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Unruhen in Syrien Auch Assad gibt den Schießbefehl

Syriens Präsident ist jung, erst zehn Jahre an der Macht und längst nicht so verhasst wie andere Despoten. Doch auch Baschar al-Assad fällt auf Proteste nur eine Antwort ein: blutig niederschlagen. Mindestens 32 Demonstranten wurden erschossen, die Lage könnte eskalieren.
Von Yassin Musharbash

Berlin - Es lässt sich aus der Ferne nicht überprüfen, ob es stimmt, aber es ist vermutlich egal: Die syrische Protestbewegung im Internet hat am Mittwoch ihre Symbolfigur gefunden. Ein junger Mann, so macht es über Facebook und Twitter in rasendem Tempo die Runde, habe nur Minuten vor seiner Erschießung durch die Sicherheitsbehörden noch eine Nachricht auf seiner Facebook-Seite hinterlassen: "Ich habe genug gelebt. Die letzten vier Tage waren die besten meines Lebens. Freiheit schmeckt anders."

Der junge Mann soll in Daraa getötet worden sein, einer Stadt im Süden Syriens, nahe der jordanischen Grenze - und seit einer knappen Woche das Epizentrum einer Revolte. Begonnen hatte alles, mehreren Medienberichten zufolge, mit einem Graffiti: "Das Volk will den Sturz des Systems", soll eine Gruppe Minderjähriger an eine Wand gesprüht haben; es ist die Parole, die schon in Tunesien und Ägypten zu erfolgreichen Revolutionen geführt hat. Die lokalen Sicherheitskräfte warfen die Jungen ins Gefängnis. Das, so scheint es, löste die Unruhen aus, die seitdem in Daraa und einigen Kleinstädten der Umgebung toben.

Am späten Mittwoch kam es in Daraa zu einer schweren Konfrontation, es wurde scharf geschossen, viele Demonstranten starben, übereinstimmenden Berichten zufolge wohl bis zu zwei Dutzend, vielleicht aber auch weit mehr: Die Opposition spricht von bis zu 100 Getöteten, was, wenn es sich bewahrheiten sollte, ein echtes Blutbad wäre. Am Donnerstagmittag marschierten schon 20.000 in Daraas Straßen, es war eine Beerdigungsprozession, aber es war auch eine politische Kundgebung, die Teilnehmer verlangten nach Freiheit.

Syrien, das ist seit Donnerstag klar, steht auf der Kippe.

Spätestens der Freitag könnte nun darüber entscheiden, ob Syrien ebenfalls voll erfasst wird von einem Volksaufstand. Im Internet und mit Flugblättern wird zu landesweiten Kundgebungen aufgerufen, ein "Freitag der Ehre" soll es werden.

"Republik der Angst"

Die Berichte über die vielen Toten und noch mehr Verhafteten könnten zur Mobilisierung des Protests beitragen. Die Syrer sind wütend über die brutale Gewalt. Zugleich aber ist Syrien auch "die Republik der Angst", wie der im britischen Exil lebende Aktivist Ausama Monajid sagt. Mehrfach hat das Regime Unruhen blutig niedergeschlagen. Auf die Straße zu gehen, das System herauszufordern, ist brandgefährlich.

Es ist offensichtlich, dass die aufkeimende Revolte durch die Vorgänge in der Region inspiriert ist. Auch einige der Motive der Protestler sind ähnlich. "Die wirtschaftliche Lage vieler junger Menschen und der Wunsch nach Freiheiten stehen als Motive außer Frage", sagt der Syrien-Experte und Buchautor ("Syrien nach dem Irak-Krieg") Carsten Wieland. Die Revolte habe bereits jetzt "eine neue Qualität".

Andererseits weist Wieland auf das hin, was das Land von Tunesien und Ägypten unterscheidet: "Der große Unterschied ist, dass es eine Klammer zwischen Bevölkerung und Regime gibt." Ein Beispiel sei die Außenpolitik, die in Syrien vor allem durch die Feindschaft zu Israel definiert wird, weil Israel die syrischen Golanhöhen besetzt hält. Außerdem sei Syrien, aus Gründen der ideologischen Staatsdoktrin der Baath-Partei, säkular und minderheitenfreundlich. Auf diese Weise gilt die Regierung einigen Syrern, die sich durchaus Reformen wünschen, zugleich als Garant von Ruhe, Ordnung und Frieden zwischen den Volks- und Religionsgruppen im Inneren.

