Urnengang in Pakistan Spott für Volkes Willen

Zum ersten Mal seit dem Militärputsch vor drei Jahren durften die Pakistaner ein neues Parlament wählen. Doch trotz des Überraschungserfolgs der Islamisten wird Militärmachthaber Pervez Musharraf Präsident und Armeebefehlshaber bleiben. Er hat seine Macht durch Verfassungsänderungen gefestigt.

Von Lutz C. Kleveman, Peschawar


Wahllokal in Pakistan: Explosive Stimmung
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Wahllokal in Pakistan: Explosive Stimmung

Peschawar - Wütend starrt Nasirullah Babar auf den Zettel vor sich. "Das ist doch unglaublich", presst er zwischen seinen Lippen hervor. "Und das wenige Stunden, bevor die Wahllokale öffneten!" Gut hundert Männer scharen sich um Babar, Kandidat der Pakistan People Party (PPP), auf dem Marktplatz seines Heimatdorfs Nowshera im Westen des Landes. Einigen der Männer fallen die weißen Topi-Kappen in den Sand, so sehr drängeln sie sich. Alle wollen einen Blick auf das Blatt Papier in der Hand des 76-Jährigen werfen. Dort sind, fein handschriftlich, eine Reihe von Namen aufgelistet. "Das sind die neuen Stimmenauszähler, die die Wahlkommission der Regierung kurzerhand über Nacht für das Dorf ernannt hat", erläutert Babar, ehemaliger Innenminister Pakistans und einer der Granden in der Volkspartei Benazir Bhuttos. "Wieder ein Trick der Militärs."

Die Oppositionsparteien sind nicht die einzigen, die die Parlamentswahlen in Pakistan als unfair bezeichnen. Zwar hat General Pervez Musharraf, der vor drei Jahren mit Hilfe der Streitkräfte eine gewählte Zivilregierung zur Seite putschte, öffentlich versprochen, mit den Wahlen das Land zur Demokratie zurückzuführen. Dazu will der Militärdiktator, der sein Land nach dem 11. September 2001 in einem außenpolitischen U-Turn mit den USA im Kampf gegen den Terror verbündete, das alltägliche Politikgeschäft weitgehend zivilen Führern überlassen.

Dennoch haben Menschenrechtsgruppen der Musharraf-Regierung Wahlfälschung vorgeworfen. "Es ist überdeutlich, dass die Wahl keine neue Zeit der demokratischen Herrschaft einleiten wird, wie es das Regime behauptet hat", heißt es in einem Bericht der unabhängigen Menschenrechts-Kommision Pakistans (HRCP). Schon im Vorfeld der Wahlen habe die Regierung mit Hilfe des Geheimdiensts ISI eine neue politische Kraft aufgebaut, die im Parlament Musharrafs Herrschaft garantieren soll.

Kandidaten seien regelrecht gekauft worden. Die HRCP-Beobachter kommen zu einem vernichtenden Schluss: "Die offensichtliche Weise, in der der Wahlprozess verbogen und der Wille des Volkes verspottet wird, ist extrem beunruhigend."

Verhüllte pakistanische Frauen stehen Schlange vor den Urnen
DPA

Verhüllte pakistanische Frauen stehen Schlange vor den Urnen

Im Wahllokal von Nowshera nahe der Stadt Peshawar scheint dagegen an diesem Morgen zunächst alles normal zu verlaufen. Die Wahlhelfer tragen die metallenen Wahlurnen in das Gebäude, eine Jungenschule, und versiegeln sie mit Kerzenwachs.

Unter dem gerahmten Bild von Staatsgründer Mohammed Ali Jinnah treten nach dem Morgengebet die ersten Wähler ein. Auf dem Stimmzettel müssen sie einen Tintenabdruck des Daumens hinterlassen. In der Wahlkabine, provisorisch übereinander gestapelten Tischen, drücken die Männer dann einen Stempel auf die Partei ihrer Wahl. Da fast 80 Prozent aller Pakistanis Analphabeten sind, ist jede Partei durch ein Symbol - ein Auto oder ein Tiger - kenntlich gemacht.

Das Erkennungsmerkmal der radikalislamischen Parteien, die im Westen Pakistans ihre Hochburgen haben, ist der Koran. Die Stimmung ist entspannt, fast gelangweilt. Nur wenige Polizisten sichern das Gelände. Trotz der Sorge vor Anschlägen ist die Armee in den Kasernen geblieben.

Erst als gegen Mittag die neu ernannten Stimmauszähler vor dem Wahllokal auftauchen und den Ernennungsbrief der Kommission vorzeigen, bricht binnen Sekunden eine handfeste Schlägerei mit PPP-Anhängern aus. Lippen platzen, Finger knacken, Augen schwellen dicht. Hier, wo fast jeder Pakistani eine Feuerwaffe besitzt, droht der Streit bald zu eskalieren.



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