Urananreicherung Atomwächter fürchten weitere Nuklearverstecke in Iran

Schwere Vorwürfe gegen Teheran: Inspektoren der IAEA vermuten in ihrem neuesten Bericht weitere iranische Nuklearanlagen - und werfen dem Regime mangelnde Kooperation vor. Erst im September hatte Iran den Westen mit der Enthüllung einer zweiten Atomanlage brüskiert.

Satellitenbild von Ghom: Teheran gerät im Atomstreit weiter unter Druck
DPA

Satellitenbild von Ghom: Teheran gerät im Atomstreit weiter unter Druck


Wien - Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) hält weitere geheime Nuklearanlagen in Iran für sehr wahrscheinlich. Das geht aus einem IAEA-Bericht zum Stand der Urananreicherung in der Islamischen Republik hervor, den die Behörde am Montag vorlegte. Angesichts der späten Bekanntgabe der Atomanlage in Fordo bei Ghom stelle sich die Frage, ob es noch weitere Geheimanlagen gebe, heißt es darin.

Iran hatte die IAEA Ende September in einem Brief informiert, sein umstrittenes Atomprogramm auszuweiten und neben seiner bekannten Anlage in Natans an einer zweiten Anlage zur Urananreicherung bei Ghom zu bauen. Sie soll nach dem Willen der Regierung 2011 betriebsbereit sein. Das bis dahin geheime Projekt löste internationale Entrüstung aus, die IAEA fühlte sich zu spät informiert. Inzwischen haben Inspektoren der Uno-Behörde der Anlage einen ersten Besuch abgestattet.

Eigenen Angaben zufolge hatte Iran im Jahr 2007 mit dem Bau der Anlage bei Ghom begonnen. In ihrem Bericht äußern die Inspektoren nun erstmals Zweifel an dieser Information: Dem aktuellen Bericht zufolge gebe es Hinweise, die auf einen Start bereits fünf Jahre zuvor hindeuteten. Von 2004 bis 2006 habe Iran die Arbeiten unterbrochen.

Der neue Iran-Bericht kritisiert, dass die verspätete Weitergabe von solchen Informationen nicht zum Aufbau von Vertrauen beitrage. Zudem forderten die Inspektoren Klarheit über die neue Anlage. Sie soll nach Angaben eines IAEA-Mitarbeiters zu klein sein, um für das noch nicht in Betrieb genommene einzige iranische Atomkraftwerk in Buschehr Brennstoff zu produzieren.

Zweite Anlage bereits 2002?

In der Anlage von Natans, wo das Land Uran anreichert, sei die Zahl der Zentrifugen um 650 auf 3936 gesunken, stellte die IAEA weiter fest. Dass Iran nun weniger Zentrifugen im Einsatz habe, liege vermutlich an technischen Schwierigkeiten, sagten Diplomaten. Die Gesamtzahl der Zentrifugen habe sich auf 8692 leicht erhöht.

Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad hatte unmittelbar vor der Veröffentlichung des Berichts das Atomprogramm seines Landes verteidigt. Die "Feinde" Irans hätten die Urananreicherung zu einer politischen Frage erklärt und alle Anstrengungen unternommen, Iran zur Aufgabe zu bewegen, sagte Ahmadinedschad laut der Website des staatlichen iranischen Rundfunks. Dieses Ansinnen sei gescheitert.

Die internationale Gemeinschaft wartet seit Wochen auf eine Antwort Teherans auf einen Kompromissvorschlag zur Urananreicherung. IAEA-Direktor Mohamed ElBaradei hatte vorgeschlagen, Iran solle bis zum Jahresende 1200 von seinen 1500 Kilogramm auf 3,5 Prozent angereicherten Urans zur Anreicherung nach Russland liefern. Anschließend soll das Material in Frankreich weiterverarbeitet und nach Teheran zurückgeliefert werden. Im Gespräch ist auch eine Zwischenlagerung des Materials in der Türkei.

Warnung von Obama

Am Wochenende hatten Russland und die USA den Druck auf die Führung in Teheran erhöht. Die Zeit für die Annahme des Kompromissvorschlags laufe langsam ab, sagte US-Präsident Barack Obama am Sonntag nach einem Treffen mit seinem russischen Kollegen Dmitrij Medwedew in Singapur. Auch Medwedew kritisierte den schleppenden Fortgang der Verhandlungen.

