Unruhen in Paris Ministerin wirft Jugendlichen Mordversuch vor

Nach den Angriffen auf zwei Busse in einem Pariser Vorort hat Verteidigungsministerin Michèle Alliot-Marie schwere Vorwürfe gegen die Täter erhoben: Sie seien des versuchten Mordes schuldig. In der Hauptstadt wächst vor dem Jahrestag der Vorstadt-Krawalle die Furcht vor weiterer Gewalt.


Paris - Vor dem morgigen Jahrestag der Jugendkrawalle in französischen Vorstädten haben maskierte Angreifer zwei Busse in Brand gesetzt. Fahrer und Fahrgäste konnten sich Polizeiangaben zufolge unverletzt in Sicherheit bringen.

Paris: Nach der Zerstörung von Bussen wurde der Nachtbusverkehr in einigen Vorstädten eingestellt.
AP

Paris: Nach der Zerstörung von Bussen wurde der Nachtbusverkehr in einigen Vorstädten eingestellt.

Verteidigungsministerin Alliot-Marie sagte, die jüngsten Vorfälle zeigten, dass "man töten wolle". Die Übergriffe gingen auf das Konto eines "harten Kerns", die überwiegende Mehrheit der Menschen in den Vorstädten wolle friedlich und in Sicherheit leben.

Eine Gruppe von sechs bis zehn teilweise vermummten Angreifern überfiel am Mittwochabend den Bus der Linie 258 in der westlichen Vorstadt Nanterre. Sie zwangen die Fahrgäste, den Bus zu verlassen und setzten das Fahrzeug mit Hilfe von Brandbeschleunigern in Brand. Die Feuerwehr konnte nicht verhindern, dass der Bus völlig zerstört wurde.

Ein ähnlicher Vorfall ereignete sich in Athis-Mons südlich von Paris. Doch dort gelang es dem Fahrer, ein Ausbrennen des Busses zu verhindern. Erst am Sonntag hatten Jugendliche einen Linienbus in der im Süden gelegenen Vorstadt Grigny angegriffen und in Brand gesetzt. Die alarmierten Feuerwehrleute wurden mit Steinen beworfen.

Wegen der wiederholten Angriffe wurde der Nachtbusverkehr in den Vorstädten südlich von Paris bis auf weiteres eingestellt. Die Verkehrsbehörde des Départements Essone begründete die Entscheidung mit Sicherheitsgründen und zahlreichen Zwischenfällen der jüngsten Vergangenheit.

Eine mögliche Wiederholung der Krawalle in diesem Herbst dürfte auch den anstehenden Präsidentenwahlkampf bestimmen. Innenminister Nicolas Sarkozy hatte trotz Kritik an verbalen Entgleisungen über die Krawallmacher Lob für das von ihm politisch verantwortete Vorgehen der Polizei gefunden. Sarkozy ist wahrscheinlicher Kandidat des bürgerlichen Lager für die Nachfolge von Präsident Jacques Chirac. Seine mögliche Gegnerin Ségolène Royale von den Sozialisten hatte unlängst gefordert, jugendliche Straftäter in Besserungslager zu stecken.

Am Freitag jährt sich zum ersten Mal der Beginn der dreiwöchigen Vorstadtunruhen in Frankreich. Bei den wochenlangen Ausschreitungen hatten vornehmlich aus afrikanischen und arabischen Zuwandererfamilien stammende Jugendliche Tausende Autos in Brand gesetzt. Auslöser war am 27. Oktober 2005 in Clichy-sous-Bois der Tod von zwei Jugendlichen auf der Flucht vor der Polizei. Wegen der kritischen Atmosphäre wird eine Wiederholung der gewaltsamen Proteste gegen die staatliche Ordnung für möglich gehalten. In "sensiblen Bereichen" wurden Bereitschaftspolizisten stationiert.

jaf/AFP/AP



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