Untersuchungsbericht Ermittler werfen US-Soldaten Mord an irakischen Zivilisten vor

Es soll das schlimmste US-Kriegsverbrechen seit Beginn des Krieges im Irak sein: Eine Untersuchung des US-Militärs kommt Zeitungsberichten zufolge zu dem Schluss, dass US-Soldaten nach einem Anschlag 24 unschuldige Menschen töteten. Mehreren Marines droht eine Anklage wegen Mordes.


Washington - Die Befürchtungen scheinen sich zu bestätigen: US-Marines sollen im November vergangenen Jahres vorsätzlich 24 unbewaffnete und unschuldige Iraker getötet haben, darunter mehrere Frauen und Kinder. Zu diesem Ergebnis kommt ein noch unveröffentlichter Untersuchungsbericht des US-Militärs, wie die "Los Angeles Times" und die "New York Times" heute unter Berufung auf Quellen aus Kongress, Verteidigungsministerium und Militär übereinstimmend berichten. Den Berichten zufolge müssen die beteiligten Soldaten mit Anklagen rechnen, einige von ihnen wegen Mordes oder fahrlässiger Tötung.

Mit dem Untersuchungsbericht des Naval Criminal Investigative Service würden die Vorwürfe bestätigt, die erstmals im März im US-Magazin "Time" gegen das US-Militär erhoben wurden. Vor wenigen Tagen hatte der demokratische US-Abgeordnete John Murtha die Anschuldigungen bekräftigt. Die "unter Druck stehenden Soldaten" hätten "unschuldige Zivilisten kaltblütig getötet", hatte Murtha erklärt.

Die Vorwürfe beziehen sich auf einen Vorfall in Haditha in der unruhigen, von Sunniten beherrschten Provinz Anbar am 19. November 2005. Bei einem Bombenanschlag auf einen US-Konvoi war damals ein US-Soldat ums Leben gekommen. In offiziellen Berichten war später auch von mehreren toten Irakern die Rede, die bei der Detonation selbst und bei anschließenden Schusswechseln getötet worden waren.

Der Bericht der Ermittler komme nun aber zu dem Schluss, dass sich ein Dutzend US-Marines nach dem Attentat "unvorschriftsmäßig" verhalten habe, schreibt die "Los Angeles Times". Sie seien in umliegende Häuser eingedrungen und hätten 24 Iraker erschossen, andere Soldaten hätten sie nicht dran gehindert oder später wissentlich falsche Angaben zu dem Vorfall gemacht. In Wahrheit sei bei dem eigentlichen Anschlag jedoch kein einziger Iraker getötet worden, zitiert die "New York Times" einen hochrangigen Mitarbeiter des Pentagons, der die Ergebnisse des Untersuchungsgerichts kenne.

Der Chef des Bataillons und zwei weitere Soldaten waren vergangenen Monat aus dem Dienst entlassen worden. Offiziell hieß es dazu aus dem US-Militär, die Maßnahme habe nichts mit den Vorwürfen zu tun.

Der Kommandant der US-Marines, General Michael W. Hagee, flog gestern in den Irak, um seine Streitkräfte an die Einhaltung internationalen und US-amerikanischen Militärrechts und der Genfer Konvention zu erinnern. "Die jüngsten Anschuldigungen bezüglich des Verhaltens von Marines im Kampfeinsatz machen mir Sorge", hieß es in einer Stellungnahme Hagees vor seinem Abflug. Ein konkreter Anlass für die Reise des Generals wurde in der Erklärung nicht genannt.

"Sollten die Berichte wahr sein, wäre der Vorfall in Haditha wahrscheinlich das schlimmste Kriegsverbrechen im Irak, das seit Beginn des Krieges bekannt wurde", zitiert die "NYT" John Sifton von Human Rights Watch. Der Fall von zwei Dutzend absichtlich getöteten Zivilisten liege nicht in einer Grauzone. "Das ist ein Massaker."

phw



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