Fotostrecke

Aufstand der Armen: Gewalt in Tunesien

Foto: FETHI BELAID/ AFP

Unruhen in Tunesien Clinton warnt Arabiens Despoten vor Wutwelle

Die Wut der Demonstranten in Tunesien ist nicht zu bändigen: Tausende sind seit Tagen auf der Straße. US-Außenministerin Clinton zeigt Verständnis für die aufgebrachten Jugendlichen und kritisiert arabische Regierungen - in ungewöhnlich scharfem Ton.

Tunesien

Doha - Tausende gehen in gegen Präsident Sein al-Abidin Ben Ali auf die Barrikaden, Dutzende sind bei den Krawallen gestorben. Jetzt meldet sich US-Außenministerin Hillary Clinton zu Wort und kritisiert die arabischen Staats- und Regierungschefs scharf. "Die Menschen haben die Korruption in den Behörden und in den starren politischen Systemen satt. Sie fordern effektivere Reformen und eine Öffnung", sagte sie vor den Teilnehmern der Konferenz "Forum für die Zukunft" in der katarischen Hauptstadt Doha. In den arabischen Staaten sei derzeit jeder fünfte junge Mensch arbeitslos. In einigen Ländern sei die Jugendarbeitslosigkeit sogar noch viel höher, fügte sie hinzu.

Um dieses Problem zu lösen, seien tiefgreifende politische und wirtschaftliche Reformen nötig. Diese Reformen könnten nicht von außen erzwungen werden, sondern müssten von innen kommen. Clinton forderte die arabischen Herrscher außerdem auf, Nichtregierungsorganisationen nicht länger als Sicherheitsrisiko zu behandeln, sondern sie als Partner zu akzeptieren.

Seit Jahresbeginn hat es in mehreren arabischen Staaten gewaltsame Proteste gegeben. In Algerien gingen die Menschen aus Protest gegen hohe Lebensmittelpreise auf die Straße. In Tunesien schießen die Sicherheitskräfte seit Tagen auf Demonstranten, die gegen die hohe Arbeitslosigkeit protestieren und dabei öffentliches Eigentum zerstören. Die Zahl der Toten bei den blutigen Unruhen ist am Mittwoch weiter gestiegen.

Mindestens sechs Menschen kamen bei neuen gewaltsamen Ausschreitungen nach Angaben von Augenzeugen ums Leben. Ein 25-Jähriger wurde im Zentrum der Hauptstadt Tunis von einer Kugel in den Kopf getroffen. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete am Nachmittag von erneuten Schusswechseln. Die Polizei habe Teile der Innenstadt abgesperrt, über der Stadt stünden Rauchwolken.

Insgesamt mindestens 66 Todesopfer

Weitere Opfer wurden aus Douz und Tataouine im Süden des Landes gemeldet - in Douz sind demnach fünf Menschen bei Protesten gestorben. Unter den Opfern ist nach französischen Medienberichten auch ein franko-tunesischer Universitätsdozent, der Urlaub in seiner Heimat machte. In der Stadt Sidi Bouzid gingen rund 10.000 Menschen auf die Straßen und forderten den Rücktritt von Präsident Ben Ali.

Insgesamt sind bei den seit Wochen andauernden Unruhen nach Angaben der französischen Menschenrechtsorganisation FIDH bislang mindestens 66 Menschen ums Leben gekommen. Die Ausschreitungen glichen einem fortdauernden "Massaker". Am Dienstag hatte das Bündnis von 35 Toten seit dem Wochenende gesprochen, die Regierung gab zuletzt 21 Tote an.

In Tunis blieb die Lage nach Krawallen vom Vorabend äußerst angespannt. Am Donnerstagvormittag sei es aber zunächst ruhig geblieben, berichteten Bewohner.

In mehreren Armenvierteln war es am Abend trotz einer Ausgangssperre wieder zu Protesten gegen den Präsidenten Ben Ali gekommen, der für die hohe Arbeitslosigkeit, für Korruption und Polizeigewalt verantwortlich gemacht wird.

Die Armee hat sich nach den gewaltsamen Protesten in der tunesischen Hauptstadt derweil offenbar zurückgezogen. Stattdessen wurden Spezialeinheiten der Polizei im relativ belebten Zentrum stationiert, wie eine Journalistin der Nachrichtenagentur AFP berichtete. Einsatzkommandos der Polizei mit gepanzerten Fahrzeugen lösten die der Armee vor zentralen Plätzen und Verkehrsknotenpunkten ab. Nur an einem Platz im Stadtzentrum waren zunächst noch zwei Militärfahrzeuge mit bewaffneten Soldaten zu sehen.

anr/sto/ffr/dpa/AFP/Reuters
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.