Unruhen in Westchina Exil-Uiguren berichten von 800 Toten in Xinjiang

Leichen auf den Straßen, Hunger, Chaos: Exil-Uiguren, die per Telefon mit der Heimat Kontakt halten, berichten von einer dramatischen Eskalation der Lage in der chinesischen Provinz Xinjiang. Die Opferzahlen nach den Krawallen seien deutlich höher als offiziell verkündet.

München - Ein Hinterhofgebäude im Münchner Bahnhofsviertel, im Stil der sechziger Jahre, ein paar Zimmer oben unterm Dach. Hier hat die Zentrale der Uiguren ihren Sitz. Sie nennen es Weltkongress (WUC). In Bayerns Hauptstadt leben über 500 Uiguren, es ist die größte Gemeinde in Europa. Asgar Can sitzt zwischen Deutschland- und Uigurenflagge, die an jene der Türkei erinnert, nur dass sie blau statt rot ist. Can ist der Vizepräsident.

Chinesische Sicherheitskräfte marschieren auf dem Platz des Volkes in Ürümqi auf: "Viel schlimmer als auf den Fernsehbildern"

Chinesische Sicherheitskräfte marschieren auf dem Platz des Volkes in Ürümqi auf: "Viel schlimmer als auf den Fernsehbildern"

Foto: Ng Han Guan/ AP

"Wir gehen davon aus, dass die Lage in der Provinz Xinjiang viel schlimmer ist als auf den Fernsehbildern", sagt er. Der Weltkongress stehe in telefonischem Kontakt mit Uiguren aus der Heimat. "Die Landsleute, die uns anrufen und informieren, riskieren ihr Leben."

WUC-Generalsekretär Dolkun Isa kommt mit einem Zettel aus dem Nebenraum. Er sind die neuesten Berichte von den Unruhen im Westen Chinas. Insgesamt seien nach eigenen Schätzungen bis zu 800 Uiguren ums Leben gekommen, sagt Isa. Eine genaue Zahl kann er nicht nennen. Nach offiziellen chinesischen Angaben hingegen starben bisher etwa 150 Menschen bei den Auseinandersetzungen zwischen Chinesen und muslimischen Uiguren.

Isa berichtet von einer Attacke in der medizinischen Fakultät in Ürümqi, der Regionalhauptstadt. Vier uigurische Studentinnen seien dort von Han-Chinesen niedergestochen und enthauptet worden: "Ihre Leichen wurden an den Eingang der Fakultät gehängt", sagt Isa unter Berufung auf Augenzeugen. In einer Traktorenfabrik der Stadt seien die uigurischen Mitarbeiter angegriffen worden, 150 Menschen sollen dabei ums Leben gekommen sein.

WUC-Vize Can sagt, die Uiguren in Xinjiang würden ihre Häuser nicht mehr verlassen, aus Angst, auf der Straße getötet zu werden. Deshalb würden sie mittlerweile hungern. In Ürümqi würden "Leichen auf der Straße liegen wie Möbelstücke". In den Städten Kashgar, Aksu, Khotan und Karamay gebe es Demonstrationen und Ausgangssperren. In manchen Städten seien Strom und Wasser abgestellt worden.

Kadeer wünscht sich USA als Vermittler

Die chinesische Führung macht den Weltkongress der Uiguren für die Eskalation verantwortlich. Insbesondere dessen Präsidentin Rebiya Kadeer, die nicht wie Stellvertreter Can in München, sondern in Washington lebt, wird zum Sündenbock gemacht : "Erste Erkenntnisse deuten darauf hin, dass der separatistische uigurische Weltkongress unter seiner Anführerin Rebiya Kadeer die Gewalt geschürt hat", meldete die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua unter Berufung auf die Provinzregierung. Can weist das verärgert zurück. Er stehe in ständigem Kontakt mit Kadeer, habe vergangene Nacht zuletzt mit ihr telefoniert: "Sie ist fassungslos, dass man sie dafür verantwortlich macht."

