Unverständnis in Madrid Samen des Hasses

Während die spanische Regierung ihre Kriegsteilnahme als humanitären Einsatz zu verbrämen versucht, fordern die Opposition und die überwältigende Mehrheit der Bürger ein Ende der Angriffe. Ministerpräsident José Maria Aznar muss in den nächsten Tagen mit Massendemonstrationen rechnen.

Von , Madrid


Protestler in Madrid: Zwei Millionen Unterschriften will die Friedensbewegung gegen den Krieg gesammelt haben. Demonstranten tragen die Listen gleich stapelweise zum spanischen Parlament
AP

Protestler in Madrid: Zwei Millionen Unterschriften will die Friedensbewegung gegen den Krieg gesammelt haben. Demonstranten tragen die Listen gleich stapelweise zum spanischen Parlament

Madrid - Die Bewohner eines der vornehmsten Wohnviertel der spanischen Hauptstadt erwachten mit einem Schützenpanzer vor der Tür. Aus dessen Luke beobachtet ein Polizist der Guardia Civil mit der Waffe im Anschlag jede Bewegung vor der benachbarten britischen Botschaft. Der Panzerwagen ist Zeichen für den Krieg, der mit britischer und spanischer Unterstützung heute Nacht begann.

Doch die Madrilenen sind abgebrüht von der Daueralarmbereitschaft, in die sie die Bedrohung durch die baskische Terrorbande Eta ohnehin versetzt. Außer den Panzern vor den diplomatischen Vertretungen der Kriegsparteien sowie ein paar Polizeimannschaftswagen, die durch die Botschaftsviertel und vor nahen Ministerien patrouillieren, hat das Innenministerium keine Sondermaßnahmen veranlasst.

Spanische Polizei vor der US-Botschaft in Madrid: Anwohner durch Dauer-Alarmbereitschaft abgebrüht
AFP

Spanische Polizei vor der US-Botschaft in Madrid: Anwohner durch Dauer-Alarmbereitschaft abgebrüht

Vor einem Altbau unweit der modernen Glas- und Stahlkonstruktion, an der der Union Jack weht, kehrt ein Hausmeister im Blaumann den Gehsteig wie jeden Morgen. "Die werden es schwer haben, diesen Saddam zu kriegen", kommentiert der Mann nicht ohne Spott. Schließlich sei ja auch Terror-Chef Osama Bin Laden den Amerikanern entwischt. Trotz der bedingungslosen Unterstützung der konservativen spanischen Regierung für den US-Präsidenten lehnen nach Umfragen über 90 Prozent der Spanier den Angriff auf den Irak ab.

"Spanien befindet sich nicht im Krieg"

Mütter, die ihre Kinder an diesem strahlenden Kriegsmorgen in Bus und U-Bahn zur Schule begleiten, kommentieren die Bomben auf Bagdad genauso wie die Patienten, die früh am Morgen in den Arztpraxen warten oder Büroboten und Sekretärinnen, die in den Bars frühstücken. Der fröhliche Lärm, der sonst das öffentliche Auftreten der Spanier begleitet, ist gedrückter Stimmung gewichen. "Ich habe noch keinen Krieg erlebt", sagt eine junge Frau über ihren Milchkaffee gebeugt, "aber es ist schrecklich, dass wir daran beteiligt sind."

"Spanien befindet sich nicht im Krieg", leugnete um halb neun Uhr morgens die Außenministerin Ana Palacio vor Fernsehkameras. "Wir arbeiten nur innerhalb einer multilateralen Koalition an einer militärischen Operation mit, die nötig wurde, weil Uno-Resolutionen systematisch nicht erfüllt wurden." Die Ministerin, treue Soldatin ihres Ministerpräsidenten José María Aznar, wirkte müde trotz ihres starken Make-ups.

Der Jesuiten geschulten Politikerin gingen die Argumente aus, um die Legitimität des Feldzugs von Bush zu beweisen, den ihr Chef zusammen mit seinem britischen Kollegen Tony Blair auf den Azoren besiegelt hatte. Die neunhundert spanischen Soldaten, die gestern Abend und heute früh auf drei Schiffen vom südspanischen Hafen Rota in den Persischen Golf aufbrachen, dienten nur zu humanitären Einsätzen.

Jurist: Aznar droht Klage vor dem Weltgericht

Dagegen warnte der prominente Untersuchungsrichter Baltasar Garzón, der einst dem chilenischen Diktator Pinochet den Prozess machte, den Regierungschef, er habe sich zum "Koautoren" eines Kriegs gemacht, der einen Bruch des Völkerrechts darstelle. Deshalb, glaubt der Jurist, werde der Internationale Strafgerichtshof gegen die Kriegsherrn ermitteln müssen.

José Maria Aznar: Überwältigende Mehrheit der Wähler gegen den Krieg
EPA/DPA

José Maria Aznar: Überwältigende Mehrheit der Wähler gegen den Krieg

In einer Rede an die Nation um 12 Uhr mittags sagte Ministerpräsident Aznar, Saddam Hussein sei der einzig Schuldige, weil er seine letzte Chance ausgeschlagen habe. Er versprach, das Militär werde so arbeiten, dass die Zivilbevölkerung den geringst möglichen Schaden nehme. Aznar hob die "wichtige Rolle" hervor, die Spanien bei der Hilfe für die Flüchtlinge und den Wiederaufbau des Landes spielen werde. "Wir wollen Frieden und Sicherheit durchsetzen", so der Ministerpräsident, da sei kein Raum für Neutralität.

Während der Regierungschef vor seinem Amtssitz sprach, versammelten sich zwischen den beiden sitzenden Löwen auf den Stufen zum Parlament im Herzen der spanischen Hauptstadt Künstler und Bürger. Sie schrieen noch einmal ihr "Nein zum Krieg" in den klaren Himmel. Den Abgeordneten überreichten sie mehr als zwei Millionen Unterschriften, die sie in den vergangenen Wochen gegen die Kriegstreiberei der Regierung gesammelt hatten. Zwischen Barcelona im Norden und Sevilla im Süden des Landes verließen Studenten die Hörsäle, um zu protestieren. Menschenrechtler verteilten schwarze Ansteckschleifen als Symbol der Trauer.

Massendemonstrationen in Madrid geplant

Die Sozialisten verurteilten den "unrechtmäßigen, ungerechten und unverhältnismäßigen Krieg". Sozialistenchef José Luis Rodríguez Zapatero sagte, heute Nacht sei der "Same des Hasses" gesät worden. Er antwortete dem mit absoluter Mehrheit regierenden Aznar, es sei paradox, dass die von ihm und Bush beschworene neue Weltordnung mit gigantischer Unordnung beginne, in die ihr Krieg den gesamten Nahen Osten stürze. Er verlangte ein schnellst mögliches Ende der Angriffe. Die Vereinigte Linke forderte gar Aznars Rücktritt. Symbolisch weihte deren Chef vor dem Madrider Parlament einen Soldatenfriedhof ein.

Für acht Uhr abends haben Oppositionsparteien und Gewerkschaften zu Demonstrationen aufgerufen. Am Samstag sollen Friedensproteste noch einmal die Massen mobilisieren. Im Februar waren über vier Millionen Menschen für den Frieden auf die Straße gegangen - mehr als irgendwo sonst in Europa.

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