen Wandel, in eine "Regierung der nationalen Einheit" sollen auch oppositionelle Kräfte eingebunden werden. Noch aber sind die alten Eliten an der Macht: Mebazaa gilt als Gefolgsmann des geschassten Ben Ali.

Mebazaa soll nun Neuwahlen vorbereiten - Oppositionelle fürchten aber, überrollt zu werden. "Wenn jetzt schnell eine Wahl organisiert wird, kann die Opposition sich nicht organisieren", kommentierte ein 25-Jähriger in Tunis. Tunesien sei Demokratie nicht gewohnt, Oppositionspolitiker hätten unter Ben Ali kaum eine Chance gehabt, bekannt zu werden und ihr Programm vorzustellen. "Wenn wir zu früh wählen, kommen wieder Leute aus dem alten System an die Macht", so Nefzaoui.

Erste Fälle von Lynchjustiz?

In der Nacht zum Sonntag waren in der Hauptstadt Tunis wieder Schüsse zu hören - trotz des weiter geltenden Ausnahmezustandes und einer Ausgangssperre. Tunesische Journalisten vermuteten, dass die Armee gegen Mitglieder der Leibgarde Ben Alis vorgeht. Eine Bestätigung dafür gab es zunächst aber nicht.

Auch von möglichen ersten Fällen von Lynchjustiz wird berichtet. Hintergrund ist der gewaltsame Tod von Imed Trabelsi. Der Geschäftsmann war ein Neffe von Ben Alis Ehefrau, er galt als Symbol für Korruption. Am Freitag wurde er von Unbekannten erstochen, berichtete der tunesische Privatsender nessma tv in der Nacht zum Sonntag.

Wie am Sonntag außerdem bekannt wurde, besitzt ein am Freitag in Tunis schwer verletzter Pressefotograf einen deutschen Pass. Der 32 Jahre alte Lucas Mebrouk Dolega war während der Ausschreitungen aus nächster Nähe von einer Tränengasgranate am Kopf getroffen worden. "Sein Zustand ist sehr ernst", sagte seine Mutter der dpa in Paris. Ihr Sohn werde in einem Krankenhaus in Tunis behandelt und sei nicht transportfähig.

Dolega fotografierte in Tunesien für die european pressphoto agency (epa). Er ist der zweite ausländische Journalist, der bei den Unruhen verletzt wurde. Ein US-Fotograf war angeschossen worden.

Wegen der nächtlichen Ausgangssperre saßen Hunderte Menschen in der Nacht zum Sonntag am Flughafen von Tunis fest. "Die Lage ist angespannt, niemand darf den Flughafen verlassen", sagte ein Soldat. Den Restaurants ging das Essen aus, es bildeten sich lange Schlangen, Reisende versuchten die letzten Chips und Kekse zu kaufen.

Auch Tausende deutsche Urlauber sind von dem Aufstand betroffen. Zahlreiche Reiseveranstalter organisierten Sonder-Transporte. Am Samstag landeten Maschinen mit Urlaubern aus Touristenhochburgen wie Monastir oder Djerba an deutschen Flughäfen. Das Touristikunternehmen Thomas Cook flog nach eigenen Angaben inzwischen alle seine deutschen Kunden aus. Rund 2000 Urlauber, die sich im Rahmen einer von dem Unternehmen organisierten Reise in dem Land aufgehalten hätten, seien "auf dem Heimweg oder bereits wieder zu Hause eingetroffen", teilte Thomas Cook mit.

kgp/Reuters/dpa/AFP

insgesamt 1324 Beiträge
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ewspapst 14.01.2011
1.
Zitat von sysopPlötzlich ging es ganz schnell: Die Protestbewegung in Tunesien hat den umstrittenen Langzeit-Präsidenten Ben Ali aus dem Amt gejagt. Im Land herrscht nun Chaos, es gibt weitere Ausschreitungen - und noch mehr Tote. Wie geht es nun weiter?
Wozu braucht Tunesien denn Reformen, es ist doch ein durch und durch kapitalistisches Land und dementsprechend muss es doch allen gut gehen. Ich verstehe diese ganzen Unruhen der " Strasse" nicht, man darf sich doch vom Pöbel nicht beeinflussen lassen. So viele Deutsche haben sich dort im Urlaub immer wohlgefühlt und auch den dortigen Wohlstand bewundert. So, oder so ähnlich würden wir in der nächsten Zeit über die Lebenslage der tunesischen Bevölkerung "informiert". Ich hoffe aber, diesmal klappt es nicht.
Tunesier 14.01.2011
2. Kein Zurück mehr!
Ich glaube, es gibt kein Zurück mehr für Ben Ali. Sein Regime zerfällt gerade. Immer mehr Menschen, Prominente und Angestellte (wie beim Staatsfernsehen) outen sich. Der Moderator der letzten "mutigen" TV-Sendung von gestern Abend sagt: Es war alles nur reine Inszenierung! Was gibt es noch mehr zu sagen? Zu den Plünderungen: Schon seit Tagen gibt es zahlreiche Gerüchte. Nicht die Demonstranten brennen die Geschäfte, sondern regierungstreue Banditen. Sie setzen Gebäude in Brand und plündern Geschäfte oder lassen die Menschen von denen plündern, nachdem sie die Türen kaputt machen. Es ist noch ein Versuch Ben Ali's das Land ins Chaos zu stürzen und die Demonstranten als Terroristen und Banditen darzustellen. Danach will er der Retter sein. Das wird ihm inscha Allah nie gelingen. Wir wissen wer er ist und was er getan hat und wozu er fähig ist. Morgen früh auch viele Demos in Deutschen Städten. Wie lange wird der Westen weiter zuschauen? Es findet seit Wochen ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit!
ratxi 14.01.2011
3. Durch diese Unruhen...
Zitat von sysopPlötzlich ging es ganz schnell: Die Protestbewegung in Tunesien hat den umstrittenen Langzeit-Präsidenten Ben Ali aus dem Amt gejagt. Im Land herrscht nun Chaos, es gibt weitere Ausschreitungen - und noch mehr Tote. Wie geht es nun weiter?
...kommt die ganze Unzufriedenheit der Menschen an die Oberfläche und das Ganze scheint nun eine Eigendynamik zu bekommen. Ich denke nicht, dass Ali Die Leute noch beruhigen kann. Warum sollten sie ihm glauben? Warum sollten sie ihn an der Macht lassen, wo sie doch jetzt schon so weit sind? Jeder tut ja nur ein bisschen, dann ein bisschen mehr und der Mob macht den Rest.
zackzodiac, 14.01.2011
4.
Die Demonstranten in Tunesien zeigen uns, wie man eine ungewollte Regierug los werden kann. Bravo!
Tunesier 14.01.2011
5. Position von Frankreich
Ein französischer Oppositioneller (Olivier Besancenot) fordert die französische Außenministerin (Alliot-Marie) sich entweder zu entschuldigen oder zurückzutreten. Noch vor zwei Tagen sagte sie, wir wollen unser Savoir-Faire der Polizei, wie sie Demos zurückhält, an Ben Ali weitergeben! Wow! Könnte die Lage in Tunesien sogar Auswirkungen auf europäische Staaten haben? Dass sie arabische Staaten und Diktaturen verändern wird, steht außer Frage. Heute ist ein neuer (und hoffentlich ein schöner) Tag in der Welt-Geschichte.
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