Urnengang in Pakistan Wahlhilfe von Bin Laden

In Pakistan wählen heute rund 81 Millionen Stimmberechtigte ein neues Parlament, die Stimmung ist explosiv. Polizeirazzien mit FBI-Unterstützung und der USA-freundliche Kurs von Staatschef Pervez Musharraf bringen das Volk in Rage. Islamisten schüren die Wut mit angeblich echten Briefen von Osama Bin Laden.

Von Lutz C. Kleveman, Peschawar


Wahllokal in Pakistan: Explosive Stimmung
AFP

Wahllokal in Pakistan: Explosive Stimmung

Peschawar - Am späten Morgen tauchen auf dem Basar von Peschawar die ersten Exemplare auf, wenig später gleich ein ganzer Stapel in einem afghanischen Flüchtlingslager nahe der Grenze - gegen Mittag spricht die halbe Stadt von nichts anderem mehr. Ein Brief von Osama Bin Laden! Angeblich. In dicht gedrucktem Urdu, mit arabischer Übersetzung auf der Kehrseite, ruft der meistgesuchte Mann der Welt "meine muslimischen Brüder in Pakistan" dazu auf, bei den heutigen Wahlen "den Islam, den Koran und den Propheten zu unterstützen". Natürlich weiß niemand, woher der Brief kam und ob das Schreiben echt ist.

Etwa 81 Millionen Pakistani können bis zum Abend ein Parlament wählen - ein erster Schritt zurück zur Demokratie nach dem Putsch von General Pervez Musharraf vor drei Jahren. In einer Fernsehrede an die Nation versprach der Militärdiktator gestern Abend, nach den Wahlen die exekutive Macht an einen Premierminister abzugeben.

Die Parteien reagierten mit Skepsis. Zugleich gilt der Wahlgang als Test für die Politik des Musharrafs, der vor einem Jahr das Land in einem radikalen strategischen Schwenk auf die Seite der USA im Feldzug gegen die afghanischen Taliban und al-Qaida-Terroristen brachte.

Bin-Laden-Brief: Kein Geld für Fotokopien

Der vermeintliche Brief von Osama Bin Laden verurteilt diese neue Außenpolitik mit harschen Worten: "Musharraf hat Pakistan, die Festung des Islam, in eine amerikanische Kolonie verwandelt und unterstützt US-Präsident George Bush in seinem Kampf gegen den Islam." Neben der gedruckten Unterschrift des al-Qaida-Führers steht dessen herzliche Bitte, den Brief möglichst oft zu fotokopieren und weiter zu verteilen. Dieser letzte Satz ist es, der die meisten Leser an der Echtheit des Pamphlets zweifeln lässt - immerhin müsste der Terroristenchef doch noch immer ausreichend bei Kasse sein, um sich ein paar Fotokopien zu leisten.

Verhüllte pakistanische Frauen stehen Schlange vor den Urnen
DPA

Verhüllte pakistanische Frauen stehen Schlange vor den Urnen

"Der Brief ist gewiss eine Fälschung. Bin Laden hat im Moment andere Sorgen, als Briefe in pakistanische Städte zu schmuggeln", sagt Mohammad S. und kichert kurz. Dass der Terrorchef noch am Leben ist, steht für den Mann mit dem zotteligen Vollbart offenbar außer Zweifel. Mohammad ist Aktivist der mächtigsten radikal-islamischen Partei Pakistans, der Jamiat-Ulema-Islam (Gesellschaft islamischer Gelehrter), die in Pakistan einen Gottesstaat mit Scharia-Gesetzen errichten will. "Allerdings spiegelt der Brief die Wut im Volk über Musharrafs pro-amerikanische Politik wider."

"Bündnis mit den USA falsche Entscheidung"

Mohammed sieht das so, denn er ist Lehrer in der berüchtigten Darwaish Medressah im Zentrum Peschawars. In der Koranschule bildete er bis vor einem Jahr Hunderte Taliban aus, die dann im Nachbarland Afghanistan mit Hilfe der pakistanischen Regierung die Macht eroberten. Heute sind unter den vielen jungen Männern, die durch das Tor der erst vor 25 Jahren - mit Geld des saudischen Königshauses - erbauten Medressah strömen, offiziell keine afghanischen Koranschüler mehr. So hat es Präsident Musharraf verfügt, als seine Regierung nach dem 11. September 2001 den Taliban den Rücken kehrte und sich auf die Seite Washingtons schlug.

"Aus islamischer Sicht war das Bündnis mit den USA eine falsche Entscheidung Musharrafs; er hätte unsere muslimischen Brüder in Afghanistan unterstützen müssen", behauptet Mohammad, während er mit dem Zeigefinger einen kleinen Globus auf seinem Schreibtisch rotieren lässt. Seltsamerweise hängt die Erdkugel verkehrt herum in der schrägen Achse, so dass das Kap der Guten Hoffnung und Feuerland nach oben zeigen, wo eigentlich Norden ist.

Um ihre Weltsicht durchzusetzen, hat sich Mohammads Partei mit fünf anderen radikal-islamischen Bewegungen zu einem Wahlbündnis zusammengeschlossen. Mit einer geschätzten Anhängerschaft von einer Million Menschen ist die Provinz um Peschawar im Westen Pakistans eine Hochburg der Jamiat-Ulema-Islam. Besonders die Bewohner der von Paschtunen dominierten Stammesgebiete an der Grenze zu Afghanistan, in denen der pakistanische Staat kaum Autorität hat, gelten als zutiefst konservativ. "Wir erwarten, dass wir hier knapp die Hälfte aller Sitze gewinnen." Im Nationalparlament werden die radikalen Islamisten Prognosen zufolge allerdings kaum mehr als 25 der 342 Sitze erlangen.



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