Freiheit lag in der Luft - für einen Wimpernschlag

Als Baschar al-Assad im Jahr 2000 die Macht von seinem Vater Hafis erbte, gab es in Syrien Hoffnung auf Reformen. Baschar war jung, er war im Ausland ausgebildet, er galt als wirtschaftsfreundlich. Noch heute meinen nicht wenige Syrer, der Präsident würde ja anders, er könne bloß nicht, weil die Nomenklatur der Partei ihn nicht lasse. Tatsache ist jedoch, dass der zu dieser Zeit aufkeimende "Damaszener Frühling" bald beendet wurde. Intellektuelle, Demokraten, Oppositionelle aller Couleur hatten damals begonnen, sich in Debattenzirkeln zu organisieren. Einen Wimpernschlag lang sah das Regime zu - dann reagierte es mit Repressalien, Verhaftungen und langen Haftstrafen.

"Das wird das Regime heute bereuen", sagt Syrien-Fachmann Wieland. Denn die Spitzen des "Damaszener Frühlings" wären bereit gewesen, über Reformen innerhalb des Systems zu verhandeln. Die, die jetzt auf der Straße den Ton angeben, sind weniger versöhnlich.

Zugleich sind die Aufständischen keine einheitliche Gruppe. Lokale Themen wie Streitereien um Landverkäufe mischen sich mit Forderungen nach Demokratie und Menschenrechten.

"Das Gerede des Regimes, dass es in Wahrheit nur um lokale Probleme gehe, ist eine fette Lüge", sagt der Aktivist Ausama Monajid. Fast 24 Stunden täglich hält er derzeit Kontakt nach Syrien und hilft dabei, Amateurvideos und andere Nachrichten zu verbreiten, vor allem über das Internet. "Die Videos zeigen eindeutig, wie die Leute nach Freiheit rufen, danach, dass der seit Jahrzehnten geltende Notstand aufgehoben wird, dass politische Gefangene freigelassen werden. Das Regime hat auf all das nicht geantwortet, deshalb rufen die Leute jetzt: 'Wir wollen den Sturz des Systems'".

Dramatische Amateurvideos zeigen Massenverhaftungen

Die Videos, deren Authentizität nicht immer unabhängig geprüft werden kann, von denen viele jedoch im Nachhinein durch unabhängige Quellen bestätigt wurden, zeigen dramatische Szenen. In Daraa wurde die Omari-Moschee zeitweise zu einem Lazarett umfunktioniert. Verletzte Männer liegen auf den Teppichen, es herrscht Chaos. Andere Filme zeigen, wie Dutzende Sicherheitsbeamte in Zivil aus Autos strömen, Männer verhaften und einige noch auf der Straße zusammentreten.

Am Donnerstag erklärte das Regime via Staatspresse, dass die Ausschreitungen aus dem Ausland gesteuert würden - die übliche Verschwörungstheorie.

Die Frage ist nun, wie es weitergeht in Syrien. Wird Baschar al-Assad nach einen Kompromiss suchen - oder kennt er tatsächlich keinen anderen Weg als den, den sein Vater zeitlebens wählte, zum Beispiel als er in den Achtzigern Tausende in der Stadt Hama niedermetzeln ließ, weil eine Revolte drohte? Wie mutig sind die syrischen Oppositionellen? Und weitet sich der Aufstand auf das gesamte Land aus?

"Der Freitag ist ein kritisches Datum"

Grundsätzlich gibt es ein revolutionäres Potential in Syrien. Es gibt eine gut ausgebildete Mittelschicht, die abstiegsgefährdet ist und immer höhere Lebensmittelpreise hinnehmen muss, was auch in Tunesien eine große Rolle spielte. "Je mehr Fenster sich nach außen öffnen", ergänzt Carsten Wieland, "desto schärfer wird auch die staatliche Unterdrückung als Problem wahrgenommen." Auch das Internet spielt daher eine Rolle, als Guckloch in eine freiere Welt.

Daneben gibt es eine islamistische Opposition, die allerdings kein natürlicher Bündnispartner der säkularen Mittelschicht ist, aber umso erbitterter das Regime hasst - nicht zuletzt wegen Hama.

Und schließlich haben lokale Faktoren wie unzufriedene Stammes- oder Religionsführer eine gewisse Bedeutung. So haben sich angeblich bereits mehrere Großfamilien vom Regime losgesagt.

Sicher ist, dass das Regime seiner schwersten Herausforderung seit Jahrzehnten gegenübersteht - und dass es bisher keine andere Antwort findet als Gewalt. An einen schnellen Umsturz glaubt Ausama Monajid im Moment trotzdem noch nicht, nicht zuletzt wegen der Heterogenität der Bevölkerung und ihrer Interessen. "Aber der Freitag", sagt er, "ist in jedem Fall ein kritisches Datum."