Unruhen in Tunesien Dutzende Tote bei Gefängnisbrand in Urlaubsort

Das Machtvakuum in Tunesien provoziert neue Gewalt: In der Touristenhochburg Monastir brennt ein Gefängnis, mindestens 42 Menschen sollen ums Leben gekommen sein. Bei einer Massenflucht aus einer weiteren Haftanstalt wurden laut Augenzeugen Dutzende Insassen erschossen.

Tunis - Die Küstenstadt Monastir war bislang als beliebter Urlaubsort bekannt. Doch nun ist aus dem Ferienparadies ein Brennpunkt der sozialen Unruhen in Tunesien geworden. Bei einem Feuer in einem Gefängnis sind mindestens 42 Menschen gestorben.

Nach ersten Erkenntnissen hatten Häftlinge ihre Matratzen in Brand gesteckt. Die Flammen hätten dann schnell auf das gesamte Gebäude übergegriffen. Als die Insassen zu fliehen versuchten, eröffneten Wärter nach Augenzeugenberichten das Feuer; mehrere Häftlinge seien an Schusswunden gestorben, andere seien verbrannt.

31 Todesopfer seien bereits identifiziert worden, sagte der Leiter der Rechtsmedizin des örtlichen Krankenhauses. Zahlreiche weitere Menschen erlitten bei dem Brand in der Küstenstadt schwere Verbrennungen, wie aus Krankenhauskreisen verlautete.

Es handelte sich um den schwersten Zwischenfall seit Beginn der Unruhen in Tunesien vor einem Monat. Die Wut der Bürger richtet sich gegen Armut und Arbeitslosigkeit in dem nordafrikanischen Land. Nach den Massenprotesten, bei denen Dutzende Menschen starben, ist der bisherige Präsident Zine el-Abidine Ben Ali nach Saudi-Arabien geflohen. Inzwischen ist eine Übergangsregierung eingerichtet worden.

Zunächst übernahm Ministerpräsident Mohammed Ghannouchi am Freitag die Amtsgeschäfte. Am Samstag ernannte der Verfassungsrat nun Foued Mebazaa, 77, zum Interimspräsidenten. Mebazaa soll Neuwahlen vorbereiten. Bundeskanzlerin Angela Merkel appellierte an ihn, den "jetzt erfolgten tiefen Einschnitt in der tunesischen Geschichte" zu einem Neuanfang zu nutzen. "Gehen Sie auf die protestierenden Menschen zu und führen Sie wirkliche Demokratie ein", schrieb Merkel.

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Tunesien: Freiheitsliebe, Chaos und Gewalt

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Doch Demonstrationen und Ausschreitungen ebben nicht ab. Am Samstag marschierte Militär im Stadtzentrum von Tunis auf, zwischen den Rauchsäulen am Himmel kreisten Helikopter. Brandstifter hatten in der Nacht Feuer in einem Bahnhof und einem Supermarkt in der Stadt gelegt, der Ben Alis Schwiegersohn gehört. In zahlreichen weiteren Supermärkten und Wohngebäuden des Landes ist offenbar ebenfalls Feuer gelegt worden, ein Krankenhaus wurde angegriffen.

Blutige Auseinandersetzungen gab es nach Informationen der Agentur Reuters in einem weiteren Gefängnis. In der Stadt Madia berichteten Augenzeugen von einer Massenflucht. Dutzende Häftlinge seien von Polizisten erschossen worden.

Die USA riefen alle Seiten zur Zurückhaltung auf. Die tunesische Regierung müsse "in diesem Moment des bedeutenden Wandels" das Recht ihres Volkes respektieren, sich friedlich zu versammeln und seine Ansichten zu äußern, erklärte US-Außenministerin Hillary Clinton. Die Vereinigten Staaten verfolgten die rapiden Entwicklungen genau, so Clinton. Sie rief zu freien und fairen Wahlen in naher Zukunft sowie zu Reformen auf.

Ähnlich äußerte sich die EU-Kommission. "Wir mahnen alle Parteien, Zurückhaltung zu zeigen und Ruhe zu bewahren, um weitere Opfer und Gewalt zu vermeiden", erklärte die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton. Der Schlüssel für die weitere Entwicklung sei der Dialog.

kgp/dpa/AFP/Reuters
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