Uran-Klau im Irak "Die könnten eine 'dirty bomb' herstellen"

Ein Expertenteam der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien ist seit der letzten Woche im Irak. Es soll prüfen, ob es in der Atomanlage Tuweitha nach dem Krieg zu Plünderungen gekommen ist. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE warnt IAEA-Sprecherin Melissa Fleming, dass Uran in falsche Hände kommen könnte.

SPIEGEL ONLINE:

Frau Fleming, Sie haben ein Expertenteam vor Ort: Ist in den Atomanlagen von Tuwaitha während und nach dem Krieg bei Plünderungen radioaktives Material entwendet worden?

Melissa Fleming: Von vielen Journalisten wurde uns berichtet, dass dort größere Mengen uranhaltigen Materials verschwunden sind. Die Berichte sind sehr glaubhaft. Das besorgt uns sehr. Wir wollen deshalb selber feststellen, ob etwas fehlt, und die Anlage sichern.

SPIEGEL ONLINE: Haben Ihre sieben Inspektoren schon etwas herausgefunden?

Fleming: Bisher können wir nur sagen, dass der Großteil des Materials glücklicherweise immer noch dort zu sein scheint. Die Plünderer haben wohl tatsächlich die Fässer einfach ausgeleert, in denen das Uran gelagert worden ist. Die Fässer haben sie mitgenommen, das radioaktive Material aber dort gelassen. Was und wie viel davon fehlt, können wir erst sagen, wenn wieder alles verpackt und gewogen ist. Mit endgültigen Ergebnissen rechnen wir erst in etwa zwei Wochen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es außer Tuwaitha noch weitere Atomkraftwerke oder Atomanlagen im Irak, die gefährdet sein könnten?

Fleming: Tuwaitha ist eine riesige Atomanlage, die Teil des letzten Atomwaffenprogramms der Iraker war. Dort gibt es zwar riesige Mengen radioaktiven Materials, aber kein waffenfähiges Uran. Das wurde im Zuge der ersten Uno-Waffeninspektion vernichtet. Es gibt derzeit kein aktives Kernkraftwerk im Irak.

SPIEGEL ONLINE: War die Anlage von Tuwaitha nach den Kämpfen nicht bewacht?

Fleming: Wir wissen es nicht. Wir können derzeit nur das interpretieren, was wir in der Zeitung lesen oder was uns Mitarbeiter von Hilfsorganisationen vor Ort erzählen. Danach gab es massive Plünderungen. Das ist für uns besonders bedenklich. Denn wir wollen nicht nur die öffentliche Sicherheit dort schützen, sondern auch verhindern, dass das Uran in die falschen Hände kommt. Ich denke da auch an die potenzielle Gefahr, die von Terroristen ausgeht. Die könnten mit dem Material eine "dirty bomb" herstellen, eine radioaktive Bombe.

SPIEGEL ONLINE: War das ein Versäumnis der US-Streitkräfte, die Anlage nicht zu schützen?

Fleming: Das kann ich nicht kommentieren. Ich kann nur sagen, dass die Anlage jetzt von den US-Streitkräften bewacht wird. Bei unserer jetzigen Arbeit vor Ort haben wir die volle Unterstützung der amerikanischen Truppen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel uranhaltiges Material befindet sich nach Ihren Erkenntnissen noch im Irak?

Fleming: Insgesamt gibt es 1,8 Tonnen leicht angereichertes Uran und rund 500 Tonnen natürliches Uran. Dazu kommen über 400 unterschiedliche radioaktive Quellen, die vor allem für medizinische oder industrielle Zwecke verwendet werden. All dies ist aber kein waffenfähiges Uran, dazu müsste es erst angereichert werden.

SPIEGEL ONLINE: Die Plünderer sollen direkt mit dem Uran in Kontakt gekommen sein, weil sie die Fässer, in denen es gelagert wurde, als Wassertonnen benutzen wollten. Ist das nicht gefährlich?

Fleming: Wer damit in Kontakt kommt, ist nicht sofort verstrahlt. Wesentlich gefährlicher für die Bevölkerung sind radioaktive Quellen, deren Schutzhüllen beschädigt sind. Trotzdem wollen wir natürlich um jeden Preis verhindern, dass überhaupt irgendjemand mit dem radioaktiven Material in Berührung kommt oder es sogar entwendet. Wir wollen sicherstellen, dass es richtig gelagert wird. Vor allem aber wollen wir genauestens wissen, wo sich welche Menge radioaktiven Materials befindet.

SPIEGEL ONLINE: In einem krisengeschüttelten Land fehlt die Kontrolle über Atomanlagen - kennen Sie eine solche Situation aus der Vergangenheit?

Fleming: Natürlich. Vor allem in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion besteht dieses Problem nach wie vor. Nach dem Zusammenbruch des Regimes ist viel radioaktives Material einfach verschwunden, und das ist auch heute noch so. Nicht umsonst investiert die US-Regierung viele Milliarden Dollar, um die Sicherheit der Atomanlagen dort zu unterstützen.

Das Interview führte Susanne Amann