Die Stimme Moskaus als Veto-Macht im Uno-Sicherheitsrat hat entscheidende Bedeutung, wenn Washington Teheran mit Drohungen zu neuen Sanktionen unter Druck setzen will. Vor allem die USA verdächtigen Iran, unter dem Deckmantel der zivilen Nutzung von Atomkraft am Bau von Atomwaffen zu arbeiten. Teheran weist die Vorwürfe zurück.

Wegen der Weigerung Teherans, die Anreicherung von Uran zu stoppen, und wegen mangelnder Zusammenarbeit mit der IAEA verhängte der Uno-Sicherheitsrat in den vergangenen Jahren mehrfach Sanktionen gegen Teheran. Angereichertes Uran wird für Atomkraftwerke benötigt, aber auch für den Bau von Atomwaffen.

amz/AFP/dpa/Reuters

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SaT 30.09.2009
1. Nicht bedrohlicher als andere
So bedrohlich wie das amerikanische, britische, französische, pakistanische, indische, israelische, nordkoreanische und russische Atomprogramm.
nahal, 30.09.2009
2.
Zitat von sysopIran will nicht über seine neue Atom-Anlage reden, die USA drängen auf Inspektionen und mögliche Sanktionen. Wie bedrohlich ist das iranische Atomprogramm?
Das iranische Atomprogramm ist sehr bedrohlich. In der Hauptsache ist es für das iranische Volk bedrohlich. Es ist nicht zu übersehen,dass die iranischen Machthaber die Warnungen der internationalen Gemeinschaft nicht ernst nehmen. Es wird zu weiteren Sanktionen kommen, die, leider,die Bevölkerung treffen werden. Sollten auch diese Sanktionen nicht fruchten, wird eine militärische Ausschaltung des iranischen Programms unausweichlich. Und das, unabhängig von dem Ausführenden.
ddorfer 30.09.2009
3.
Zitat von sysopIran will nicht über seine neue Atom-Anlage reden, die USA drängen auf Inspektionen und mögliche Sanktionen. Wie bedrohlich ist das iranische Atomprogramm?
Wie bedrohlich es ist kann ich nicht einschätzen. Jedenfalls deutet vieles darauf hin,dass es einen Militärschlag gegen den Iran geben wird(oder seine Atomanlagen),denn die plötzliche Abkehr Obamas vom Raketenschild kann eigentlich nur auf einen Kompromiss mit Moskau hinauslaufen,will heißen: kein Schild,dafür kein Veto Moskaus im Sicherheitsrat im Fall der Fälle.
Ludwig Schmidt 30.09.2009
4.
Zitat von sysopIran will nicht über seine neue Atom-Anlage reden, die USA drängen auf Inspektionen und mögliche Sanktionen. Wie bedrohlich ist das iranische Atomprogramm?
Das Atomprogramm ist aus geographischen Gründen für West-, Nord-, Ost- und Mitteleuropa ungefährlich. Bevor es ein Moment an Gefährlichkeit gewinnt, werden diese Anlagen und Systeme von Israel, Frankreich, UK und den USA militärisch beseitigt werden. Daran gibt es bei keinem Beteiligten, auch dem Iran selbst, Zweifel. Auch nicht daran, dass das funktionieren würde. Eine eventuelle Position der EU ist und bleibt uninteressant, weil UK und Frankreich sich dem Willen nicht beugen werden, liefe er konträr zu ihren Ansichten und es keine Möglichkeit gäbe, diese "einzufangen". Im Vorfeld werden die Russen versuchen zu schlichten und zu vermitteln, mit dem Ziel eines atomwaffenfreien Irans. Die Chinesen werden sich aus dem Streit gänzlich heraushalten und nur versuchen Gewinne dabei zu machen. Indien ist noch nicht soweit, um, auf welcher Seite auch immer, mitmachen zu können. Es ist und bleibt die Entscheidung des Irans: Frieden oder wie auch immer gearteter Angriff/ Krieg...über Begrifflichkeiten mögen sich andere streiten.
nahal, 30.09.2009
5.
"Saudi Arabia denied Wednesday a report in Britain's Sunday Express that said the Kingdom offered the Israel Air Force flight paths to attack Iranian nuclear facilities."
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