Kadeer ihrerseits macht in einem aktuellen Gastbeitrag für das "Wall Street Journal" die chinesische Polizei für die blutige Eskalation verantwortlich. Sie verurteilt aber auch die Gewalt von Uiguren. Han-Chinesen und Uiguren müssten einen Dialog führen, der auf "Vertrauen und gegenseitigem Respekt" basiere, so Kadeer. Sie rief die USA auf, sich in den Konflikt einzuschalten. Das Land würde eine Schlüsselrolle einnehmen. Die Vereinigten Staaten müssten die Gewalt in der chinesischen Provinz verurteilen und sollten eine diplomatische Vertretung in Ürümqi eröffnen. Dies könnte eine befriedende Wirkung haben.

China reagiert weiter mit Härte

China sucht die Auseinandersetzungen offenbar mit Härte einzudämmen. Die Regierung werde die Verantwortlichen für die jüngsten Unruhen hinrichten lassen, erklärte Li Zhi, der Chef der Kommunistischen Partei in der Provinz Xinjiang laut Nachrichtenagentur AP. Es seien schon mehrere Personen festgenommen worden, die des Mordes beschuldigt würden, überwiegend Studenten. Für die Nacht zum Mittwoch erließen die Behörden ein Ausgehverbot für Ürümqi, nachdem Tausende Han-Chinesen am Vortag bewaffnet mit Stöcken, Messern und Metallstangen durch die Straßen gestürmt waren. In der Stadt leben rund 2,3 Millionen Menschen.

Von Hubschraubern aus warfen die Behörden Tausende Flugblätter auf Ürümqi ab und riefen die Bevölkerung zur Ruhe auf. Einige Bürger errichteten Barrikaden, um neuen Straßenkämpfen vorzubeugen. "Wir wollen nur unsere Wohnhäuser schützen, wie wollen nicht selbst angreifen", so ein Sprecher der Uiguren.

Chinesische Bereitschaftspolizisten sind am Mittwoch in Ürümqi ausgeschwärmt, um die seit Tagen anhaltenden Unruhen einzudämmen. Als sie aus einer Ansammlung von etwa tausend protestierenden Han-Chinesen heraus mehrere mutmaßliche Anführer festnahmen, kam es zu Handgreiflichkeiten. "Lasst sie frei, lasst sie frei", riefen die Demonstranten. Durch die massive Präsenz der Sicherheitskräfte beruhigte sich die Lage zumindest im Stadtzentrum. Gepanzerte Truppentransporter patrouillierten.

Staatspräsident Hu sagte seine Teilnahme am G-8-Gipfel ab

Zusammen mit Tibet ist die Provinz Xinjiang eines der politisch sensibelsten Gebiete Chinas. Mit Grenzen zu Russland, der Mongolei, Kasachstan, Kirgisien, Tadschikistan, Afghanistan, Pakistan und Indien verfügt sie über eine strategisch wichtige Lage, reichlich Erdölreserven und Chinas größte Erdgasförderung. Der chinesische Staatspräsident Hu Jintao sagte wegen der Unruhen seine Teilnahme am G-8-Gipfel in Italien ab. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte dort mit ihm über die Unruhen sprechen wollen.

Der uigurische Weltkongress fordert Selbstbestimmung über den zukünftigen Status der Provinz: "Das Volk soll entscheiden", sagt Asgar Can. Allerdings gebe es dafür bisher nicht die Voraussetzungen. Sollte sein Volk eines Tages die Unabhängigkeit erlangen, dann werde es ein demokratisches System errichten, so Can, der die zwischen 1944 und 1949 bestehende Ostturkestanische Republik als Vorbild sieht: "Wir haben niemals vorgehabt, ein islamisches Land zu gründen."

Can appellierte zudem an die Bundesregierung, die verbliebenen 13 Uiguren im US-Gefangenenlager Guantánamo in Deutschland aufzunehmen.

Mit Material von dpa, AP, AFP, Reuters
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